Der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und der Münchener Erzbischof Kardinal Reinhard Marx bei einem ökumenischen Gottesdienst.
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20 Jahre Unterzeichnung der Erklärung zur Rechtfertigungslehre

Als einer der größten Streitpunkte der Ökumene beigelegt wurde

Die unterschiedlichen Auffassungen zur Rechtfertigungslehre haben lange zur Trennung von evangelischer und katholischer Kirche beigetragen. 1999 unterzeichneten Vertreter beider Seiten eine gemeinsame Erklärung. Damit war ein Konflikt überwunden, der bis in die Zeit Martin Luthers zurückreicht.

Von Fabian Brand |  Bonn - 31.10.2019

Wohl zu Recht kann man von einem Meilenstein sprechen, der im ökumenischen Miteinander zwischen römisch-katholischer Kirche und dem Lutherischen Weltbund am 31. Oktober 1999 gelegt wurde. An diesem Tag haben Vertreter beider Konfessionen in Augsburg die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre unterzeichnet, die mit einer Annäherung der Kirchen in einem zentralen theologischen Streitpunkt verbunden war. Mit der Gemeinsamen Erklärung wurde öffentlich erklärt, dass zwischen Lutheranern und Katholiken im Blick auf die Rechtfertigungslehre ein Konsens in den Grundsätzen besteht. Damit wurde ein langer Streit beendet, der seit der Reformation schwelte und die ökumenischen Beziehungen nachhaltig belastete. Ein Meilenstein also, der auch 20 Jahre nach seiner Setzung immer noch von großer Bedeutung für den ökumenischen Dialog ist. Zunächst soll geklärt werden, was überhaupt die grundsätzlichen Unterschiede im Verständnis der Rechtfertigung waren, bevor in einem zweiten Schritt die Ergebnisse der Gemeinsamen Erklärung betrachtet werden.

Die Erlangung des Heils

Im Neuen Testament, vor allem in der Verkündigung Jesu, ist eine große begriffliche Vielfalt im Hinblick auf das Heilsgeschehen Gottes, das durch Christus gewirkt wurde, zu beobachten. Das Matthäusevangelium beispielsweise spricht davon, dass im Kreuzestod die "Vergebung der Sünden" (Mt 26,28) gewirkt wurde. Paulus greift diesen Gedanken auf und deutet das Christusgeschehen als "Versöhnung mit Gott" (2 Kor 5,18ff), als "Leben für Gott in Jesus Christus" (Röm 6,11); der Hebräerbrief versteht es als "Befreiung von der Knechtschaft des Todes" (Hebr 2,14f). Herausragend ist dabei das paulinische Verständnis des gewirkten Heils als "Rechtfertigung" der Sünder durch Gottes Gnade im Glauben an den Erweis seiner Gerechtigkeit (Röm 3,23-26). Wer so gerettet ist, der wird zum "Kind Gottes" (Gal 3,26), der ist eine "neue Schöpfung" (2 Kor 5,17). Die begriffliche Vielfalt, die in der Verbindung mit dem in Christus gewirkten Heil entstanden ist, zeigt, dass die frühe Kirche diese Heilserfahrung sehr unterschiedlich verstanden und ausgedeutet hat. Die unterschiedlichen Bilder machen aber auch deutlich, dass die Erfahrung des göttlichen Heils nie uniform gedacht werden kann, sondern immer unterschiedliche Ausprägungen und Erfahrungsweisen besitzt.

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Ein Meilenstein in der Ökumene: Am 31. Oktober 1999 unterzeichnen der Präsident des Lutherischen Weltbundes, Christian Krause, und der Präsidenten des Päpstliches Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Edward Idris Cassidy, die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre".

Paulus hat sich besonders in seinem Römerbrief sehr intensiv mit der Frage nach der Erlangung des Heils auseinandergesetzt. Vor dem Christusereignis sieht Paulus den Menschen in seiner Sündhaftigkeit und seiner Todverfallenheit: "Wie durch einen einzigen Menschen die Sünde in die Welt kam und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise der Tod zu allen Menschen gelangte, weil alle sündigten" (Röm 5,12). Paulus erkennt hier also einen engen Zusammenhang zwischen der Sünde des ersten Menschen und dem Tod, der aufgrund des sündhaften Handelns in die Schöpfung getreten ist. Befreiung von diesem Kreislauf aus Sünde und Tod wird durch den Kreuzestod Jesu und seiner Auferstehung gewirkt. Sie ermöglicht es dem Glaubenden, Sünde und Tod zu überwinden und einen neuen Weg zu beschreiten: den Weg des Lebens. "Wie es also durch die Übertretung eines Einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so kommt es auch durch die gerechte Tat eines Einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung, die Leben schenkt." (Röm 5,18) Die Verbindung zwischen dem ersten Menschen (Adam) und dem Menschen, der Gerechtmachung erwirkt (Christus) ist für Paulus eine sehr zentrale Denkfigur. Die Rechtfertigung des Sünders, also seine Gerechtmachung, geschieht, so könnte man Paulus verstehen, durch den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Dadurch wird jeder, der gestorben ist, frei von Sünde (vgl. Röm 6,7). Paulinisch gedacht bedeutet Rechtfertigung demnach zuerst den Glauben an Christus, den auferstandenen Herrn, dadurch alleine geschieht die Gerechtmachung, die den Menschen von der Macht der Sünde und des Todes befreit.

