Missbrauchs-Urteil gegen Priester: Anklage legt Berufung ein
Verhältnis des früheren Kaplans zu einer Ministrantin im Fokus

Missbrauchs-Urteil gegen Priester: Anklage legt Berufung ein

Vor zehn Jahren soll er als Kaplan eine 12-jährige Ministrantin sexuell missbraucht haben: Dafür wurde der Priester aus dem Bistum Würzburg vergangene Woche verurteilt. Doch das Urteil ist nicht rechtskräftig, der Fall wird neu verhandelt.

Bad Kissingen - 27.08.2020

Das Urteil gegen einen katholischen Priester des Bistums Würzburg wegen sexuellen Missbrauchs einer Ministrantin ist nicht rechtskräftig. Gegen den Richterspruch vor dem Amtsgericht Bad Kissingen haben sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung Rechtsmittel eingelegt, sagte ein Sprecher des Gerichts am Donnerstag auf Anfrage.

Die Verteidigung habe noch nicht entschieden, ob sie Berufung oder Revision beantrage. Die Staatsanwaltschaft habe bereits Berufung eingelegt. Da dies das umfassendere Rechtsmittel sei, werde es zu einer Verhandlung des Falls vor dem Landgericht Schweinfurt kommen. Wann dies aber sein werde, sei noch nicht klar.

Der 43-jährige Geistliche war vor einer Woche wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes in zwei Fällen zu einer Haftstrafe von einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Außerdem soll er einer Geldstrafe von 1.200 Euro an eine sozialtherapeutische Jugendhilfeeinrichtung (Az. 8 Js 1298/19) zahlen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er vor zehn Jahren als Kaplan eine Ministrantin mindestens zwei Mal sexuell missbraucht hatte. Die damals 12-Jährige schwärmte für den Priester und bedrängte ihn nach dessen Aussage. Die Staatsanwaltschaft hatte ein Jahr und sechs Monate ohne Bewährung gefordert, die Verteidigung auf Freispruch mangels Beweisen plädiert.

Ausübung des priesterlichen Dienstes bleibt verboten

Ende Februar hatte das Bistum Würzburg den Fall öffentlich gemacht. Bischof Franz Jung verbot dem Pfarrer die Ausübung des priesterlichen Dienstes bis zur Klärung der Vorwürfe und leitete eine kirchenrechtliche Voruntersuchung ein. Das Verbot besteht weiter, wie ein Sprecher der Diözese nach dem Urteil am vergangenen Donnerstag erklärte. "Im Namen der Diözese bedauert Bischof Franz Jung zutiefst den Missbrauch und das Leid des Opfers."

Die Anklage gegen den Priester war eine Folge der Missbrauchsstudie der katholischen Kirche, die im Herbst 2018 vorgestellt wurde. Danach hatten die sieben bayerischen Bistümer die zugehörigen Akten zur Prüfung an die Staatsanwaltschaften gegeben. Daraufhin gab es 148 Vorermittlungs- und Ermittlungsverfahren, wie das bayerische Justizministerium jüngst auf eine Anfrage zweier Landtagsabgeordneten der Grünen erklärte. Einzig in dem Fall des Priesters aus dem Bistum Würzburg wurde Anklage erhoben.

Bei der 2018 veröffentlichten Untersuchung zu "Sexuellem Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz" hatten Wissenschaftler der Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen bundesweit kirchliche Akten analysiert. Nach den Anfangsbuchstaben der Universitätsstandorte wird diese auch MHG-Studie genannt. Insgesamt fanden die Experten für die Jahre 1946 bis 2014 Hinweise auf 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe und auf rund 1.670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute in Deutschland. (tmg/KNA)