Das Display einer Kamera zeigt einen Priester bei der Probe für einen Gottesdienst, der wegen des Coronavirus ohne Besucher Live gestreamt wird.
Ausgewogenes Verhältnis zwischen Virtualität und Realität notwendig

Gemeinsam Gottesdienst feiern – auch im Modus der Krise

Debatte - Ihr Beitrag über "Geistermessen" hatte in der vergangenen Woche eine kontroverse Debatte ausgelöst. Jetzt melden sich die Liturgiewissenschaftler Gerhards, Kranemann und Winter erneut zu Wort – und stellen positive Beispiele vor, wie Kirche in Corona-Zeiten Communio leben kann.

Von Albert Gerhards, Benedikt Kranemann, Stephan Winter |  Bonn - 24.03.2020

Verschiedene Theologen haben in den vergangenen Tagen diskutiert, wie in der Corona-Krise Eucharistie gefeiert werden kann. Unbestritten ist, dass es in dieser für alle völlig neuen Situation gilt, die gottesdienstliche Gemeinschaft möglichst umfassend zu verwirklichen und erfahrbar zu machen. Unterschiedliche Auffassungen gibt es hingegen, wie mit der "Missa sine populo" – insbesondere mit Blick auf ihre Übertragung – umgegangen werden soll. Dabei darf es in der laufenden Debatte nicht zu gegenseitigen Verletzungen kommen. Man sollte sich auch nicht gegenseitig die Kirchlichkeit absprechen, wenn jetzt um sinnvolle Formen der Eucharistiefeier gerungen wird. Dazu einige weitere Gedanken, die Erfahrungen der vergangenen Woche reflektieren.

Im Wort der Kirchen vom 20. März sprechen die drei Vorsitzenden der entsprechenden Leitungsgremien von katholischer, evangelischer und orthodoxer Kirche in Deutschland das Dilemma aus: "Gerade in schweren Zeiten ist es für uns Christen eigentlich unabdingbar, die Nähe Gottes zu suchen, indem wir uns zu gemeinsamen Gebeten und Gottesdiensten versammeln." Die abrupte Absage der öffentlichen Gottesdienste erwies sich im Nachhinein als alternativlos, führte aber vielfach zu Verstörungen und Ängsten. Dies veranlasste zudem Appell, das gottesdienstliche Leben nicht gänzlich zu "privatisieren", wobei keineswegs in Abrede gestellt werden sollte, dass jedes Gebet und erst recht jede Messfeier das Private übersteigt. Wie aber lässt sich dies vermitteln, so dass Teilhabe glaubhaft erfahren werden kann?

Überzeugende Communio bei TV-Messen?

Es wird späteren Studien überlassen bleiben herauszufinden, ob und wie die Übertragungen von Messen über Livestreaming hilfreich sind. Erste Berichte sind hoffnungsvoll, enthalten aber auch selbstkritische Überlegungen, zum Beispiel hinsichtlich der Präsentation der Priesterkommunion. Wo eine kleine Gemeinde noch vorhanden ist wie etwa in verschiedenen Domkirchen, wird die umfassende eucharistische Gemeinschaft demnach besser wahrgenommen.

Die katholisch.de-Übersicht aller Online-Gottesdienste in Deutschland

Wegen des Coronavirus werden Gottesdienste abgesagt und Kirchen geschlossen. Wer die Heilige Messe dennoch mitverfolgen will, wird in dieser ausführlichen Auflistung der Livestreams sicherlich fündig.

Am vierten Fastensonntag wurden Messfeiern im TV übertragen, die überzeugend weitere Zeichen der Communio gesetzt haben, durch die die medial Mitfeiernden gezielt einbezogen worden sind. Exemplarisch sei der ZDF-Fernsehgottesdienst aus Bensheim erwähnt: Unter anderem wurden hier verschiedene liturgische Dienste eingesetzt, die natürlich gebührenden Abstand voneinander hielten. Außerdem aber hat ein Junge, nachdem er einen entsprechenden Gebetstext gelesen hat, am Ende der Fürbitten eine brennende Kerze auf den Altar gestellt, damit die Gebete der zu Hause Mitfeiernden auch während des Eucharistieteils sinnenhaft präsent blieben. Zur Kommunion wurde die intonierte Psalmvertonung durch das Glaubenszeugnis einer der Sängerinnen eingeleitet, die alle Zugeschalteten zur geistlichen Kommunion ermutigt hat.

