Was es mit dem "heiligen Theater" am Himmelfahrtstag auf sich hat
Besonderes Brauchtum aus der Barockzeit

Was es mit dem "heiligen Theater" am Himmelfahrtstag auf sich hat

Um den Gläubigen das Geschehen näher zu bringen, ließen Kirchengemeinden in früheren Jahrhunderten Jesusfiguren buchstäblich zum Himmel emporgleiten – gezogen an einem Seil durch ein Loch in der Decke. Doch was gut gemeint war, begann die eigentliche Botschaft von Christi Himmelfahrt zunehmend zu verschleiern.

Von Fabian Brand |  Bonn - 21.05.2020

Das heilige Geschehen plastisch und sichtbar darzustellen: Vor allem im Mittelalter war dies in den Kirchen sehr wichtig. Viele Menschen konnten damals aufgrund mangelnder Bildung noch nicht lesen und schreiben. Und doch sollte allen Gläubigen die Botschaften der Bibel vermittelt werden – und zwar möglichst so, dass sie diese auch verstehen konnten. Ganz unterschiedliche Formen einer "Bibel zum Anschauen" haben sich damals entwickelt. Vor allem der Jesuitenorden war bestrebt, allen Menschen einen Zugang zur Heiligen Schrift zur ermöglichen. Die Jesuiten förderten besonders den Aufbau von Weihnachtskrippen, die später auch zu Fasten- und Jahreskrippen erweitert werden konnten. So wurde es möglich, die Texte plastisch darzustellen und so die biblische Botschaft in eine Form zu packen, die für die Gläubigen zugänglich war.

Heiliges Theater

Insbesondere in der Barockzeit wurden immer mehr Effekte in den Gottesdiensten eingesetzt, mit denen die Texte der Bibel inszeniert wurden. Es entwickelte sich ein "Theatrum sacrum", ein "heiliges Theater", in dem es nicht nur etwas zu hören gab, sondern in dem vor allem das Visuelle gefördert werden sollte. Zu dieser Zeit entstanden beispielsweise auch die Heiligen Gräber, die in vielen Kirchen in den Kar- und Ostertagen aufgebaut wurden. Mit manch ausgeklügelter Technik stellten sie den Leidensweg Jesu augenfällig dar, um schließlich in der Osternacht zum Gesang des Gloria die Figur des Auferstandenen aus dem Grab zu erheben. Es ging um die gekonnte Darstellung des Festinhalts und um seine möglichst effektvolle Inszenierung.

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Christi Himmelfahrt? Da war doch was – irgendwas mit Jesus. Aber was genau wir an diesem Tag eigentlich feiern, hat katholisch.de knapp zusammengefasst.

Auch das Fest Christi Himmelfahrt eignet sich für eine solche szenische Gestaltung: Am Himmelfahrtstag wurde vielerorts die Figur des Auferstandenen, die oft neben der Osterkerze im Altarraum positioniert wurde, zur Lesung des Evangeliums nach oben gezogen. Durch ein Loch in der Kirchendecke und über eine Seilwinde, die im Dachboden installiert war, konnte die Himmelfahrt Jesu auf eine einzigartige Weise inszeniert werden. Die Grundbotschaft, die damit anschaulich gemacht werden sollte, lautete: Der auferstandene Herr ist nicht mehr im Kreis der Jünger gegenwärtig, er hat seinen Weg in den Himmel angetreten. Dort ist er den Blicken der Menschen entzogen. Um die Inszenierung der Auffahrt noch dramatischer zu gestalten, wurden oftmals viel Weihrauch und Orgelspiel eingesetzt; die Gemeinde stimmte das Lied "Christ fuhr gen Himmel" an. So sprach die Himmelfahrt Jesu nicht nur die Augen, sondern auch die Ohren und den Geruchssinn an. Es sollte eben ein ganzheitliches Erlebnis sein, durch das den Gläubigen etwas vom Geheimnischarakter jenes Festinhalts vermittelt werden sollte. Der österreichische Schriftsteller Ludwig von Hörmann beschreibt dieses eindrückliche Ereignis folgendermaßen: "Der Priester segnet und weiht nun das Christusbild, hebt es empor und unter Orgelton und Glockenklang schwebt es langsam an einem Strick mit den begleitenden Engeln aufwärts. Die Kinder gaffen sich fast die Äuglein aus, und auch das erwachsene Volk folgt mit aufmerksamen Blicken der Figur, um zu spähen, wohin dieselbe vor dem Verschwinden das Antlitz wende." Dieser Augenzeugenbericht zeigt, wie sehr es vor allem um die Inszenierung ging und wie sehr die Gläubigen davon in Bann gezogen wurden.

Neben des Hinaufziehens einer Figur des auferstandenen Herrn gibt es noch eine zweite, wenngleich weniger dramatische Inszenierung, die oftmals am Fest Christi Himmelfahrt geübt wurde: Die Osterkerze, die während der Osterzeit im Altarraum der Kirche brennt, symbolisiert die Gegenwart des auferstandenen Herrn inmitten seiner Gemeinde. Da Christus am vierzigsten Tag nach Ostern in den Himmel auffährt, ist er nicht mehr auf der Erde präsent. Seine Gegenwart unter den Jünger endet augenscheinlich. Daher hat man häufig in der Liturgie des Himmelfahrtstages nach der Verkündigung des Evangeliums die Osterkerze ausgelöscht. Auch dies sollte ein Zeichen dafür sein, dass die Präsenz des Auferstandenen auf Erden endet, dass er nun in den Himmel aufgefahren ist und dort zur Rechten des Vaters sitzt.

