Wie sich die Pandemie auf das Sakrament der Versöhnung ausgewirkt hat

Absagen, Abstand und Überraschungen: Beichten während der Corona-Krise

Aktualisiert am 02.05.2020  –  Lesedauer: 
Leere Beichtstühle in der römischen Basilika Sankt Paul vor den Mauern warten auf Pönitenten.
Bild: © katholisch.de

Bonn ‐ Die Zeit vor Ostern ist für gewöhnlich die Hochsaison der Beichte. Gerade in der Karwoche suchen viele Gläubige das Sakrament der Versöhnung. Doch in diesem Jahr war wegen der Corona-Pandemie allerdings vieles anders – auch bei der Beichte. Ein Blick in die Bistümer und Beichtzentren.

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"Empfange wenigstens einmal im Jahr das Sakrament der Versöhnung zur Vergebung deiner Sünden" heißt es im zweiten der fünf Gebote der Kirche. Auch wenn viele Katholiken diese Regeln heute nicht mehr so konsequent verfolgen, ist für einige doch traditionell kurz vor Ostern die Zeit für die Beichte gekommen. Aufgrund der weltweiten Corona-Pandemie war an diesem Osterfest allerdings vieles anders als sonst. Das hat sich auch auf die Beichte ausgewirkt    

Im Würzburger Kiliansdom etwa haben in diesem Jahr deutlich weniger Menschen als üblich in den Tagen vor Ostern gebeichtet. "Bei uns im Dom und im Neumünster waren es wegen des Ausfalls öffentlicher Beichtzeiten und der Ausgangsbeschränkungen deutlich weniger Gespräche", berichtet Stadtdekan und Dompfarrer Jürgen Vorndran. Um vor dem Osterfest eine Gewissenserforschung anzuleiten, habe man bewusst am Mittwoch der Karwoche einen Bußgottesdienst aus dem Kiliansdom im Internet übertragen, "der sehr hohe Einschaltzahlen erreichte", so Vorndran. Auch wenn dieser das Sakrament der Beichte nicht ersetzen kann, hat er Menschen, die nicht persönlich zur Beichte kommen konnten oder wollten, auf dieses Angebot hingewiesen. 

Unübliche Beichtorte im Kloster

Wer doch beichten oder ein Seelsorgegespräch führen wollte, musste sich einen Termin dafür geben lassen, damit alle Hygienemaßnahmen eingehalten werden konnten. Dabei wurde auch auf das Franziskanerkloster, eine große Beichtkirche in Würzburg, verwiesen. Auch dorthin kamen "viel weniger" Pönitenten als üblich, sagt Pater Adam Kalinowski, der Guardian des Klosters und damit so etwas wie der Hausobere "Zum Glück, denn wir hatten schon Bedenken, wie wir das schaffen sollen", so Kalinowski. Denn auch im Franziskanerkloster mussten die Hygienevorschriften eingehalten werden: Ältere Mitbrüder, die zur sogenannten Risikogruppe gehören und sonst ebenfalls als Beichtväter fungieren, wurden so etwa von ihrer Aufgabe befreit. Außerdem wurden Flächen und Türklinken der Beichtorte regelmäßig desinfiziert. Für die Gespräche wurden neben Beichtstuhl und Beichtzimmer auch Orte genutzt, die sonst nicht unbedingt üblich sind, beispielsweise der Kreuzgang oder der Chorraum der Kirche, um genügend Abstand zu halten. "Trotz verkürzter Beichtzeiten hatten wir so nie logistische Probleme", sagt Kalinowski. 

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Die Beichtstühle im St.-Paulus-Dom im Münster waren in dieser Osterwoche verwaistDenn die Spendung des Sakraments sei dort derzeit nicht zulässig, sagt Bistumssprecherin Anke Lucht. Seelsorgliche und daher auch Beichtgespräche seien unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln aber möglich und fänden in großen Räumen mit dem nötigen Abstand statt. Bei der Lossprechung werde dabei auf die Handlegung verzichtet und Beichtväter seien nur Priester, die nicht zur Risikogruppe gehörten. "In diesem Sinne gab und gibt es ein stetiges Beichtangebot im Dom", so Lucht.  

Dieses Angebot wurde Dompropst Kurt Schulte zufolge auch gut angenommen – "die Nachfrage war aber nicht ganz so stark wie sonst in den Tagen vor Ostern." Bei vielen Menschen habe es allerdings einen erhöhten Gesprächsbedarf gegebengerade Menschen mit psychischen Problemen suchten dabei aber eher das Seelsorgegespräch als das Beichtsakrament. Die aktuelle Situation während der Corona-Pandemie in vielen Familien – das dauerhafte Zusammensein auf begrenztem Raum und die Zukunftsängste – beschäftigen derzeit zahlreiche Menschen. Das spürten auch die Priester, so Lucht: "Manche Menschen nahmen weite Anfahrtswege auf sich, um das Bußsakrament zu empfangen." 

