Erzbistum Köln: Könige als Kriegsbeute und frommes Fringsen
Serie: Unsere Bistümer

Erzbistum Köln: Könige als Kriegsbeute und frommes Fringsen

Die rheinische Diözese gehört zu den ältesten Deutschlands – und kann dementsprechend auf eine gleichsam lange wie wechselvolle Geschichte zurückblicken. Denn hier wurden PR-Coups gelandet und die Reformation erfolgreich verhindert.

Von Christoph Paul Hartmann |  Köln - 19.10.2019

Auf einmal war es da. Niemand weiß genau, seit wann es ein Bistum in Köln gibt. Nur eins ist sicher: Bei zwei Kirchenversammlungen in Arles und Rom in den Jahren 313 und 314 ist ein gewisser Maternus zugegen, seines Zeichens Kölner Bischof. Zu diesem Zeitpunkt gibt es die Diözese also schon. Über Maternus ist aber sonst nichts bekannt. War er der erste Kölner Bischof? Warum wurde das Bistum gegründet? Diese Fragen sind bis heute unbeantwortet geblieben. Es kann lediglich gemutmaßt werden, dass es in Köln als wichtiger römischer Stadt auch eine christliche Gemeinde gab und so auch früh ein Bischofssitz entstand.

Ein ganz entscheidender Nachfolger von Maternus ist Rainald von Dassel (im Amt 1159-1167). Er ist ein typischer Erzbischof seiner Zeit. Denn die Amtsträger des Früh- und Hochmittelalters sind Reichsbischöfe. Sie stehen in Diensten des Kaisers – in diesem Falle ist das Friedrich I., genannt Barbarossa – und erhalten von ihm dafür Privilegien. Der Kaiser hat damals noch keinen festen Sitz, sondern reist mit seinem Gefolge durch die Lande. Zu diesem Gefolge gehören auch Kleriker, die der Kaiser dann als seine Getreuen auf die wichtigen Bischofssitze hievt. Ein solcher Kaiserverbundener ist auch Rainald von Dassel. Er begleitet Barbarossa, als der gegen die oberitalienischen Städte in den Krieg zieht. Infolgedessen kommt es 1164 zur Plünderung Mailands, aus dessen Dom die Gebeine der Heiligen drei Könige erbeutet und dem Bischof als Dank für seine Dienste geschenkt werden.

Einen Kult gibt es um die Gebeine damals nicht – doch von Dassel ist ein geschickter Taktiker: Er preist die Reliquien als "wunderbare Unterpfänder der Christenheit" und zieht mit ihnen feierlich in seine Bischofsstadt ein. Sie werden in den Dom gestellt und bekommen einige Jahre später einen kostbaren Schrein – von Dassel rührt fleißig weiter die Werbetrommel. Die Taktik geht auf: Es entsteht eine Wallfahrt und Köln wird zu einem der Top-Pilgerorte der Christenheit, auf einer Ebene mit Jerusalem und Rom. Das spült nicht zuletzt Geld in die Säckel von Stadt und Erzbischof. Bis heute führt die Stadt die drei Kronen im Wappen. Gemeinsam mit anderen Heiligen wie etwa Ursula oder Gereon präsentiert sie sich schon im Mittelalter als das "heilige Köln".

