Blick auf den Mainzer Dom.
Serie: Unsere Bistümer

Bistum Mainz: "Heiliger Stuhl" mit herausfordernder Geschichte

Es war die größte Kirchenprovinz der lateinischen Kirche: Zeitweise unterstanden dem "goldenen" Erzbistum Mainz 15 Suffragandiözesen von Verden bis Chur und von Worms bis Prag – bis die Wahl eines Bischofs alles in Gefahr brachte. Doch die Mainzer Kirche ließ sich nicht von der Nostalgie lähmen.

Von Cornelius Stiegemann |  Bonn/Mainz - 09.11.2019

Als die Revolutionstruppen noch meilenweit von den Stadttoren entfernt sind, ist Mainz schon lange französisch. Erzbischof Friedrich Karl Joseph von Erthal hatte den Adligen und Geistlichen aus Frankreich gerne Asyl gewährt. Unter ihnen ist Mainz schnell zum Zentrum der Gegenrevolution geworden. Wenig überraschend hatte Erthal sich nach der Gefangennahme König Ludwig XVI. durch die Revolutionäre der Koalition der europäischen Fürsten angeschlossen. Dass er mit dieser Entscheidung den Untergang des über 1000 Jahre alten Erzbistums herbeiführen würde, konnte niemand ahnen. Als die Revolutionstruppen die alte Bischofsstadt schließlich einkesseln, sind Erthal und sein Hof bereits nach Aschaffenburg geflohen.

Brutaler hätte dieser Umbruch kaum sein können, urteilt heute der Mainzer Kirchenhistoriker Claus Arnold: "Man ist im Grunde genommen, aus höchsten Höhen – vom Reichserzkanzler und Haupt der größten Kirchenprovinz in der lateinischen Kirche auf ein Departmentsbistum und dann auf ein hessen-darmstädtisches Landesbistum – abgestürzt." Napoleon setzt 1801 nach der atheistischen Herrschaft der Revolutionäre wieder einen Bischof ein. Nach dem Wiener Kongress werden die Grenzen des Bistums 1821 neu umrissen und bis heute kaum verändert. Zwischen all den Umbrüchen gibt es für die Gläubigen eine Konstante: den Bischofssitz in Mainz. Damit ist die große Vergangenheit auch in der Gegenwart präsent. "Sie wird für das neue Bistum verpflichtende Tradition, durch die man sich auch herausgefordert gesehen hat", sagt Arnold.

Bonifatius und seine Erben

Begonnen hat alles schon viel früher: Christen gibt es in der römischen Garnisonsstadt Moguntiacum vermutlich schon seit dem 2. Jahrhundert, der erste Bischof, der sich sicher fassen lässt, lebt im 6. Jahrhundert. Doch als der angelsächsische Missionar Bonifatius ins Frankenreich kommt, ist der Glaube bereits verfallen. Bonifatius will durch seine Neuorganisationen die germanische Kirche reformieren – und Bischof von Köln werden. Doch der fränkische Adel dort sperrt sich gegen den Angelsachsen und so muss er widerwillig mit dem Bischofsstuhl von Mainz vorlieb nehmen.

Eine Kirche für Königskrönungen und große Prozessionen: der Mainzer Dom

Seine Nachfolger berufen sich jedoch – in Konkurrenz zur Reichsabtei Fulda – zu seinen Erben. In den 780er Jahren fälscht Lullus Bonifatius' Ernennungsurkunde aus Rom, um selbst Erzbischof werden zu können. Im Lauf der nächsten Jahrhunderte wächst einerseits das Gebiet der Diözese von Mainz und Bingen in große Teile Mitteldeutschlands hinein. Andererseits wird Mainz zum Metropoliten der Missionsbistümer im östlichen Frankenreich. Dem Mainzer Erzbischof unterstehen zeitweise 15 Diözesen, von Verden an der Aller im Norden über Würzburg und Augsburg bis Chur im Süden und von Straßburg im Westen bis Prag und Olmütz im Osten. Damit ist Mainz die größte Metropolie der lateinischen Christenheit.