Zur Zeit der Reformation entbrannte beim Thema "Rechtfertigung" ein großer Streit zwischen der katholischen Kirche und Martin Luther und dessen seinen Anhängern. Denn Rechtfertigung wurde katholischerseits nicht nur als bloßer Glaubensakt verstanden, sondern konnte nur durch ein entsprechendes Handeln erlangt werden. Ein Leben gemäß dem Evangelium, aber auch Reliquienverehrung oder das Kaufen von Ablässen oder Messstipendien wurden als gute Werke verstanden, die einen Teil zur eigenen Rechtfertigung beitrugen. Besonders dem Empfang der Sakramente wurde hier ein großer Wert beigemessen, da die Sakramente das Heil, das sie bewirken, auch enthalten. Salopp könnte man es so formulieren: Glaube allein reicht nicht, um gerecht gemacht zu werden, es braucht auch die entsprechenden Taten.

Martin Luther war diese Praxis allerdings ein Dorn im Auge, was wohl auch den damaligen Umständen geschuldet war. Luther formuliert seine Kritik in den 95 Thesen sehr deutlich: "Man muss die Christen lehren: Wer einen Bedürftigen sieht, sich nicht um ihn kümmert und für Ablässe etwas gibt, der erwirbt sich nicht Ablässe des Papstes, sondern Gottes Verachtung." Was für Luther zählt ist also nicht die Anzahl der gekauften Ablässe oder der Frömmigkeitsübungen, die notwendig sind, um sich das Heil Gottes zu erwerben. Luther argumentiert mit dem paulinischen Römerbrief: Rechtfertigung geschieht allein durch den Glauben (sola fide); sie ist Sache Gottes und nicht der Menschen. Allein durch Christus ist Gottes Heil ein für alle Mal gewirkt und die Menschen haben den Auftrag, durch das Wort des Evangeliums zum Glauben daran zu kommen und dadurch gerechtgemacht zu werden. Vonseiten der katholischen Kirche wurde Luthers These als eine bloße "Gerechtsprechung" bezeichnet, die aber mit einer wirklichen Gerechtmachung nichts zu tun habe.

Die Martin-Luther-Statue in Erfurt.

Der Streit um die Frage nach der Rechtfertigung schwelte über die Jahrhunderte hinweg und blieb innerhalb der ökumenischen Theologie eines der kontrovers diskutierten Themen. Im Zuge der im 20. Jahrhundert begonnenen ökumenischen Dialoge und der Annäherung zwischen den Konfessionen wurde auch das Rechtfertigungsthema zum Objekt neuerlicher theologischer Diskussionen. Ein erster Erfolg war schließlich die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die von katholischen und reformierten Theologen ausgearbeitet und schließlich von beiden Seiten wohlwollend unterzeichnet wurde.

Kein kirchentrennender Charakter mehr

Gegenstand der Erklärung ist ein gemeinsames Verständnis der Rechtfertigung, das sich vor allem dadurch auszeichnet, dass es von einem Konsens der Grundwahrheiten ausgeht, einige unterschiedliche Aussagen und Entfaltungen aber weiterhin zur Disposition stellt. Mit dem biblischen Zeugnis argumentierend hält die Gemeinsame Erklärung fest: "Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht auf Grund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken." Und weiter wird erläutert: "Gemeinsam sind wir der Überzeugung, dass die Botschaft von der Rechtfertigung uns in besonderer Weise auf die Mitte des neutestamentlichen Zeugnisses von Gottes Heilshandeln in Christus verweist: Sie sagt uns, dass wir Sünder unser neues Leben allein der vergebenden und neuschaffenden Barmherzigkeit Gottes verdanken, die wir uns nur schenken lassen und im Glauben empfangen, aber nie – in welcher Form auch immer verdienen können." Damit baut die Gemeinsame Erklärung die Brücke zwischen katholischem und lutherischem Verständnis, indem sie die Rechtfertigung mit der Person Jesu Christi verknüpft und sie dahingehend als Zentrum des Heilshandelns Gottes in Christus ausmacht. Als Grundanliegen macht die Gemeinsame Erklärung die Verkündigung von Christus, als dem Mittler zwischen Gott und den Menschen, fest. Dass diese Verkündigung in den Konfessionen auf unterschiedliche Art und Weise erfolgt, stellt kein Hindernis mehr dar. Den ökumenischen Dialogen ist es also gelungen, der Rechtfertigungslehre ihren kirchentrennenden Charakter zu nehmen und einen Konsens in Grundwahrheiten zu erarbeiten, dem beide Kirchen voll und ganz zustimmen können.

Von Fabian Brand

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