Der Bischof wird aus der Stadt gejagt

Obwohl Stadt und Erzbischof gleichermaßen von der Wallfahrt profitieren, gibt es auch große Konflikte, die letztendlich zur Vertreibung des Bischofs aus seiner Bischofsstadt führen. Das wiederum hat mit geänderten Verhältnissen zu tun. Ab dem 12. Jahrhundert kommt ein anderer Typ Bischöfe auf: Aus dem Reichsbischof wird der Territorialherr, der nun nicht mehr im Namen des Kaisers, sondern auf eigene Rechnung Politik macht. Die Bischöfe wollen auch die weltlichen Herren ihrer Diözese sein – und geraten infolgedessen mit anderen Potentaten aneinander, die das gleiche Ziel haben. Im Falle des Kölner Erzbischofs sind das etwa die Grafen von Berg im Rechtsrheinischen und jene von Jülich links des Rheins, die den Bischöfen die Macht streitig machen. Ganz entscheidend wird hier die Schlacht von Worringen 1288, in der der Herzog von Brabant gegen den damaligen Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg (im Amt 1275-1297) kämpft. Der Herzog von Brabant gewinnt – unter anderem, weil sich die Kölner Bürger gegen ihren Bischof stellen. Siegfried geht die weltliche Herrschaft über seine Bischofsstadt verloren und er zieht aus: Zunächst in wechselnde Residenzen, bis er sich ab dem 15. oder 16. Jahrhundert dauerhaft in Bonn niederlässt. Seine ehemalige Residenz ist heute das Hauptgebäude der dortigen Universität.

Bis heute im "katholischen Köln": die Gebeine der Heiligen Drei Könige.

Nicht weniger ereignisreich ist in Köln die Zeit der Reformation. Gleich zwei Versuche gibt es, die Stadt protestantisch zu machen – beide bleiben erfolglos. In den 1540er Jahren will der damalige Erzbischof Hermann von Wied eine neue Kirchenordnung einsetzen und das System Kirche reformieren – damit wäre das Erzbistum evangelisch geworden. Er wird von Kaiser und Domkapitel gestoppt und abgesetzt. 40 Jahre später wagt Gebhard Truchsess von Waldburg-Trauchburg einen weiteren Versuch – allerdings aus vollkommen anderen Gründen. Er hat ein Verhältnis mit einer Stiftsdame aus Gerresheim, das er legalisieren möchte. Wieder ist das Domkapitel dagegen. Gebhards Absetzung bricht den nach ihm benannten Truchsessischen Krieg vom Zaun, der im Rheinland für einen Vorgeschmack auf die religiösen Auseinandersetzungen des Dreißigjährigen Kriegs sorgt. Wird für seinen reformatorischen Vorgänger Hermann von Wied nach dessen Tod noch ein feierliches Requiem im Dom gefeiert, ist das bei Gebhard undenkbar. So schnell ändern sich damals die Zeiten.

Als einzige deutsche Reichsstadt bleibt Köln ununterbrochen katholisch und wird ein Zentrum des katholischen Deutschlands. Aus dem "heiligen Köln" wird das "katholische Köln".

Das (zeitweilige) Ende des Erzbistums

Den wirklich großen Einschnitt bringt dann die Französische Revolution. Kirchen werden gestürmt und geplündert, die kirchliche Struktur zerfällt. Nach den Eroberungen Napoleons gehören alle linksrheinischen Gebiete zu Frankreich, dazu gehört auch Köln. Ein Zeichen der Entspannung kommt erst durch ein Konkordat zwischen Napoleon und Papst Pius VII. im Jahr 1801. Das legt unter anderem den Bestand von Bistümern und Pfarreien fest – allerdings unter dem Primat des Staates. Napoleon zieht die neuen Bistumsgrenzen nach den Grenzen der Departments. So gibt es auch im Rheinland ein neues Bistum – das liegt allerdings nicht in Köln, sondern in Aachen. Da Napoleon Karl den Großen sehr verehrt, sucht er sich dessen Grabeskirche als Bischofssitz aus. Das (erste) Bistum Aachen entsteht.

Doch das Projekt bleibt von kurzer Dauer: Nach dem Wiener Kongress kommt das Gebiet zu Preußen, das Erzbistum Köln entsteht wieder. Doch zur Ruhe kommt die Diözese deswegen nicht: Die neuen protestantischen Herrscher erkennen die katholische Kirche zwar an, wollen sie aber bevormunden. Das führt zu Streitigkeiten, die unter Erzbischof Clemens August Droste zu Vischering (im Amt 1835-1845) eskalieren. Besonders in der Frage nach dem Umgang mit Mischehen zwischen Protestanten und Katholiken sowie bei den Einsetzungen der Theologieprofessoren an der Bonner Universität kommt es zum Konflikt. Am Ende wird der Erzbischof auf der Festung Minden eingekerkert – und avanciert dadurch zum Volkshelden. Die Katholiken bekommen einen neuen Schub Selbstbewusstsein, sie werden politisch und publizistisch aktiv.

