Die Kirche in Deutschland 2019: Auf dem "synodalen Weg" aus der Krise?
Jahresrückblick aus Sicht der Kirche in der Bundesrepublik

Die Kirche in Deutschland 2019: Auf dem "synodalen Weg" aus der Krise?

Für die katholische Kirche in Deutschland war 2019 ein ambivalentes Jahr: Einerseits hatte sie weiter mit den Folgen des Missbrauchsskandals zu kämpfen, andererseits weckte der Beschluss für den "synodalen Weg" Hoffnungen auf Reformen und eine positive Zukunft. Katholisch.de blickt zurück.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 31.12.2019

Er ist die Klammer um das kirchliche Jahr 2019: der "synodale Weg". Die Reforminitiative, die am ersten Advent mit dem Entzünden von Synodalkerzen in den Domkirchen der Republik offiziell gestartet wurde, war im zu Ende gehenden Jahr das beherrschende Thema in der katholischen Kirche in Deutschland. Monatelang bestimmte der "synodale Weg" die innerkirchliche Debatte und sorgte mit Blick auf die Frage nach seinen kirchenrechtlichen Befugnissen und seinen inhaltlichen Zielen für jede Menge Zündstoff.

Begonnen hatte die Diskussion um den Reformprozess Ende Januar bei einer Sitzung des Ständigen Rats der Deutschen Bischofskonferenz. Wenige Monate nach der Veröffentlichung der MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche brachten vier Diözesanbischöfe dort erstmals die Idee einer "synodalen Veranstaltung" von Bischöfen und Laien ins Gespräch. Der Vorstoß sollte einen möglichen Ausweg aus der "existenziellen Krise" der Kirche aufzeigen, scheiterte aber zunächst am Widerstand einiger Oberhirten.

"Nötiger Machtabbau", Zölibat und Sexualmoral

Einige Wochen später tauchte die Idee dann jedoch wieder auf – als offizieller Beschluss der Bischofskonferenz. Wohl auch angesichts des großen öffentlichen und innerkirchlichen Drucks sprachen sich die Bischöfe bei ihrer Frühjahrs-Vollversammlung in Lingen nach intensiven Beratungen dafür aus, gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) einen "verbindlichen synodalen Weg" zur Erneuerung der Kirche einzuschlagen. Themen dieser Debatte seien der "nötige Machtabbau" bei den Klerikern, der Zölibat und die Sexualmoral der Kirche, so Kardinal Reinhard bei der Abschlusspressekonferenz der Tagung.

Schaltete sich Ende Juni mit einem Brief an die Katholiken in Deutschland in die Debatte um den "synodalen Weg" ein: Papst Franziskus.

Dass der Beschluss für den "synodalen Weg" allerdings noch ziemlich unkonkret und alles andere als unumstritten war, zeigte sich nach der Vollversammlung. Über Monate hinweg diskutierten Befürworter und Kritiker kontrovers über die inhaltliche Ausgestaltung und die rechtliche Verbindlichkeit des Formats – bis sich Ende Juni sogar Papst Franziskus in die Debatte einschaltete. In einem Brief "An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland" äußerte er Ermutigungen und Bedenken bezüglich des Reformprozesses; eine Befriedung der hitzig geführten Diskussion gelang dem Kirchenoberhaupt damit aber nicht. Während die Befürworter des "synodalen Wegs" den Brief als Zuspruch für das Vorhaben werteten, verwiesen die Kritiker auf die päpstlichen Hinweise bezüglich einer notwendigen Evangelisierung und die Mahnung zur Einheit mit der Weltkirche.