Dabei ist der Mainzer Erzbischof nicht nur Kirchenmann: "Im alten Reich ist die Kirche ein struktureller Faktor im Staatswesen. Das gilt insbesondere für den Mainzer Erzbischof als Reichserzkanzler für Germanien mit einem eigenen Territorium, dem Erzstift, das bis nach Thüringen reichte." Die römischen Könige werden in Frankfurt, das damals noch zu Mainz gehörte, gewählt, und dem Erzbischof ist es vorbehalten, den König zu salben. Deshalb wurde der Mainzer Dom auch urprünglich nicht als Gemeindekirche angelegt: "Er war eben eine Kirche um Königskrönungen und große Prozessionen durchzuführen. Erzbischof Willigis hat durch diesen Bau seinen Anspruch im Reich dokumentiert", sagt Arnold. Aufgrund seiner wichtigen Stellung für die deutsche Kirche erhält das Erzbistum auch die Bezeichnung "Heiliger Stuhl" – anders als einige andere Diözesen weltweit hat Mainz diese Bezeichnung bis heute behalten.

Ein Mainzer Bischof wird Mitauslöser der Reformation

Doch diese Größe ist häufig bedroht – von außen wie von innen. In einer Zeit religiöser und sozialer Unruhen wählte das Domkapitel deshalb den Bruder des mächtigen Kurfürsten von Brandenburg zu ihrem Oberhirten, obwohl Albrecht von Brandenburg bereits Erzbischof von Magdeburg und Administrator von Halberstadt ist – für die damalige Zeit ein ungewöhnlicher Fall von Pfründehäufung. Dafür muss er Ausnahmegebühren an die Kurie zahlen. 29.000 Dukaten leiht er sich im Jahr seiner Wahl 1514 von den Augsburger Fuggern. Die Kredite sollen durch Einnahmen aus dem Ablasshandel beglichen werden. 50 Prozent der Einnahmen gehen direkt nach Augsburg, die andere Hälfte finanziert den Neubau der Peterskirche in Rom mit. Ein Vorgehen, das der Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther in 95 Thesen kritisiert. Erzbischof Albrecht versteht Luthers Anliegen kaum und nimmt erst 1520 brieflichen Kontakt zu ihm auf. Da ist Luther längst zum Hoffnungsträger der auf Reformen hoffenden Gläubigen geworden.

400 Jahre später stellt man sich die Frage, wie man mit dieser Geschichte umzugehen hat: Wie soll man an große Gestalten wie den Gelehrtenbischof Rabanus Maurus anknüpfen? Die mittelalterliche Größe ist nach der Neuordnung 1821 jedenfalls endgültig vergangen. Im 19. Jahrhundert wird das Bistum Mainz "eine Kirche, die dadurch an Einfluss gewinnt, dass sie die Laien mobilisiert", sagt Arnold. Mainz ist der Ort, an dem im Jahre 1848 die erste Generalversammlung der deutschen katholischen Vereine stattfindet, der Vorläufer der heutigen Katholikentage.

Bild: © KNA

Wilhelm Emmanuel von Ketteler war von 1850 bis 1877 Bischof von Mainz.

Statt sich durch Nostalgie lähmen zu lassen, greifen die Mainzer Bischöfe in die Probleme ihrer Gegenwart ein. Ein Bischof tut das ganz besonders: Wilhelm Emmanuel von Ketteler. Der Sohn aus westfälischem Adel ist bekannt für seine streitbare Natur. Schon seit seiner ersten Priesterjahre im münsterländischen Beckum ist er für soziale Themen sensibilisiert. "Er hatte diese Probleme dann auch als Bischof vor der Haustür. Durch Städte wie Offenbach gab es im Bistum Mainz Zentren der Industrialisierung. Der Pauperismus und die Phänomene der Entwurzelung, die Interessen der Arbeiter, die von den Fabrikbesitzern kaum in den Blick genommen wurden." Das habe dazu geführt, dass sich Ketteler als "Arbeiterbischof" der sozialen Frage annahm und für die Industriearbeiter eintrat. "Eines der zentralen Probleme des 19. Jahrhunderts ist von Mainz aus artikuliert worden", sagt Arnold.

