Gerüchte, Gewissheit, Glaubenszweifel – Auschwitz und die Päpste
Große Reden und keine Rede

Gerüchte, Gewissheit, Glaubenszweifel – Auschwitz und die Päpste

Auschwitz, wo der Glaube an Gott der bisher wohl härtesten Probe unterzogen wurde, war und ist auch für das Oberhaupt der katholischen Kirche eine Herausforderung. Die Päpste von Pius XII. bis Franziskus setzten dabei am Ort der Vernichtung ganz unterschiedliche Akzente.

Von Roland Juchem (KNA) |  Auschwitz - 26.01.2020

"Ich glaube nicht, dass wir über Informationen verfügen, die – insbesondere – diese schwerwiegenden Nachrichten bestätigen würden." Diese Notiz schrieb Luigi Maglione, Kardinalstaatssekretär von Papst Pius XII., an den Rand eines Berichts, den ihm am 26. September 1942 Myron Taylor, ein persönlicher Vertreter von US-Präsident Roosevelt, übergeben hatte.

Es ging um Berichte, dass die Bewohner des Warschauer Ghettos umgebracht und Juden aus Westeuropa "ins Schlachthaus geschickt" würden. Ob der Vatikan Näheres dazu wisse, wollte Taylor wissen. Der Vatikan war damals nicht der einzige, der mit ungesicherten Berichten über Nazi-Gräuel konfrontiert wurde. Auch in Washington tat mancher solche zunächst als Gerüchte ab. Die aber nach und nach Gewissheit wurden.

Ebenfalls Mitte September berichtete Taylor dem Papst über Deportationen von Juden aus dem besetzten Frankreich. Als er danach den für vatikanische Außenbeziehungen zuständigen Mitarbeiter Domenico Tardini traf, erwähnte Taylor unter anderem "die Gelegenheit und Notwendigkeit" eines Papst-Wortes gegen die "vielen Vergehen, die von Deutschen begangen werden". Auf den Einwand, der Papst habe sich schon mehrfach gegen jegliche Verbrechen geäußert, sagte Taylor: "Er kann das wiederholen". Tardinis eigene Notiz: "Mir blieb nichts, als zuzustimmen."

Dies sind nur einige der bisher bekannten Belege, wann und wie man im Vatikan von der Juden-Verfolgung durch die Deutschen erfuhr. Zu finden sind sie in zwölf Bänden mit einer groben Auswahl an Archiv-Material aus dem Pontifikat Pius' XII. (1939-1958). Paul VI. hatte es ab 1965 zusammentragen lassen.

Beginn einer umfassenden Forschung

Mit der Öffnung des inzwischen geordneten vatikanischen Archivmaterials zu Pius XII. ab dem 1. März soll eine umfassende Erforschung beginnen. 83 erste Anträge sind inzwischen genehmigt. Für ein genaueres Bild, ob Pius XII. und andere im Vatikan zum Holocaust zu wenig gesagt und getan haben und warum das so war, wird die Wissenschaft Jahre brauchen.

Der Holocaust war sicherlich einer der Gründe, warum Johannes XXIII. beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) eine eigene Erklärung zum Judentum durchsetzen wollte. In der Erklärung "Nostra aetate" "beklagt die Kirche" auch "alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben".

Bild: © KNA

Die zweite Auslandsreise von Papst Benedikt XVI. führte ihn vom 25. bis zum 28. Mai 2006 nach Polen.

Johannes Paul II., der als Pole ebenfalls Opfer der deutschen Besatzung war und enge jüdische Freunde hatte, war der erste Papst, der Auschwitz besuchte. Schon als Priester und Bischof war er oft dort gewesen. Viele Male "bin ich hinabgestiegen in die Todeszelle von Maximilian Kolbe, habe vor der Erschießungswand gekniet und bin durch die Ruinen der Verbrennungsöfen gegangen", sagte der Papst am 7. Juni 1979 bei einer Messe in Auschwitz-Birkenau.

Jetzt knie er wieder an "diesem Golgotha der modernen Welt". Wenn jedoch "der Schrei der Menschen, die hier gefoltert wurden", Frucht bringen solle für Europa und die Welt, so Johannes Paul II. weiter, "dann muss die Erklärung der Menschenrechte ihre daraus gezogenen angemessenen Folgen haben".

Ein deutscher Papst in Auschwitz

Im Mai 2006 kam Benedikt XVI. nach Auschwitz. "Ich stehe hier als Sohn des deutschen Volkes", sagte er und erinnerte an seinen polnischen Vorgänger. "Ich konnte unmöglich nicht hierherkommen" an diesen Ort einer "Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte".

Insgesamt wurde auch seine Rede als Beitrag zur Erinnerung und Versöhnung aufgenommen. Dennoch wurde Benedikts Anmerkung, dass eine "Schar von Verbrechern" das Volk der Deutschen "zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht" habe, teils als unziemliche Verharmlosung aufgefasst.

Begonnen hatte Benedikt XVI. mit der Feststellung: "An diesem Ort versagen die Worte, kann eigentlich nur erschüttertes Schweigen stehen – Schweigen, das ein inwendiges Schreien zu Gott ist: Warum hast du geschwiegen?"

Als Franziskus im Juli 2016 die Gedenkstätte besuchte, hielt er keine Rede. Still und allein saß der Papst vor der Erschießungswand, in der Hungerzelle und betete. Allein im Gedenkbuch hinterließ er die Worte: "Herr, erbarme dich deines Volkes! Herr, vergib so viel Grausamkeit!"

Von Roland Juchem (KNA)