Schachfigur
Standpunkt

Die Kirche hätte in der ersten Corona-Phase mehr Hoffnung geben müssen

Die erste Welle der Corona-Pandemie ist vorbei. Für Thomas Arnold bedeutet das Zeit für einen Rückblick. Dazu hat er einen sehr persönlichen Brief an seinen zweijährigen Sohn geschrieben, in dem es um unsere Fehler geht – aber auch um Leben und Tod.

Von Thomas Arnold |  Dresden - 02.06.2020

Mein lieber Sohn,

"weil Corona ist", hast du mit deinen knapp drei Jahren auf viele Fragen geantwortet, als das Land sich selbst beschränkte und für Monate neu definierte, was es bedeutet, Freiheit, Gesundheit und ein solidarisches Miteinander neu auszutarieren.

Keiner war daran schuld, dass dieses Virus in die Welt kam. Aber der verantwortungsvolle Umgang mit dieser Situation war die Herausforderung der Wochen. Einerseits in dieser hoch ausdifferenzierten Welt auf die Kompetenz der Spezialisten zu vertrauen und andererseits das viel zu geringe Wissen auf die Situation vor Ort anzupassen. Das war die große Herausforderung. Ohne Fehler ging es nicht.

Du weißt, dass es nicht nur meine Arbeit, sondern meine Überzeugung ist, Debatten zu führen. In den ersten Wochen aber war ich davon überzeugt, dass diese Welt ein Handeln mit Herz und Haltung braucht. Aber keine Diskussion

Jetzt ist es Zeit für den Rückblick, weil die erste Phase vorbei ist und wir schauen können, wie wir anders hätten handeln können. Zeit für den Blick zurück, was uns geleitet hat und wo wir Fehler gemacht haben. Für das Handeln der Kirche tobt inzwischen der Streit: Waren sie Hoffnungsanker oder versunken in der Selbstbetroffenheit? Christine Lieberknecht, die ehemalige Ministerpräsidentin von Thüringen, hat den freiliegenden Nerv getroffen, als sie der Kirche vorwarf, angesichts der wenigen Toten durch Covid-19 die vielen Kranken vergessen zu haben.

Harsch war die Kritik, es sei eine Position aus dem Lehnstuhl in den Rückspiegel. Unangemessen, angesichts der Lastwagen voller Särge und drohender Entscheidungsnot bei einer Triage

Eigentlich wollte ich mit Christine Lieberknecht darüber diskutieren. Auch, weil ich selbst dafür plädiert hatte, zum Schutz so viel wie möglich Kontakt zu vermeiden. Sie lud zum Kaffee ein. Als ich sie traf, verstand ich: Es geht nicht um das zur-Schau-Stellen von Fehlern, nicht um die Kritik am Geschehenen. Sondern das Aufzeigen eines Gefühls: Wir haben in dem Moment, als es um Leid und Tod ging, zu wenig erzählt, wie christliche Hoffnung genau in diesem Moment aussehen kann. Christen haben das Gefühl, wir waren zu wenig da, als sie Fragen und Ängste hatten. Nicht alle hatten die Erwartung, dass weiter der Gottesdienst öffentlich ist. Aber scheinbar hatten mehr die Bitte, dass die Kirche ein Wort des Trostes gibt und mit den anderen die Situation deutet, ohne sich hervorzuheben. So da sein, wie wir glauben, dass ER da ist. Wir sind dem nicht gerecht geworden. Gerade jetzt. 

Schaffen wir künftig das Sprechen, das vor der eigenen Sprachlosigkeit erschrickt?

Gestern Abend hast du mich zum ersten Mal gefragt: "Papa, wo ist eigentlich der Papa von Oma?" Und es wurde ein Gespräch über den Tod, den Schmerz und den Himmel. Vielleicht kindlich, aber mit einer untrügbaren Hoffnung – für beide Seiten. Wenn du irgendwann an meine Stelle trittst, hoffe ich, dass du die richtigen Worte findest und mit deinem sprachlosen Sprechen bei den Menschen bist. Das ist keine einfache Aufgabe, auf die man vorbereitet sein muss. Persönlich. Und für die Menschen deiner Zeit. Deswegen geh deinen Weg mit Hoffnung, nicht mit Furcht. Die Menschen, die mit dir gehen, in ihrer Trauer und ihrer Hoffnung zu begleiten, bleibt die Aufgabe auch deiner Tage. "Weil Corona ist" und das Leben weitergeht.

Schalom.

Von Thomas Arnold

Der Autor

Thomas Arnold ist Leiter der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.