Schachfigur
Standpunkt

Maske und Mitra – es gibt wichtigere Themen für die Kirche

Verschwörungstheorien zu Corona und die geforderte Abschaffung der Mitra – diese Diskussionen haben jüngst die kirchliche Öffentlichkeit beschäftigt. Werner Kleine bedauert die Aufmerksamkeit für diese Themen, denn für die Kirche gibt es Wichtigeres.

Von Werner Kleine |  Bonn - 22.05.2020

Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.

In den Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hatte, war es leicht, aus Worten Wirklichkeiten werden zu lassen. Gute Feen wirkten Segen, bösen Feen verfluchten. Irgendwoher kam aber immer ein küssender Prinz oder eine wurfkräftige Prinzessin, die die Verfluchten befreiten. Freilich hören die Märchen auf, wenn es am Schönsten ist. Mit der Hochzeit ist dann Schluss. Noch bevor der triste Alltag einkehrt heißt es: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute...

Herausforderungen prägen gesellschaftliche wie kirchliche Entwicklungen zu allen Zeiten. Die gegenwärtige Zumutung für die Menschheit ist das Virus SARS-CoV-2. Corona wird es auch genannt – das hört sich fast nach einer Freundin an. Freilich entpuppt sich die Freundin als böse Fee. Sie bringt den Alltag durcheinander. Gottesdienste fallen aus, man muss Masken tragen und Abstand halten. Manche Zeitgenossen wittern dahinter finstere Mächte. Verschwörungsphantasien machen sich breit, denen sogar manche Purpurträger verfallen.

Während in Zeiten wie diesen für die einen die Maske zum Symbol der Unterdrückung wird, ist es für die anderen die Mitra. Deren Abschaffung wird nun von einer 95-jährigen Ordensfrau gefordert – als wenn sich durch das Ablegen der Mitra auch die Machtverhältnisse verändern würden. Die Päpste tragen die Tiara schon lange nicht mehr. Ist das Papsttum deswegen weniger mächtig geworden?

Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund – so spricht Volkes Stimme. Im Streit zwischen Maske und Mitra droht in Kirche und Gesellschaft aber der Blick für das Wesentliche verloren zu gehen. So kam es bei einer Protestaktion gegen die "Corona"-Maßnahmen in Gera zu einer verstörenden Szene, als ein Rentner bedrängt wurde, der sich gegen billige Verschwörungsphrasen wendete und eigentlich nur endlich seine Frau im Pflegeheim besuchen möchte. Er steht für die vielen, die vor einer echten Herausforderung stehen: Was bedeutet Corona für die Würde der Alten, Kranken, Schwachen und Einsamen? Die Kirche hätte hier einiges an Anwaltschaft zu übernehmen.

Ist das jetzt wirklich die Zeit, sich um klerikale Accessoires zu sorgen, die bestenfalls Symbolwert haben? Ist das die Zeit, in der selbst Purpurträger ihre Leben mit Verschwörungsphantasien vergeuden? Wenn "Würde" kein Konjunktiv bleiben soll, sollte das zwischen Maske und Mitra angesiedelte Organ wieder eingeschaltet werden. Gerade wir Christen müssen umdenken und jetzt bei denen sein, deren Würde in Gefahr ist. Leben ist gut. Ein Leben in Würde ist besser. Maske oder Mitra – das ist doch in heutigen Zeiten nicht die eigentliche Frage.

Von Werner Kleine

Der Autor

Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.