Kirchen sogar häufiger geöffnet, als sonst

Auch im Erzbistum Berlin waren und sind Beichten unter den momentanen Vorschriften möglich. "Das Sakrament der Versöhnung kann in gesundheitlich unbedenklichem Rahmen unter Wahrung der üblichen Hygienemaßnahmen empfangen werden", heißt es dazu in einem Rundschreiben des Berliner Generalvikars Pater Manfred Kolling. Die Kirchen seien weiterhin geöffnet, sagt auch Pressesprecher Stefan Förner. "Nach allem, was wir wissen, sogar häufiger als vor der Corona-Pandemie." Ob dadurch auch mehr Menschen vor Ostern gebeichtet haben, konnte er nicht sagen. Ähnlich wie in Würzburg wurde aber auch in Berlin ein besonderer Bußgottesdienst am Karfreitag per Livestream übertragen.

Ein Priester gewährt die Absolution im Beichtstuhl
Bild: ©Fotolia.com/Piotr Slizewski (Symbolbild)

Um eine Infektion bei der Beichte zu verhindern, soll das Beichtgitter im Freiburger Münster mit einer Folie verstärkt werden. Anderswo gibt es diese Sicherheitsvorkehrung schon länger.

Auch im Erzbistum Freiburg hatte die Corona-Pandemie Auswirkungen auf die Beichte. "Wir hatten in der Karwoche erheblich weniger Beichtgespräche als in anderen Jahren", bestätigte Michael Hauser, Leiter der Hauptabteilung Pastorales Personal im Erzbistum, den Badischen Neuesten Nachrichten in der vergangenen Woche. Um Ansteckungen zu verhindern habe man im Freiburger Münster die Messinggitter, die im Beichtstuhl zwischen den Gläubigen und dem Priester angebracht sind, mit einer zusätzlichen Schutzfolie überzogen.  

Diese Folie um das Gitter ist im Beichtstuhl im Beichtzentrum St. Bonifatius in Wiesbaden schon länger vorhanden. Zunächst waren dort auch Beichten in einer Sitzecke mit mehr als zwei Metern Abstand möglich. "Als dann der Lockdown kam, habe ich die Sitzecke komplett gesperrt, sodass nur noch Beichten und Gespräche in der 'klassischen Form', also via Beichtgitter möglich waren", sagt Pallottinerpater Bernhard Scheloske, der als Beichtvater in deZentrum arbeitet. Dort kamen weniger Pönitenten als gewöhnlich vor Ostern – "aber immer noch mehr als sonst im Kirchenjahr", so Scheloske. Er könne sich vorstellen, dass viele sich gar nicht erst auf den Weg gemacht hätten, weil sie einfach davon ausgegangen seien, dass sowieso keine Beichtgelegenheit sein werde. "Jedenfalls haben mir immer wieder Menschen freudig überrascht gesagt, dass sie sich über die Aufrechterhaltung dieses Angebots freuen."  

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Auch in anderen Ländern bemühen sich Geistliche, das Sakrament der Versöhnung auch während der Corona-Pandemie aufrecht zu erhaltenIn den USA spendeten Geistliche beispielsweise auf offener Straße in einer Art Drive-Through-Beichte die Absolution an Autofahrer. Ende März hatte die Apostolische Pönitentiarie zudem eine Generalabsolution ohne vorherige Einzelbeichte für zulässig erklärt, da vor allem in Corona-Krisengebieten eine schwere Notlage gegeben sei.  

Mehrere Theologen erklärten bereits, dass sie in der aktuellen Zeit auch Beichten per Telefon oder über das Internet für durchaus möglich halten. Auf diese Art der Beichte haben die angefragten Bistümer bisher verzichtet, auch wenn es durchaus Seelsorgegespräche über das Telefon gegeben habe, berichtet der Würzburger Franziskaner-Guardian Kalinowski. Im Erzbistum Berlin wurde sogar ein ökumenisches Corona-Seelsorgetelefon eingerichtet, unter dessen Nummer Menschen mit professionellen Seelsorgern über ihre Nöte und Sorgen sprechen können.  

Wer in der aktuellen Situation also aus unterschiedlichen Gründen nicht zur Beichte kommen konnte oder kann, muss deshalb nicht auf die Absolution verzichten. Es gebe viele Möglichkeiten der Sündenvergebung, gerade in Notsituationen, sagt der Würzburger Stadtdekan Vorndran: "Die Bitte an Gott um Vergebung, die abendliche Gewissenserforschung, das allgemeine Schuldbekenntnis, die Vergebungsbitte zu Beginn der Eucharistiefeier (auch am Fernseher), das Lesen der Heiligen Schrift und den Akt vollkommener Reue", listet er auf. "Wenn die äußeren Umstände die Feier eines Sakramentes unmöglich machen, hindert das Gott doch nicht daran, für den konkreten Menschen zu sorgen", so Vorndran. "Denn Gottes Möglichkeiten sind unbegrenzt." 

Von Christoph Brüwer