Kardinal George Pell im Porträt
Einstimmige Entscheidung des Obersten Gerichtes

Kardinal George Pell wurde freigesprochen – in letzter Instanz

Der Kardinal und früherere Finanzchef des Vatikan, George Pell, ist ein freier Mann: Letztinstanzlich hob das Oberste Gericht Australiens seine Haftstrafe wegen sexuellen Missbrauchs auf – einstimmig. Der Kardinal äußerte sich bereits zu seinem Freispruch. Doch es drohen weitere Klagen.

Brisbane - 07.04.2020

Freispruch für Kardinal George Pell: Australiens Oberstes Gericht hat am Dienstag die Haftstrafe des früheren vatikanischen Wirtschaftsministers (78) wegen sexuellen Missbrauchs in allen fünf Fällen aufgehoben. Die Jury hätte auf Grund der Beweislage Zweifel an der Schuld des Angeklagten haben müssen, hieß es in der via Twitter veröffentlichten einstimmigen Entscheidung der sieben Richter. Der Anfang 2019 zu sechs Jahren Haft verurteilte Pell werde noch an diesem Dienstag aus seinem Gefängnis in der Nähe von Melbourne entlassen.

Pell selbst nahm das Urteil mit großer Erleichterung auf. "Ich habe stets meine Unschuld betont, während ich unter einer schweren Ungerechtigkeit gelitten habe", so Pell in einer Erklärung per E-Mail. Das Verfahren gegen ihn sei kein Referendum über die katholische Kirche und auch kein Referendum über den Umgang der australischen Kirche mit sexuellem Missbrauch in der Kirche gewesen. "Es ging darum, ob ich diese abscheulichen Verbrechen begangen habe - was ich nicht getan habe", schrieb Pell.

Das Urteil wurde von Chefrichterin Susan Kiefel in einem fast leeren Saal des High Court in Brisbane verkündet. Wegen der Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus war die Öffentlichkeit von der Urteilsverkündung ausgeschlossen. Das Virus war auch der Grund der Schließung des Amtssitzes des High Court in Canberra und die Verlegung der Urteilsverkündung nach Brisbane.

Der Freispruch hat nach den Worten der Australischen Bischofskonferenz keine Auswirkungen auf das Vorgehen der Kirche im Kampf gegen sexuellen Missbrauch. Die Entscheidung ändere nichts am "unerschütterlichen Engagement" für die Sicherheit von Kindern und für eine "angemessene und mitfühlende Reaktion" auf sexuellen Missbrauch von Kindern, teilte der Konferenzvorsitzende, Erzbischof Mark Coleridge, auf Twitter mit. Die Sicherheit von Kindern bleibe äußerst wichtig nicht nur für die Bischöfe, sondern für die gesamte katholische Gemeinschaft. Jeder, der einen Vorwurf wegen Missbrauchs durch Kirchenpersonal habe, solle zur Polizei gehen, heißt es in der Stellungnahme weiter. Diejenigen, die während des gesamten Prozesses an die Unschuld des Kardinals geglaubt hätten, würden den Freispruch begrüßen, erklärte Coleridge. Für andere wiederum sei die Entscheidung "verheerend". Viele hätten während des Prozesses gelitten.

Papst Franziskus betete in seiner Messe im Vatikan am Dienstagmorgen für unschuldig Verurteilte. "Ich möchte heute für alle Menschen beten, die eine ungerechte Strafe aus Verbissenheit erleiden", sagte er zu Beginn des Gottesdienstes in seiner Residenz in Santa Marta. Ohne den Fall zu erwähnen, bezog er sich dabei wohl auf den Freispruch Pells. Franziskus sprach in seiner Einleitung zur Messe über die biblischen Lesungen der Fastenzeit. In diesen sei über die Verfolgung Jesu berichtet worden, wie "Gesetzeslehrer sich gegen ihn erbost haben", er "mit Verbissenheit verurteilt wurde und sich unschuldig fühlte".

Weitere Klagen drohen

Pell war im Dezember 2018 wegen des Vorwurfs sexuellen Missbrauchs von zwei Chorknaben zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Die Jury fasste den Schuldspruch einzig auf Basis der Aussage eines der angeblichen Opfer. Im Sommer 2019 bestätigte ein Berufungsgericht Pells Verurteilung durch die Mehrheitsentscheidung von zwei der drei Richter. Der Übergriff soll vor mehr als 20 Jahren nach einem Hochamt in der Sakristei der Kathedrale von Melbourne stattgefunden haben. Nach Aussagen von Entlastungszeugen wie dem damaligen Zeremonienmeister Charles Portelli sei der Missbrauch aber weder zeitlich noch örtlich möglich gewesen. Es sei gängige Praxis des damaligen Erzbischofs von Melbourne gewesen, nach Gottesdiensten auf den Stufen der Kathedrale Messbesucher zu begrüßen. Zudem habe in der Sakristei nach Gottesdiensten ein emsiger Betrieb von Priestern und Messdienern geherrscht.

Nach seiner Haftentlassung drohen Pell nun weitere, zivilrechtliche Klagen wegen Missbrauchs Jugendlicher. Auch sind weitere strafrechtliche Verfahren wegen Meineids und Behinderung der Justiz bei Pells Aussagen vor dem staatlichen Missbrauchsausschuss möglich. Belege für diese Vorwürfe könnten sich in den zwei Bänden des Abschlussberichts der staatlichen Missbrauchskommission finden, die nach dem jetzt abgeschlossenen Verfahren freigegeben werden. (tmg/KNA)

7.4., 9:25 Uhr: Ergänzt um Bischofskonferenz und Papst.