Die Arbeitsmappe eines Schülers für den katholischen Religionsunterricht
Kolumne: Mein Religionsunterricht

Was wäre, wenn es den Religionsunterricht nicht mehr gäbe?

Die Abschaffung des konfessionellen Religionsunterrichts wird immer wieder gefordert – auch von Schülervertretern. Über das Thema diskutiert Maximilian Golumbeck auch mit seinen Schülern und bekommt dabei interessante Antworten.

Von Maximilian Golumbeck |  Kusel/Bonn - 13.03.2020

Lehrer Maximilian Golumbeck

Seit gut einem Jahr berichten meine Kollegen und ich nun an dieser Stelle über unsere Erfahrungen mit dem Religionsunterricht und über das, was darin geschieht. Wie wichtig dies ist, zeigt sich einerseits an dem breiten Interesse der Leserinnen und Leser, welches uns immer wieder kommuniziert wird. An Brisanz gewinnen unsere Berichte über den Religionsunterricht – so glaube ich – allerdings vor dem aktuellen Hintergrund, dass erneut Forderungen ins Gespräch gebracht werden, den Religionsunterricht in seiner bisherigen Form vom Stundenplan zu streichen.

Die Begründung: Ein konfessionell gebundener Religionsunterricht schreibe den Schülerinnen und Schülern per se ein konfessionsspezifisches Bekenntnis vor und unterstütze sie dadurch nicht in ihrer persönlichen Glaubensfindung. Ein Unterricht, wie er derzeit stattfindet, schließe somit andere religiöse Überzeugungen aus und dulde religionskritische Meinungen nicht. Nicht ganz einfach! Diese Wahrnehmung des Religionsunterrichts beschäftigt mich natürlich, gerade auch weil Landesschülervertretungen eine Abschaffung des Religionsunterrichts fordern und damit beziehen jene Menschen Position, die den Unterricht selbst in der Schule erfahren.

Religionsunterricht möchte kein Bekenntnis vorschreiben

Die lange Geschichte des Religionsunterrichts bedingt verständlicherweise die Frage, wie zeitgemäß ein konfessionsgebundener Unterricht ist, der auch eine lange Tradition in der gezielten Verkündigung von Glaubensinhalten hat. Wird der heutige, religionspädagogisch wertvoll vorbereitete Unterricht vielleicht deshalb zuweilen als indoktrinierend wahrgenommen? Den Schülern ein religiöses Bekenntnis vorschreiben – das möchte der Religionsunterricht ganz sicher nicht und das wusste schon die richtungsgebende Synode 1975 in Würzburg: "Religionsunterricht soll zu verantwortlichem Denken und Verhalten im Hinblick auf Religion und Glaube befähigen", heißt es in dem Beschlussdokument.

Mindestens einmal im Schuljahr spreche ich dieses Thema gezielt in der Klasse an und versuche gemeinsam mit den Schülern zu erschließen, was Religionsunterricht ist und worin Sinn und Ziel dieses Fachs bestehen. Hier bringen die jungen Menschen bereits genaue Vorstellungen mit, was einen guten Religionsunterricht ausmacht: Der Bezug zu aktuellen Themen, anspruchsvolle Diskussionen und vor allem (!) die Möglichkeit und die Freiheit, selbst Position zu Glaubensfragen beziehen zu dürfen. Aus aktuellem Anlass habe ich meinen Oberstufenkurs katholische Religion mit der aktuellen Forderung nach Abschaffung des bisherigen Religionsunterrichts konfrontiert. Der Kurs steht kurz vor der Kurswahl für die Hauptphase der Oberstufe und die Schüler entscheiden damit unter anderem, ob sie die kommenden beiden Schuljahre bis zum Abitur Religion oder Ethik besuchen.

Ein Kind schaut gebannt in sein Smartphone

Wie erleben die Schüler ihren Religionsunterricht? Maximilian Golumbeck hat dazu eine Übung im Klassenzimmer gemacht – und auch die Smartphones der Jugendlichen eingebunden.

Im Rahmen einer Phantasiereise wurde der Klassensaal in ein Tonstudio eines Radiosenders verwandelt und die Schüler schlüpften in die Rolle der Studiogäste, die in einer Radioshow erzählen, wie sie den Religionsunterricht persönlich erfahren. Hier kommen sogar die Smartphones sinnvoll zum Einsatz: Die Schüler gestalteten mit Hilfe der Aufnahmefunktion ihrer Smartphones eigene Podcasts, in denen sie zur Forderung nach Abschaffung des Religionsunterrichts Stellung bezogen. Hier einige Ausschnitte:

"Ich verstehe den Wunsch nach Wertschätzung der persönlichen Meinung, aber ich glaube, man kann auch im jetzigen Religionsunterricht frei über seinen eigenen Glauben reden."

"Ich glaube, es ist wichtig, dass man neben dem Wissen über andere Weltanschauungen in erster Linie Hintergrundwissen über die eigene Religion erfährt. Aber das darf dann wiederum nicht zu langweilig werden, sondern muss im Unterricht interessant rübergebracht werden."

"Ich frage mich was mit den Leuten ist, die gläubig sind, und bewusst einen Religionsunterricht besuchen wollen, wo der Glaube auch ein Stück weit gelebt wird. Für diejenigen wäre es ungerecht, wenn es einen solchen Unterricht nicht mehr gäbe."

Natürlich wissen meine Schüler, dass ich als Religionslehrer vom Sinn und Zweck des Religionsunterrichts überzeugt bin. Doch sollte es hier nicht um meine Position gehen. Viel interessanter war es zu sehen, wie sehr die Schüler dieses Thema interessierte und dass die Abschaffung des konfessionellen  Religionsunterrichts nicht flächendeckend bei allen Schülern auf Zustimmung stößt.

Ich sehe anhand der Aussagen meines Oberstufenkurses, dass es sich lohnt, die Forderung auch von ihrer Konsequenz her zu bedenken. Beim Verlassen des Klassensaals diskutieren die Schüler weiter und auf dem Weg in die Pause klingt in ihren Gesprächen die Frage nach: "Was wäre denn, wenn es den Religionsunterricht in der jetzigen Form wirklich nicht mehr gäbe?"

Von Maximilian Golumbeck

Der Autor

Maximilian Golumbeck ist Religionslehrer am Kaufmännischen Berufsbildungszentrum (KBBZ) Neunkirchen/Saar.

Linktipp: Kolumne "Mein Religionsunterricht"

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