Agnes Wuckelt im Portrait
Schreibweise rege zum Nachdenken über Gottesbild und Gottesvorstellung an

Theologin Wuckelt befürwortet "Gott*" mit Genderstern

Mit dem Vorhaben, "Gott*" mit Genderstern zu schreiben, löste die Katholische Studierende Jugend eine Debatte aus. Theologin Agnes Wuckelt sieht das Vorhaben positiv – nicht nur, weil so Menschen über ihr Gottesbild nachdenken würden.

Köln - 16.09.2020

Die Theologin Agnes Wuckelt hat das Vorhaben der Katholischen Studierenden Jugend (KSJ) befürwortet, "Gott*" mit einem Genderstern zu schreiben. "Das Gendersternchen verändert die Aussprache ja nun nicht. Es bleibt 'Gott'. Diese Sternchen wird ja nicht gesprochen", sagte Wuckelt dem Kölner "Domradio" am Dienstag. Zugleich werde man beim Lesen über die Schreibweise stolpern. "Ich meine, der Genderstern ist dafür geeignet, dass ich mir über das Gottesbild und meine Gottesvorstellungen Gedanken mache", so die stellvertretende Bundesvorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd).

Schon immer habe die feministische Theologie betont, Gott sei auch Mutter. Mit der Debatte um den Genderstern "haben wir jetzt aber nun eine neue Qualität hinzugewonnen. Und die scheint mir sehr wichtig zu sein", heißt es weiter. Zwar habe die feministische Theologie schon die Sichtweise "Gott ist Vater und Mutter, Gott ist Freund und Freundin" erreicht. Doch die Schreibweise mache darauf aufmerksam, dass es "Menschen mit Diversem gebe", die dadurch noch nicht abgedeckt seien. Denke man weiter und sage, Gott habe kein Geschlecht, "dann müssen wir angesichts der jetzigen Diskussion, wo wir uns eben das sogenannte dritte Geschlecht auch immer wieder vor Augen führen, Gott neu denken", so die Theologin. Dadurch ergebe sich die "große Chance", dass auch diverse Menschen Gottes Ebenbild sind und von Gott geliebt werden. So würden Menschen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen, im religiös-theologischen Kontext Gerechtigkeit erfahren.

KSJ: "weg von dem strafenden, alten, weißen Mann mit Bart hin zu einer Gottes*vielfalt"

Am Freitag hatte die KSJ bekanntgegeben, sich mit der Kampagne für ein anderes Gottesbild starkmachen zu wollen, "weg von dem strafenden, alten, weißen Mann mit Bart hin zu einer Gottes*vielfalt". Der ignatianische Auftrag, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden, verlange, "Gott* vorurteilsfrei wahrzunehmen, schließlich ist Gott* keinem Geschlecht oder anderen menschlichen Kategorien zuzuordnen", so der Verband. Mit dem Genderstern wolle man Gott aus der geschlechtlichen Ebene herausheben.

Das Vorhaben stieß eine Debatte über das Gottesbild an. Dogmatikerin Margit Eckholt etwa kritisierte: "Aus dogmatisch-theologischer Hinsicht ist es von Bedeutung, dass wir an dem Wort 'Gott' festhalten." Zwar sei Gott in künstlerischen Darstellungen der Geschichte als alter, weißer Mann zu finden, ein solches Bild sei heute jedoch nicht mehr stimmig und werde nicht mehr vermittelt. Der Begriff Gott allein mache "immer schon eine Vielfalt unserer Rede und der bildlichen Ausdrucksgestalten möglich", da Gott immer größer sei als alles, was der Mensch von ihm sagen kann.

Würdigt "Fratelli Tutti" auch die Frauen?

Theologin Wuckelt verteidigte weiterhin Papst Franziskus für die Namensgebung seiner neuen Enzyklika "Fratelli Tutti" – deutsch: "alle Brüder", ein Zitat des heiligen Franziskus. Der Pontifex verehre den Heiligen und könne das Zitat "nicht nach Belieben verändern". Mit "Fratelli" könnten jedoch auch die Frauen gemeint sein, da es im Italienischen keinen Begriff für Geschwister gebe, so Wuckelt. "Aber ich meine, dass wir durch den ganzen Protest und die Diskussion, die da jetzt entstanden ist, doch zumindest im deutschsprachigen Raum eine große Sensibilität dahingehend entwickelt haben, dass wir sagen: Frauen können nicht einfach mitgemeint sein."

Warum Papst Franziskus diesen Titel wählte, wisse sie nicht, allerdings stehe dahinter vielleicht "auch, dass der Papst ein Frauenbild hat, das sich sehr wohl von dem, was er mit Brüdern verbindet, unterscheidet", sagte Wuckelt. Sie vermutet, dass es in der Enzyklika auch Abschnitte geben werde, in denen der Pontifex Frauen würdigt, etwa für ihre Rolle in der Gesellschaft und im Kontext der Corona-Krise. (mpl)