Unterstützung erfuhren die Kritiker Mitte September durch einen Brief der vatikanischen Bischofskongregation und ein Gutachten des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte. Darin wurde der "synodale Weg" als schwer vereinbar mit dem Kirchenrecht beurteilt. Der zuständige Kurienkardinal Marc Quellet ermahnte die deutschen Bischöfe, sich keine Entscheidungskompetenzen für Fragen anzumaßen, die allein auf weltkirchlicher Ebene entschieden werden könnten. Als Reaktion auf diese von vielen deutschen Kirchenvertretern als unfreundlich empfundene Einflussnahme reiste Kardinal Marx wenige Tage später in den Vatikan, um die Wogen zu glätten. Dies gelang – wohl auch, weil die von Bischöfen und ZdK gemeinsam erarbeitete Satzung des "synodalen Wegs" bereits überarbeitet worden war und die Position der Bischöfe gestärkt wurde. Dadurch konnte das Statut schließlich noch vor dem ersten Advent von der Bischofskonferenz und der ZdK-Vollversammlung beschlossen werden.

Bundesweiter Protest und Gegenprotest

Ob der "synodale Weg" erfolgreich sein wird, wird sich wohl erst am Ende des auf zwei Jahre angelegten Prozesses zeigen. Klar ist aber: Der Druck im kirchlichen Kessel ist nach den Skandalen der vergangenen Jahre enorm, viele Gläubige erwarten endlich umfassende Reformen. Deutlich wurde dies im zu Ende gehenden Jahr etwa durch die Initiative "Maria 2.0". Von einer Frauengruppe aus Münster gegründet, wuchs sich die Initiative schnell zu einer bundesweiten Bewegung aus. Höhepunkt von deren Aktivitäten war im Mai ein viel beachteter Kirchenstreik, bei dem Tausende Katholikinnen eine Woche lang keine Gotteshäuser betraten und keine ehrenamtlichen Tätigkeiten verrichteten. Der Protest löste eine breite Debatte aus, stieß aber auch auf Kritik – etwa bei den Bischöfen. Eine Katholikin aus dem Bistum Augsburg rief zudem die Gegenbewegung "Maria 1.0" ins Leben.

Geldscheine vor einem Kirchturm

Problematisch entwickelte sich für die Kirche die Diskussion um eine Änderung bei den Entschädigungszahlungen für Missbrauchsopfer.

Dass ein Streik vielen Gläubigen als Ausdruck ihres Unmuts nicht mehr reicht, zeigte sich im Juli bei der Veröffentlichung der kirchlichen Jahresstatistik. Dabei musste die Kirche wieder einmal eine dramatisch hohe Zahl an Austritten vermelden. 216.078 kehrten 2018 der Kirche den Rücken, mehr waren es nur 2014 nach dem Skandal um Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Dass der Mitgliederschwund wohl noch lange nicht beendet ist, zeigte Anfang Mai eine Studie des Freiburger Forschungszentrums Generationenverträge. Darin kamen die Forscher im Auftrag der Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu dem Ergebnis, dass die beiden großen Kirchen in Deutschland bis zum Jahr 2060 die Hälfte ihrer Mitglieder und ihrer Finanzkraft verlieren werden. Neben den Kirchenaustritten soll dafür jedoch vor allem der demografische Wandel verantwortlich sein.

Schwierige Debatte um Entschädigungszahlungen für Missbrauchsopfer

Problematisch entwickelte sich für die Kirche in der zweiten Jahreshälfte die Diskussion um eine Änderung bei den Entschädigungszahlungen für Missbrauchsopfer. Nach der bisherigen Regelung der Bischofskonferenz zur "Anerkennung zugefügten Leids" erhalten Betroffene Pauschalzahlungen von 5.000 Euro, in Einzelfällen auch mehr. Bislang wurden dafür rund 9,7 Millionen Euro bewilligt – eine Summe, die künftig erheblich ansteigen könnte. Denn im September legte eine von der Bischofskonferenz eingesetzte Arbeitsgruppe unter Beteiligung von Missbrauchsopfern ein Empfehlungspapier vor, das für eine Neuregelung der Zahlungen zwei Modelle vorschlägt.

