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Standpunkt

Warum Theologie systemrelevant ist und wie sie das jetzt zeigen kann

Während die Institution Kirche ihren Umgang mit der Corona-Krise inzwischen gefunden hat, sucht die Theologie als wissenschaftliche Disziplin ihre Rolle noch, kommentiert Joachim Valentin. Dabei sieht er in der Krise durchaus Chancen für das Fach.

Von Joachim Valentin |  Bonn - 01.04.2020

Was Kirche in der Corona-Krise kann und soll, darüber wird nicht nur an dieser Stelle konstruktiv nachgedacht. Nach etwas Anlaufzeit haben kirchliche Institutionen und Pfarreien doch erstaunlich schnell zu einer veränderten Handlungsfähigkeit gefunden und fast vergessene Tele- und halb entwickelte Digitalangebote nicht ohne Erfolg ins Schaufenster gestellt.

Und die Theologie? Steht neben der reflexiven Begleitung der benannten Angebote vor einer Vielzahl von Aufgaben angesichts rasanter gesellschaftlicher, medialer und sozialer Umbrüche, die entweder schon begonnen haben oder doch absehbar sind:

  • Wie hält man es etwa mit der Kierkegaardschen Unterscheidung zwischen Angst und Furcht, wenn ein furchtfreies Leben unter dem schlimmstenfalls tödlichen Regiment von Göttin Corona überhaupt nicht mehr möglich ist?
  • Sind wir mit der Philosophin Svenja Flaßpöhler schon am Ende unseres Lateins? Kurz vor Ostern schreibt sie: "an die Stelle des Besorgens muss jetzt die Sorge um das eigene Dasein treten. Und diese Sorge spüren wir in Momenten existentieller Ausgesetztheit an ein Nichts. Uns wird […] unsere Vergänglichkeit bewusst."
  • Hat die Moraltheologie zum aktuellen Papier der Ethikkommission nichts zu sagen, in dem zwar jeder Utilitarismus deutlich zurückgewiesen wird (was heißt das unter Extrembedingungen?), das sich aber bei der Abwägung zwischen Menschenleben und den Wirtschafts-Interessen an einem baldigen Ende der "Lockdowns" höchst unklarer Formulierungen bedient?
  • Von Wirtschafts- und Sozialethik, Entscheidungsgewalt im Ausnahmezustand, Verschwörungstheorien, Apokalyptik, Hoffnung und Utopie haben wir dabei noch gar nicht gesprochen.

Statt all dem verläuft die Theologie sich aktuell mit der These, Gott (!) sei für all das später einmal unerbittlich anzuklagen, streitet über die Legitimität längst plural gewordener und weltweit funktionierender Frömmigkeits- und liturgischer Praktiken und seufzt in unbeobachteten Momenten, das sei die erste Krise, die komplett ohne Theologie und Kirche auskomme, Theologie sei eben nicht "systemrelevant".

Sie ist es aber durchaus, wenn sie aufhört, sich allein als innerkirchlich kritische Theorie zu definieren und sich stattdessen der dichten Beschreibung des aktuellen Geschehens gründlich widmet, der ethischen Orientierung in unübersichtlichem Gelände und der reflektierten Bewahrung des Bewährten angesichts von grassierender Furcht und Unruhe.

"In Wirklichkeit bereiten wir uns auf die Schlacht um eine neue Wirklichkeit vor, […] vor unseren Augen verraucht ein Paradigma der Zivilisation, das uns über die letzten zweihundert Jahre geformt hat" schreibt die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk diesen Dienstag in der FAZ – wenn das der Theologie nicht klar wird, verliert sie tatsächlich ihre Systemrelevanz.

Von Joachim Valentin

Der Autor

Joachim Valentin ist Direktor des katholischen Kultur- und Begegnungszentrums "Haus am Dom" in Frankfurt am Main und Vorsitzender des Frankfurter Rates der Religionen.

Hinweis

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