Hubert Wolf
Nach Veröffentlichung des Papstschreibens zur Amazonas-Synode

Kirchenhistoriker Wolf: Franziskus ist kein Reformpapst mehr

"Was soll man noch von einem Papst erwarten, der sagt, macht mir mutige Vorschläge - dann machen Bischöfe und Laien mit großer Mehrheit mutige Vorschläge, und was passiert? Nichts": Hubert Wolf macht aus seinen Ansichten über Franziskus keinen Hehl.

Berlin - 19.02.2020

Nach der Veröffentlichung des Papstschreibens zur Amazonas-Synode sieht der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf in Franziskus keinen Reformpapst mehr. "Was soll man noch von einem Papst erwarten, der sagt, macht mir mutige Vorschläge - dann machen Bischöfe und Laien mit großer Mehrheit mutige Vorschläge, und was passiert? Nichts", so Wolf im Interview der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt" (Donnerstag).

Zugleich kritisierte Wolf, dass reformorientierte Katholiken nicht zuerst auf ihre Bischöfe oder auf das "Glaubensbewusstsein der Gläubigen" selbst schauten - sondern immer nur auf den Papst. "Wir haben das monarchische Kirchenbild des Ersten Vatikanischen Konzils mit Unfehlbarkeit und Jurisdiktionsprimat alle internalisiert - trotz der schönen Bilder vom wandernden Gottesvolk."

Rückzug von Marx im Zusammenhang mit Papstschreiben?

Mit Blick auf den Reformdialog der katholischen Kirche, den Synodalen Weg, zeigte sich der Kirchenhistoriker skeptisch. Er frage sich, was beim Thema Frauen und kirchliche Ämter noch herauskommen könne, nachdem Franziskus "die Tür derart zugeschlagen" habe. "Wird sich irgendein Bischof öffentlich in Widerspruch zu dieser vom Papst vorgetragene Lehre stellen?" Nun sei auch noch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, zurückgetreten, "der wie kein anderer für diesen Prozess stand". Aus Sicht Wolfs dürfte es kein Zufall sein, dass Marx ausgerechnet einen Tag vor dem Erscheinen des Schreibens zur Amazonas-Synode zurückgetreten sei.

Von dem Papier sei er ziemlich enttäuscht. "Insgesamt hat das Dokument aber zwei Seiten. Es gibt wunderbare Visionen für Ökologie und kulturelle Identität in Amazonien, die in der Rezeption so gut wie nicht vorkommen. Und es gibt ganz traditionelle Lösungskonzepte: Augen zu und beten und damit Gott die Verantwortung zuschieben."

Am wichtigsten sei aber, dass Franziskus das Abschlussdokument der Synode nicht aufhebe, sagte Wolf. Damit bleibe "der Beschluss von drei Vierteln der Bischöfe, Viri probati weihen zu wollen, gültig". Franziskus spiele den Ball zu den Bischöfen in Amazonien zurück. Das Schreiben sei zudem ein Schlag ins Gesicht für Frauen. Das entworfene Frauenbild werde den Frauen nicht gerecht, "die in Amazonien seit 50 Jahren Gemeinden leiten. Und diesen Frauen, ohne deren Engagement die amazonische Kirche längst am Ende wäre, Klerikalismus und Ämtersucht zu unterstellen, das ist mehr als zynisch und klingt nach klerikalem Machismo."

Das 51 Seiten umfassende nachsynodale Schreiben "Querida Amazonia" (Geliebtes Amazonien) war am vergangenen Mittwoch veröffentlicht worden. Es hat den Rang eines lehramtlichen Papst-Dokuments und ist das Ergebnis der Amazonas-Synode, die vom 6. bis 27. Oktober im Vatikan tagte. Papst Franziskus lehnt darin Weiheämter für Frauen, etwa als Diakoninnen, ab. Auch befürwortet er keine Lockerung der verpflichtenden Ehelosigkeit für katholische Priester, obgleich bei der Amazonas-Synode mehrheitlich dafür votiert worden war. Allerdings erteilt der Papst diesen Ideen in seinem Schreiben auch keine definitive Absage. In Reaktionen aus Deutschland überwog bei Befürwortern von Kirchenreformen die Enttäuschung. (tmg/KNA)