Doch ist es zudem wohl ausweislich mancher Übertragungen in einigen Kirchen möglich, in sehr begrenztem Umfang Gläubigen die Kommunion zu spenden: Entweder, indem sie in dieser Ausnahmesituation nach Einladung durch den Priester einzeln an den Altar herantreten, um sich den dort entsprechend vorbereiteten Leib des Herrn zu nehmen oder indem er ihnen nach dem Schlusssegen unter gebotenen Sicherheitsvorkehrungen gereicht wird. Aber wie lange wird das noch möglich sein?

Das eucharistische Fasten als Option

Verschiedene diözesane Verordnungen und ermutigende Bischofsworte sind mittlerweile erschienen. In diesen Texten wird die ganze Bandbreite an Möglichkeiten deutlich, in dieser Zeit Kirche zu sein, die aus dem Gottesdienst und insbesondere der Eucharistie lebt. Dort wird – neben den unterschiedlichen Formen, in denen Messfeier derzeit möglich ist – etwa auch darauf hingewiesen, dass die "Tradition (…) das eucharistische Fasten (kennt): ein bewusstes Sich-Enthalten der Gemeinschaft mit Christus in der Eucharistie, um das Sakrament dann mit umso größerer Freude zu empfangen" (Bischof Peter Kohlgraf); damit ist eine Option benannt, in der sich Kirche ja in vielen Weltgegenden aus der Not heraus seit Langem bewähren muss.

Familie beim Tischgebet
Bild: © KNA

Eine Familie sitzt gemeinsam am Tisch zum Abendessen. Vater, Mutter und Kinder reichen sich die Hände und beten vor dem Essen.

Täglich wächst zudem die Zahl an guten Initiativen seitens der Diözesen, der Orden, der Pfarreien, verschiedener Gruppierungen und vieler Einzelpersonen zur Gestaltung des Gottesdienstes. Um nur ganz wenige zu nennen: Zu finden sind spirituelle Impulse, mitunter eingebunden in Nachbarschaftshilfen, wie etwa die Anregung von Kardinal Woelki, Kommunionkinder und Firmlinge könnten Überbringungsdienste für Bedürftige übernehmen anstelle der geschlossenen Tafeln; manche Gebetsvorschläge werden an das Angelus-Läuten am Abend angebunden; es wird dazu ermutigt, das Gotteslob für Einzelne oder Hausgemeinschaften fruchtbar werden zu lassen, unter anderem mit den dort zu findenden Formen der Tagzeitenliturgie; Vorlagen für Hausgottesdienste am Sonntag zu bestimmter Zeit wurden entwickelt, eine Handreichung für das Hausgebet während einer Begräbnisfeier zur Verfügung gestellt.

Ostern als Herausforderung für Livestream und Social-Media-Angebote

Es wächst, so scheint es, eine Solidarität gegen die Vereinzelung und eine neue Erfahrung von Communio, die gerade aus der Not heraus erfinderisch macht. Hier befinden wir uns alle in einem Lernprozess. Liturgische Spiritualität, ethisches Bewusstsein und Diakonie verbinden sich miteinander und suchen nach Möglichkeiten der Vermittlung. Neben den alten Kommunikationswegen wie dem Telefon sind es vor allem die neueren, deren Potenziale oft noch zu wenig genutzt und für die zur Zeit Hilfen entwickelt und den in der Seelsorge Tätigen angeboten werden. Karwoche und österliches Triduum werden da nochmals extreme Herausforderungen darstellen.

Dabei bleibt freilich wichtig, dass Virtualität und Realität, mediale Präsenz und persönliche Ansprache, in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. In dieser Perspektive sind die unterschiedlichsten gelebten Formen kirchlicher und persönlicher Spiritualität sinnvoll und notwendig: Die Feier der Eucharistie unter den gegebenen Umständen und geistliche Teilnahme daran auch aus der Ferne; die stille Anbetung in der (noch) offenen Kirche, die den Bezug zur nicht direkt mitzufeiernden Eucharistie fördern kann; das Stundengebet; die häusliche Wort-Gottes-Feier; der Rosenkranz und das Angelus-Gebet; das Bibelteilen im Chat. Gemeinsam Gottesdienst zu feiern geht – auch im Modus der Krise!

Von Albert Gerhards, Benedikt Kranemann, Stephan Winter

Die Autoren

Die Autoren des Textes sind die Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards (Bonn, emeritiert), Benedikt Kranemann (Erfurt) und Stephan Winter (Münster).