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Standpunkt

Was eine Rettungsweste am Kreuz mit Weihnachten zu tun hat

Ausgerechnet im Advent hat Papst Franziskus eine in Kreuzform gegossene Rettungsweste im Vatikan anbringen lassen. Ein skandalöses Objekt? Gudrun Sailer erinnert daran, was die Kirche über den Zusammenhang zwischen Krippe und Kreuz lehrt.

Von Gudrun Sailer |  Bonn - 24.12.2019

redakteurin gudrun sailer

Im Vatikan stehen in diesem Jahr noch mehr Krippen als sonst. Liebevoll gestaltete Arrangements mit Ochs und Esel, Engeln und Mägden, Hirten und Schafen und Königen und der Heiligen Familie: nicht nur auf dem Petersplatz, auch im Inneren des Vatikanstaates, in Bürogebäuden oder unter freiem Himmel wie vor der Kirche Santo Stefano degli Abissini. Diese altmodischen Krippen berühren eine sentimentale Taste, sind Ausdruck von Volksfrömmigkeit und Tradition und dem Glauben von 2.000 Jahren. Da mögen Kerzen, Kranz und Baum noch so funkeln, Krippen sind die besten Botschafter des Weihnachtsgeschehens. Genau deshalb wirbt Papst Franziskus ausdrücklich für das Aufstellen und Betrachten von Krippen: Sie machen nicht bloß Stimmung, sie erzählen, was Weihnachten ist.

Ebenfalls im Advent hat der Papst in einem Raum im Vatikan ein anderes Symbol anbringen lassen, eines, das nicht an die Geburt in Betlehem erinnert, sondern an die Toten im Mittelmeer. Eine benutzte Rettungsweste, mit Acryl in Kreuzform gegossen. Die orange Weste nimmt die Stelle des Oberkörpers Christi auf dem Kruzifix ein. Es ist ein starkes Objekt. Ein für manche skandalöses Objekt, weil es einen toten Migranten anstelle des Menschensohns imaginiert. Nun hängt es am Hintereingang des Apostolischen Palastes, wo Kurienleute und Gäste Richtung Staatssekretariat aufsteigen und nicht an diesem Kreuz vorbeikönnen, ohne es zu sehen.

Die Kirche aller Zeiten lehrt, dass Krippe und Kreuz zusammengehören. Manche Weihnachtsikonen der östlichen Überlieferung zeigen das neugeborene Jesuskind in einer Krippe, die wie ein Grab aussieht, woran Benedikt XVI. einmal erinnert hat. "Menschwerdung und Ostern sind zwei untrennbare Schlüsselpunkte des einen Glaubens an Jesus Christus", sagte der deutsche Papst. Sein Nachfolger unterstrich bei der Enthüllung des Rettungswesten-Kreuzes die christliche – und eben nicht kulturelle – Bedeutung des Folterinstruments: Das Kreuz symbolisiert den Sieg Gottes über den Tod. Ein Sieg, an dem auch der unbekannte Migrant Anteil hat, der mit der Hoffnung auf ein neues Leben diese Weste trug. "Das Licht der Krippe kennt den Tod", schreibt die geistliche Autorin Andrea Schwarz, "und das Kreuz enttarnt die falschen Lichter". Weihnachten leuchtet im Zeichen der Auferstehung. 

Ein frohes Fest!

Von Gudrun Sailer

Die Autorin

Gudrun Sailer ist Redakteurin bei "Vatican News".

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