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Standpunkt

Es braucht eine neue Idee der Priesterausbildung

Theologie lernt man nicht nur in der Vorlesung, sondern auch in der WG oder Kneipe, kommentiert Simon Linder. Er findet: Wenn Priester in der Gesellschaft dialogfähig sein sollen, sollen sie nicht die Möglichkeit haben, unter sich zu bleiben.

Von Simon Linder |  Bonn - 23.07.2020

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Das Konzil von Trient führte im Jahr 1563 das Priesterseminar ein. Als erste Begründung wird angegeben, dass "das Jünglingsalter, wenn es nicht ordentlich unterwiesen wird, geneigt ist, den Vergnügungen der Welt nachzugehen" – erst danach wird etwa erwähnt, dass in den Seminaren theologische Bildung vermittelt werden soll. Es ging also schlichtweg auch darum, junge Männer von der Gesellschaft zu isolieren, damit sie sich später zu Priestern weihen lassen. Nach der Säkularisation im 19. Jahrhundert stärkte die kirchliche Hierarchie diesen Ansatz sogar noch, um den Staat bei der Priesterausbildung weiterhin außen vor zu lassen.

Die Arbeitsgruppe der Bischofskonferenz, die eine Reduzierung der Studienorte für die Priesteramtskandidaten vorschlägt, begründet ihren Vorschlag damit, dass es "hinreichend große Lerngruppen und Ausbilder in Vollzeit, aber auch akademische Orte braucht, die eine gemeinsame Ausbildung aller pastoralen Dienste gestatten". Dieser gute Gedanke steht der Idee des Konzils von Trient entgegen. Inzwischen hat man erkannt: Menschen lernen nicht an Gemeinsamkeiten, sondern an Unterschieden.

Theologie lernt man jedoch nicht nur in der Vorlesung, sondern auch am Küchentisch der WG oder in der Kneipe mit wildfremden Leuten. Deshalb hat die Theologie – und haben Theologinnen und Theologen – nicht abseits der Gesellschaft zu leben, sondern mittendrin.

Keine Frage: Priesteramtskandidaten brauchen geschützte Räume, in denen sie etwa über die Vorbereitung auf ein zölibatäres Leben sprechen können. Das rechtfertigt jedoch nicht, den ein halbes Jahrtausend alten Ansatz des Konzils von Trient beizubehalten, als man noch hinter jeder Straßenecke das Böse vermutete, anstatt gerade dort Gottes Spuren zu suchen. Wer von seinen Priestern erwartet, in der Gesellschaft dialogfähig zu sein, darf seinem Nachwuchs nicht die Möglichkeit geben, unter sich zu bleiben.

Dass der Verdacht aufkam, der Arbeitsgruppe ginge es mit der Reduzierung der Studienorte darum, bei sinkenden Priesteramtskandidatenzahlen die tridentinisch geprägten Strukturen der Ausbildung beibehalten zu können, hat sie sich selbst zuzuschreiben. Besser hätte sie eine gegenwartsfähige Idee der Priesterausbildung entwickelt – es ist zu hoffen, dass sich das Forum "Priesterliche Existenz heute" des Synodalen Wegs dieses Themas annimmt.

Von Simon Linder

Der Autor

Simon Linder hat Katholische Theologie und Allgemeine Rhetorik studiert und arbeitet an einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt zum Thema "Streitkultur".

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