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Gesucht: Heilsame Dezentralisierung

An der Pfarreien-Instruktion zeigt sich ein Dilemma des Pontifikats von Franziskus: Eine Geringschätzung von Institutionen und Strukturen konserviert diese gerade – dabei bräuchte es stattdessen Mut zur Subsidiarität, kommentiert katholisch.de-Redakteur Felix Neumann.

Von Felix Neumann |  Bonn - 25.08.2020

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Das Kirchenrecht ist sehr flexibel. Es lässt sich wunderbar an die besondere Situation vor Ort anpassen. Man darf sich nur nicht dabei erwischen lassen. Das ist eine Erkenntnis im Streit um römische Instruktionen für deutsche Pfarreireformen. Die andere: Institution und Mission, Struktur und Charisma lassen sich nicht so trennen, wie man es im Vatikan angesichts der Kombination von Strukturkonservatismus und Missionsfokus in der Instruktion zu glauben scheint.

Papst Franziskus ist mit einem Mandat als Reformpapst angetreten: Seine Rede im Vorkonklave hat Hoffnung auf ein Aufbrechen verkrusteter Strukturen und eine Bekehrung der Bürokratie gemacht, die die kuriale Verwaltung auf die Höhe der Zeit bringen sollte. Passiert ist wenig – und das liegt nicht nur an den von Franziskus selbst beklagten "Krankheiten der Kurie", sondern auch an einem gewissen antiinstitutionellen Affekt: Für Franziskus ist die persönliche Umkehr und das Konkrete wichtig; Strukturen und Institutionen sind weniger bedeutend als die Personen, die sie ausfüllen.

Paradoxerweise führt das gelegentlich dazu, dass Plädoyers zur Umkehr, zum missionarischen Aufbruch mit einem strukturellen Konservatismus einhergehen, der wohl weniger aus einer Begeisterung für die Struktur als aus einer Gleichgültigkeit für das Institutionelle zu erklären ist – dazu kommt die zentralistische Angst vor dem Kontrollverlust, wenn Subsidiarität gelebt wird und damit Entscheidungen auf den unteren Ebenen fallen.

Die vieldiskutierte Pfarreieninstruktion der Kleruskongregation zeigt diese beiden Aspekte des Pontifikats deutlich: eine Begeisterung für mutige Aufbrüche und Bekehrungen bei gleichzeitiger Konservierung der Struktur durch eine maximal unkreative und unflexible Auslegung des kirchenrechtlichen Rahmens. Daraus folgen lähmende Strukturdiskussionen und viel Kreativität, die nicht in die Verbreitung des Evangeliums fließt, sondern in juristische Winkelzüge zur Dehnung des Erlaubten.

Zuviel zentrale Kontrolle schwächt das Recht und die Institutionen, anstatt sie zu stärken: Subsidiarität und "heilsame Dezentralisierung" gehören als Schlagwörter zum Inventar der Soziallehre und der Kirchenreform – eine ernsthafte Verankerung in den Strukturprinzipien des kirchlichen Verfassungsrechts fehlt aber; eine Selbstbeschränkung des Rechts auf einen nötigen Rahmen statt für alle verbindliche Regelungen auch ins kleinste fehlt oft; der Rückkanal aus den Diözesen nach Rom und darauf aufbauende Reformen des Regelwerks sind kaum erkennbar. Die Kirche ist aber zu groß und vielfältig, als dass ein einheitliches umfassendes Gesetz kleinteilig alles regeln könnte. Oder mit Papst Franziskus selbst: "Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen."

Der Streit um die Pfarreieninstruktion zeigt auch, dass etwas aufgebrochen ist: Kopf einziehen, Richtung Rom nicken und Richtung Bistum weiter wie bisher funktioniert nicht mehr. Der Vatikan muss sich der Kritik aussetzen – wenn jetzt nicht nur Bischöfe, sondern auch Laien nicht zum Rapport, sondern zum Gespräch nach Rom kommen, wie von Bischof Bätzing vorgeschlagen, kann das ein erster Weg für die Kurie sein, mit heilsamer Dezentralisierung erst zu machen.

Von Felix Neumann

Der Autor

Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de und Mitglied im Vorstand der Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.