Das eine Modell sieht eine pauschale Entschädigung in Höhe von rund 300.000 Euro pro Fall vor, das andere ein abgestuftes Entschädigungsverfahren, bei dem je nach Schwere des Falls zwischen 40.000 und 400.000 Euro gezahlt werden sollen. Schätzungen zufolge könnte dies Zahlungen von insgesamt bis zu einer Milliarde Euro nach sich ziehen. Kritiker befürchten, dass dadurch das gesamte System der Opferentschädigung aus dem Gleichgewicht geraten könnte. Angeheizt wurde die Debatte zudem durch den Trierer Bischof Stefan Ackermann, der im November erklärte, dass Entschädigungszahlungen an Missbrauchsopfer auch aus Kirchensteuermitteln bezahlt werden müssten – eine Aussage, die viel Protest auslöste.

Bei vielen ethischen Debatten im Bundestag war die kirchliche Position 2019 nicht mehrheitsfähig oder stark unter Druck.

Auch mit Blick auf die Bundespolitik war 2019 für die Kirche ein schwieriges Jahr. Dies lag vor allem an einer Reihe ethischer Grundsatzfragen, die im Bundestag diskutiert wurden und aus katholischer Sicht kaum zufriedenstellend verliefen. Ob die Debatte um den Paragrafen 219a, der das Werbeverbot für Abtreibungen regelt, oder die Diskussionen um vorgeburtliche Bluttests für Schwangere und die geplante Neuregelung der Organspende – in all diesen Fällen war die kirchliche Position nicht mehrheitsfähig oder stark unter Druck.

Zugleich griff die Kirche aber auch mit eigenen Publikationen in die politische Debatte ein. Im April veröffentlichten Bischofskonferenz und EKD das gemeinsame Wort "Vertrauen in die Demokratie stärken", in dem sie zu mehr Engagement für die Demokratie aufriefen. Zwei Monate später folgte dann die Arbeitshilfe "Dem Populismus widerstehen", in der die Bischofskonferenz sich besorgt über rechtspopulistische Tendenzen bis weit in bürgerliche und kirchliche Milieus zeigte und die Kirchengemeinden zum kritischen Dialog ermutigte.

Grund zur Freude in einigen Bistümern

Personell schließlich gab es 2019 im Kreis der Bischofskonferenz kaum Veränderungen. Während im März in Fulda mit Michael Gerber ein neuer Bischof in sein Amt eingeführt wurde, begann Anfang Juli in Augsburg mit dem altersbedingten Rücktritt von Konrad Zdarsa die Zeit der Sedisvakanz, die bislang noch nicht beendet ist. Eine größere Zäsur gab es nur beim ZdK: Hier beendete Stefan Vesper im Dezember nach 20 Jahren seine Tätigkeit als Generalsekretär des Laiengremiums; sein Nachfolger wird zum 1. Januar Marc Frings.

Grund zur Freude gab es in einigen Bistümern: Die ostdeutschen Diözesen Erfurt, Görlitz und Magdeburg konnten 2019 ihr 25-jähriges Bestehen feiern; sie waren 1994 im Zuge der Neuordnung der deutschen Bistumslandschaft nach der Wiedervereinigung neu errichtet worden. Das Bistum Limburg wiederum konnte seine erste Seligsprechung feiern. Am 15. September wurde der im NS-Konzentrationslager Dachau gestorbene Pallottinerpater Richard Henkes (1900-1945) auf diese Weise als Vorbild und Fürsprecher bei Gott geehrt. Papst Franziskus würdigte Henkes in einem Apostolischen Schreiben als unerschrockenen Verkünder des Evangeliums und heroischen Zeugen der christlichen Liebe. Der Ordensmann hatte sich in Dachau freiwillig um Typhuskranke gekümmert und war am 22. Februar 1945 selbst an der Krankheit gestorben.

Von Steffen Zimmermann