Bild: © dpa

Er drückte der Diözese seinen Stempel auf – und war ein Symbol für das Nachkriegsdeutschland: Kardinal Josef Frings.

Besonders bekannt sind bis heute drei prägende Kölner Erzbischöfe der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Da ist zunächst der 1942 ernannte Joseph Frings (im Amt 1942-1969). In der unmittelbaren Nachkriegszeit macht er sich zum einen durch das sogenannte "Fringsen" einen Namen, als er der frierenden Bevölkerung erlaubt, für den Eigenbedarf beispielsweise Kohlenbriketts zu stehlen. So sagt er in seiner Silvesterpredigt 1946: "Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten, nicht erlangen kann." Dass er danach allerdings auch die Übertreibung dieses Rechts anmahnt, geht unter.

Ein Kölner repräsentiert Deutschland

Da es bis 1949 keine deutsche Regierung gibt, wird Frings im Land oft als Repräsentant aller Deutschen wahrgenommen. So besucht er beispielsweise Gefangenenlager in Großbritannien. Das macht ihn weit über die Grenzen des Erzbistums bekannt. Außerdem ist er Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz und gründet die Hilfswerke Misereor und Adveniat. Am Zweiten Vatikanischen Konzil nimmt er als Mitglied des Konzilspräsidiums teil. Begleitet wird er von seinen Beratern, dem Kirchenhistoriker Hubert Jedin und Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI.

Im Gegensatz zum recht volkstümlichen Frings kommt sein Nachfolger ganz anders daher: Joseph Höffner (im Amt 1969-1987) hat vier Doktortitel und eine Professorenkarriere absolviert – ein Wissenschaftler durch und durch. Aus Politik und Gesellschaft wird er oft wegen seiner Expertise angefragt, etwa in Fragen der christlichen Sozialethik. Den Heiligen Stuhl berät er in wirtschaftlichen Fragen. Was nur wenige wissen: Während der NS-Zeit verstecken er und seine Schwester Juden in ihren Häusern. Beide werden von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem deshalb im Jahr 2003 zu "Gerechten unter den Völkern" erklärt.

Höffners wiederum sehr langjähriger Nachfolger wird der gebürtige Schlesier Joachim Meisner (im Amt 1989-2014). Meisner wird in der DDR sozialisiert und bringt entsprechende Erfahrungen mit nach Köln. Er ist es gewohnt, den Glauben in einer Diasporasituation klar und markant zu verteidigen. In Köln hat er schon einen schlechten Start, die Menschen im Bistum werden mit ihm nie richtig warm – genauso wenig wie er mit ihnen. Mit spitzen Äußerungen provoziert er, spricht von "entarteter Kultur" oder von jeder katholischen Familie, die ihm "drei muslimische ersetzt". Dafür erntet er Ablehnung und Empörung. Ebenso markig geht er allerdings zu Beginn des Missbrauchsskandals auch mit seiner eigenen Kirche ins Gericht. Aus seiner Zeit in Ostdeutschland hat er außerdem gute Verbindungen nach Osteuropa. Für die Christen in dieser Region setzt er sich nachhaltig ein, unter anderem durch die Gründung des Hilfswerks "Renovabis".

Seit 2014 ist nun Rainer Maria Woelki an der Spitze des Kölner Erzbistums. Zwischen Karneval, "Effzeh" und den drei Königen setzt er sich für die Belange von Geflüchteten ein und schafft es damit in den Jahren 2015 und 2016 in die internationale Presse. Er steht am Ende einer langen Reihe von Bistumslenkern – und hat der alten Diözese doch noch einmal einen neuen Anstrich gegeben.

Von Christoph Paul Hartmann