Verschleierte Inhalte

Bei aller Dramaturgie, die sicher gut geeignet ist, um den Gläubigen den Festinhalt eines bestimmten Tages nahezubringen, sollten vor allem auch theologische Schwierigkeiten nicht verschwiegen werden. Gerade bei der Himmelfahrt zeigt sich, dass die geübten Inszenierungen doch auch wichtige Inhalte verschleiern: Die Himmelfahrt des auferstandenen Herrn, wie sie prominent im ersten Kapitel der Apostelgeschichte geschildert wird, meint ja nicht nur einfach ein Hinaufgehen des auferstandenen Herrn in den Himmel. Der Nukleus dieser Geschichte lautet vielmehr: Christus sitzt als der Auferstandene zur Rechten Gottes, des Vaters; er ist der erhöhte Kyrios, der seinen Platz bei Gott eingenommen hat. Lukas hat diese Glaubensaussage mit der Erzählung von der Himmelfahrt in ein augenfälliges Narrativ gegossen. Dabei geht es aber nicht so sehr um den Akt der Himmelfahrt selbst, als vielmehr um das, was dadurch ausgedrückt werden soll. Besonders wenn der Akt des Hinaufziehens möglichst dramaturgisch ausgestaltet wird, scheint diese Aussage in den Hintergrund zu treten.

Damit ist ein zweiter Punkt verbunden: Die Himmelfahrt Jesu bedeutet ja nicht, dass der auferstandene Herr gewissermaßen von der Bildfläche verschwindet und seine Gegenwart unter den Menschen endet. Der auferstandene Herr hat den Jünger etwas völlig anderes zusagt: "Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt." (Mt 28,20) Das meint nicht das Ende der Präsenz des Auferstandenen, es bedeutet vielmehr eine Verwandlung dieser Gegenwart. Als der Auferstandene bleibt er bei seinen Jüngern, bei seiner Kirche. Wenn der Priester am Anfang jeder Eucharistiefeier der Gemeinde den Gruß "Der Herr sei mit euch" zuspricht, dann bedeutet das eigentlich: Der auferstandene Herr ist hier, er ist jetzt in unserer Mitte gegenwärtig. Mit der Himmelfahrt endet die Gegenwart des Auferstandenen nicht, aber sie nimmt eine neue Form an. Seine Präsenz kann dort entdeckt werden, wo Menschen auf sein Wort hören und sein Gedächtnismahl feiern. Da ist er zugegen.

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Zwei Feiertage konkurrieren wieder miteinander. Für viele die mit Kirche und Christentum nichts mehr zu tun haben, reduziert sich Christi Himmelfahrt auf Vatertag.

Wenn am Himmelfahrtstag die Figur des auferstandenen Herrn auf den Dachboden gezogen oder die Osterkerze ausgelöscht wird, dann wird dadurch eher das Gegenteil deutlich: Damit wird eher ein Verschwinden inszeniert, als die theologische Grundaussage vermittelt, die in den Schrifttexten des Himmelfahrstages durchklingt. Daher finden sich solche Riten auch nicht in der offiziellen Liturgie. Sie werden vielerorts noch als Teil der alten Volksfrömmigkeit gepflegt und stellen mehr überkommene Rituale dar, als dass sie die Menschen zum Festinhalt des Himmelfahrtstages hinführen. Viel entscheidender ist es doch, gerade den Zusammenhang zwischen Auferstehung und Himmelfahrt zu betonen und zu verdeutlichen, dass es eigentlich keinen Unterschied zwischen Auferstehung und Erhöhung gibt. Der auferstandene Herr ist der erhöhte Kyrios und als solcher ist er bleibend bei seiner Kirche gegenwärtig. Das ist das Versprechen, das der Auferstandene den Jüngern vor seiner Himmelfahrt zurücklässt. Und diese Dimension gibt es wieder neu zu entdecken.

Die Gefahr der Dramaturgie

Die szenische Darstellung von Glaubensaussagen kann den Menschen helfen, sich wieder neu mit dem eigenen Glauben auseinanderzusetzen. Solche Inszenierungen sind eine gute Möglichkeit, um die Gläubigen näher an das hinzuführen, was sich damals ereignet hat. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass solche Dramaturgien immer auch die Gefahr beinhalten, einseitig zu werden und wichtige Aussagen mehr zu verschleiern, als herauszustellen. Es gilt daher immer neu das richtige Maß zu finden zwischen einer möglichst gekonnten Inszenierung, die alle Sinne anspricht, und der richtigen und vollständigen Vermittlung der Festinhalte. Beides muss sich nicht ausschließen, sondern kann mitunter eine gute Mischung ergeben.

Von Fabian Brand