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Standpunkt

Das kirchliche System der Angst bröckelt

Einer der stärksten Redebeiträge der ersten Synodalversammlung stammt wohl von einer Ordensschwester, die das System der Angst in der Kirche beschreibt. Doch diese Angst hat sich nun verschoben, glaubt Björn Odendahl – hin zu den Gegnern von Reformen.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 05.02.2020

Es waren eindrucksvolle und starke Worte, die die Benediktinerin Philippa Rath bei der Synodalversammlung formulierte. Die Ordensfrau attestierte der Kirche noch immer ein großes Angstpotenzial – bei Missbrauchsopfern, bei den Gläubigen in den Gemeinden und bei den Mitarbeitern in den Generalvikariaten. Der Auslöser sei für sie immer der gleiche: die (klerikale) Macht.

Vielleicht ist das mit die wichtigste Erkenntnis des bisherigen Synodalen Wegs: Nicht Beschlüsse und Reformen sind der erste Schritt, sondern das Durchbrechen dieses Systems der Angst. Und dieses System bröckelt gerade. Professorinnen äußern sich zum Machtmissbrauch durch Bischöfe und Priester ohne Angst um ihr "nihil obstat". Gemeindereferentinnen beklagen die fehlende Gleichberechtigung von Männern und Frauen ohne Angst vor "ihrem" Pfarrer. Und Bischöfe beklagen ohne Angst vor Rom und der Glaubenskongregation den Umgang mit Homosexuellen in ihrer Kirche. Ganz zu schweigen von den mutigen Worten derer, für deren Sexualität die Kirche heute laut Katechismus noch immer bestenfalls "Mitleid" übrig hat.

Wird die Kirche also zum "angstfreien Raum"? Leider noch nicht. Angst ist noch immer da. Sie hat sich nur ein wenig verschoben. Angst haben jetzt die, die fälschlicherweise meinen, Kirche habe sich nie verändert und würde das auch nicht tun. Die, die bisher jedes noch so theologisch fundierte Reformanliegen mit Verweis auf Konstitutionen oder den Katechismus abschmettern konnten. Ihre Angst davor, beim Synodalen Weg mit Argumenten und auf Augenhöhe arbeiten zu müssen, ist beinahe greifbar und offenbart sich nicht selten in hilflosen Phrasen wie "Mehrheit heißt nicht Wahrheit".

Auch diese Angst gilt es ernst und die Ängstlichen mitzunehmen – zumindest so lange, wie sie das, was der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck eine "konstruktive Konfliktkultur" nennt, nicht ad absurdum führen. Denn wo denunziert, verleumdet, gelogen oder beleidigt wird, da kann (und darf) der Synodale Weg nicht jeden mitzerren, der lieber stehenbleiben möchte. Dafür ist die Zeit zu knapp. Denn die Wahrheit lautet, dass die Mehrheit der Gläubigen die Kirche bei einem Scheitern des Prozesses verlässt.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Chef vom Dienst bei katholisch.de.

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