Der streitbare Kirchenobere gehört beim Ersten Vatikanum zur Minorität, die sich gegen das Unfehlbarkeitsdogma ausspricht. "Er ist dann mit den anderen Bischöfen früher abgereist, um bei der Schlussabstimmung nicht gegen den Papst stimmen zu müssen. Nachdem die Entscheidung gefallen war, hat er sie sofort akzeptiert und für das Bistum umgesetzt", sagt der Mainzer Kirchenhistoriker. In Kettelers 27-jähriges Pontifikat fallen auch der Kulturkampf und die Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie. Sie sorgten dafür, dass man in Mainz "im sogenannten Weltanschauungskampf besonders geübt war" – eine Art Vorbereitung auf das, was kommen sollte.

NSDAP-Mitglieder werden faktisch exkommuniziert

Als Pfarrer Heinrich Weber aus Kirschhausen am 14. September 1930 von der Kanzel steigt, war die Gauleitung erst einmal baff. Sie schreibt an das bischöfliche Ordinariat: Jedem Katholiken sei es verboten, Mitglied der NSDAP zu sein? Kein NSDAP-Mitglied dürfe in Uniform oder mit sonstigen Erkennungszeichen an Beerdigungen oder andern kirchlichen Veranstaltungen teilnehmen? Und "solange ein Katholik eingeschriebenes Mitglied der Hitlerpartei sei, könne er nicht zu den Sakramenten zugelassen werden"?

In der Tat: Faktisch sind Parteimitglieder auf Mainzer Bistumsgebiet exkommuniziert gewesen, sagt Arnold: "Die Mitgliedschaft ist als eine Form der Apostasie behandelt worden", da die Nationalsozialisten – so liest man in dem Brief des Generalvikars – "geradezu eine Affenliebe zur eigenen Rasse predigen und den Kampf und den Hass gegen alles Fremdrassige verherrlichen". Das sei unvereinbar mit einem echten katholischen Christentum.

Diese Position wird zwischen 1929 und 1933 von allen anderen Bistümern übernommen. Erst mit Hitlers Regierungserklärung und seiner Versicherung, die Rechte beider großen Kirchen zu schützen, nimmt man sie wieder zurück. Die Bischöfe sind ab 1934 schnell enttäuscht worden, sagt Arnold, "aber man führte die scharfe Linie nicht wieder ein. Denn man saß in der mentalen Falle, dass man sich nicht gegen die staatliche Autorität – Hitler war schließlich gewählter Reichskanzler – stellen wollte."

Bild: © katholisch.de

Der 2018 verstorbene Kardinal Karl Lehmann und sein Nachfolger als Bischof von Mainz, Peter Kohlgraf.

Nach Albrecht von Brandenburg erhalten noch zwei Oberhirten von Mainz den Kardinalshut: 1973 erhebt Papst Paul VI. Bischof Hermann Volk zum Kardinal für seine Verdienste um die Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Trotz Meinungsverschiedenheiten mit Rom, etwa bei der Schwangerschaftskonfliktberatung und der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion, wird auch Bischof Karl Lehmann Anfang 2001 von Papst Johannes Paul II. zum Kardinal erhoben. Im Bistum genießt er als historisch-interessierter und menschennaher Kirchenmann große Popularität. Außerhalb ist Lehmann vor allem als langjähriger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz bekannt. "Das hat die Wahrnehmung des Bistums geprägt: Ein Bischof, der zu allen wichtigen Fragen der Zeit Stellung bezogen hat und Konflikten nicht aus dem Weg gegangen ist", sagt Claus Arnold. Lehmanns Nachfolger wird 2017 der Pastoraltheologe Peter Kohlgraf. Der 88. Nachfolger des heiligen Bonifatius auf dem Mainzer Bischofsstuhl muss sich heute mit den großen pastoralen Umstrukturierungen befassen, die der demografische Wandel und die Kirchenaustritte mit sich bringen. Doch schon Kardinal Lehmann war überzeugt: "Er ist nicht nur geeignet, sondern wird uns viel Freude machen."

Von Cornelius Stiegemann