Missionarinnen der Nächstenliebe werden auch Mutter-Teresa-Schwestern genannt.
Schwester Christine Klimann über das Sonntagsevangelium

Unser Herz ist größer als diese Welt

Wir alle haben gewisse Vorstellungen davon, was ein gelungenes Leben ausmacht – und dann fordert Jesus das genaue Gegenteil. Schwester Christine Klimann weiß, wie lebensfeindlich das klingt. Dabei will Jesus uns nur eines schenken: Ermutigung zu größerem Glück.

Von Schwester Christine Klimann |  Rom - 27.06.2020

Impuls von Schwester Christine Klimann

Ich mag die Erzählung vom Auenland. Die Hobbits sind so liebenswerte Geschöpfe. Sie lieben das Leben und das gute Essen, sind gesellig und fröhlich, sie mögen Kinder, sie kochen, backen, rauchen friedlich ihr Pfeifchen und hören begeistert gute Geschichten. Wenn menschliches Leben so ist wie das der Hobbits, dann zeigt es sich von seiner freundlichen und liebenswertesten Seite. Wie schön wäre es, wenn es immer so wäre!

Aber mit dem wirklichen Leben ist es so wie mit Tolkiens Geschichte: Wir stehen in Spannungen und Herausforderungen. Wie zerbrechlich Leben und unsere Sicherheit ist, hat uns Corona auf völlig ungeahnte Weise vor Augen geführt. Und wie Frodo und seine Gefährten sind wir gefordert, Entscheidungen zu treffen. Bringen wir uns ins Spiel?

Ich denke immer wieder an die italienischen Krankenschwestern und Ärzte, die ihr Leben eingesetzt haben, um ihren Dienst zu tun und anderen zu helfen. Mehr als 150 von ihnen haben es verloren. Im Auenland-Horizont, wo die Gemütlichkeit der höchste Wert ist, ist das ein Desaster. Auch in unserer Welt ist es eine Tragödie; aber wir ahnen, dass in der Hingabe Leben stecken kann.

Wir leben auch dadurch, dass Menschen sich mutig einsetzen für etwas, das ihr eigenes Leben und Glück übersteigt. Es gibt viele: Menschen, die sich auf die Seite der Schwachen stellen, Ungerechtigkeit beim Namen nennen, ehrlich bleiben, im Hintergrund Geschirr abwaschen, falsche Sicherheiten anfragen, auf Gewalt verzichten und doch sich mit ihren Idealen nicht beugen. Ich empfinde eine tiefe Dankbarkeit für alle diese Menschen. Was wäre unsere Welt ohne sie.

Rein aus dem Auenland-Horizont betrachtet, sind die Worte Jesu aus dem heutigen Evangelium Bedrohung und Überforderung. Bedrohung, weil das Zusammensein mit den Lieben als höchster Wert im Leben angegriffen wird. Überforderung, weil der Anspruch Jesu gar nicht anders als lebensfeindlich klingen kann. Aber wir sind keine Hobbits, auch wenn wir es manchmal gerne wären. Unser Herz ist größer als diese Welt.

Das Glück, das uns erwartet, kann diese Welt nicht fassen und das Leben, das uns geschenkt ist, ist unzerstörbar. Die Welt braucht unsere Perspektive und unsere Hoffnung. Vor diesem Horizont klingen die Worte Jesu anders: Nicht als Bedrohung, sondern als Ermutigung unser Herz in dem festzumachen, was wirklich zählt.

Jesu Worte sind nicht Überforderung, sondern Perspektive, die wir dringend brauchen, gerade in Zeiten, in denen vieles unsicherer scheint als sonst. Jesus lädt uns ein, nicht das Auenland zu suchen, sondern etwas viel Besseres: unvergängliches Leben zu gewinnen.

Von Schwester Christine Klimann

Evangelium nach Matthäus (Mt 10,37-42)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.

Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.

Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten.

Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist - Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.

Die Autorin

Schwester Christine Klimann gehört zur Kongregation der Helferinnen, ist Pastoralreferentin und studiert in Rom Psychologie.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.