Was bringen konfessionelle Kooperationen im Religionsunterricht?
Kolumne: Mein Religionsunterricht

Was bringen konfessionelle Kooperationen im Religionsunterricht?

Kooperationen beim Religionsunterricht zwischen Katholiken und Protestanten sind in mehreren Bundesländern längst üblich, in anderen kaum bekannt. Von den Vorteilen dieses konfessionsverbindenden Ansatzes berichtet der ehemalige Lehrer Rudolf Hengesbach.

Von Rudolf Hengesbach |  Paderborn - 06.11.2020

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Zuerst Baden-Württemberg, dann Niedersachsen und jetzt auch Nordrhein-Westfalen, in immer mehr Bundesländern findet Religionsunterricht konfessionell–kooperativ statt. Warum ist das so und was versprechen sich die Beteiligten von einer solchen Form des Religionsunterrichts? Hier einige Schlaglichter und Erfahrungen aus der Sicht eines Moderators im Fortbildungsbereich. Ein Grund für die Einführung konfessionell-kooperativen Unterrichts ist selbstverständlich der zahlenmäßige Rückgang getaufter Schülerinnen und Schüler. Doch es wäre zu kurz gegriffen, wenn ein solcher Unterricht lediglich aus der Not heraus geboren wäre – sozusagen, "wenn es gar nicht mehr anders geht". Vielmehr gilt es, die sich bietenden Chancen zu nutzen gemäß dem Leitwort "Gemeinsamkeiten stärken – Unterschieden gerecht werden".

Zur besseren Handhabbarkeit von Unterrichtsvorhaben im Sinne des Leitworts wurden in Nordrhein-Westfalen folgende drei Kategorien eingeführt, die sich mittlerweile in der Unterrichtspraxis bewährt haben: Konfessionell verbindende, konfessionell spezifische und konfessionell geprägte Unterrichtsvorhaben. Aber was ist damit gemeint und wie verändert sich dadurch der Religionsunterricht? Dazu zwei Beispiele: Füreinander da sein – Caritas/Diakonie sowie Eucharistie und Abendmahl. Zur Vorbereitung des Unterrichtsvorhabens zu Caritas/Diakonie traf ich mich mit der Sachbearbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit im Caritasverband in meiner Heimatstadt. Bei der Aushändigung von Infomaterial sagte sie: "Schaun Sie mal, ob Sie Unterschiede zwischen Diakonie und Caritas herausfinden – ich wette, nicht!" Diese Bemerkung korrespondiert mit der Aussage von Teilnehmern an Fortbildungsveranstaltungen: "Es gibt so viele Gemeinsamkeiten. Warum eigentlich noch zwischen evangelisch und katholisch unterscheiden?"

In der Anforderungssituation, zum Beispiel, ob man einem Menschen, der in der Fußgängerzone sitzt, Geld geben soll, gibt es keine konfessionellen Unterschiede; auch die sieben Werke der Barmherzigkeit als biblisch-christliche Fundierung von Nächstenliebe haben evangelische und katholische Christinnen und Christen gemeinsam. Insoweit werden durch ein solches Unterrichtsvorhaben Gemeinsamkeiten gestärkt; den Schülerinnen und Schülern wird bewusst, dass Christen in unserer Gesellschaft Nächstenliebe aus ihrem Glauben heraus unterschiedlich akzentuiert gemeinsam leben. Im Bereich der Anwendungssituationen gibt es allerdings durchaus unterschiedliche Zugangsweisen – sowohl im Bereich der Positionierung zum Betteln in der Innenstadt als auch im Bereich der Aufgaben von Caritas und Diakonie. Auf diese Weise wird eine sehr große Vielfalt christlichen Handelns abgebildet, dem die Schülerinnen und Schüler durchaus im Alltag begegnen können, zum Beispiel in mobilen Pflegediensten oder in Krankenhäusern.

Über den Sinn einer wechselseitigen Teilnahme von Katholiken und Protestanten an Eucharistie und Abendmahl kann im konfessionell-kooperativen Religionsunterricht besonders anschaulich diskutiert werden.

Weitaus komplizierter ist die Sachlage im Bereich von Eucharistie und Abendmahl wie auch die Kontroverse zwischen der vatikanischen Glaubenskongregation und dem hochrangig besetzten ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologinnen und Theologen um dessen Votum "Gemeinsam am Tisch des Herrn" zeigt. Ein Arbeitskreis bei einer Fortbildung zum konfessionell-kooperativen Religionsunterricht entwickelte dazu folgende Anforderungssituation: Zwei Jugendliche, die in ihren Kirchen engagiert aktiv am Gemeindeleben teilnehmen, besuchen eine Heilige Messe. Beide möchten gern, als Ausdruck ihres Glaubens, die Eucharistie empfangen. Welchen Rat sollte man den beiden jungen Leuten geben? An dieser Stelle wäre es angebracht, dass im Unterricht die evangelische Position zum Abendmahl und die katholische Position zur Eucharistie zur Sprache kämen und zwar jeweils von einem Vertreter der einschlägigen Konfession.

Allerdings kann es realistischerweise an dieser Stelle keinen eindeutigen Rat geben. Hinzu kommt ein höchstens ansatzweises Verstehen der derzeitigen Kontroverse. Letztendlich müssten die jungen Leute auf Basis dessen, was sie aus dem Religionsunterricht "mitnehmen" eine Gewissensentscheidung treffen. Der Vorteil des konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts erweist sich hier durch authentische Beiträge aus den Konfessionen. Aus meiner Sicht ist genau dies ein Gewinn, den man unter "Unterschieden gerecht werden" verbuchen könnte. Konfessionell-kooperativer Religionsunterricht ist somit wegen der Positionalität der Lehrkräfte mehr als Religionskunde. Darüber hinaus könnten auch Perspektiven für einen interreligiösen Unterricht entwickelt werden.

Abschließend noch ein Wort zu konfessionell geprägten Unterrichtsvorhaben: Konfessionelle Besonderheiten lassen sich zum Beispiel an kirchlichen Festen oder der Erarbeitung von Kirchenräumen festmachen. Auch hier ist nicht nur Information, sondern auch eine Positionierung der Lehrkraft zum Beispiel zum Reformationsfest oder zum "Stein gewordenen Glauben" in einer Kirche gefragt, eventuell sogar verbunden mit einem Erlebensangebot.

Von Rudolf Hengesbach

Zur Person

Rudolf Hengesbach war Lehrer an einem Gymnasium in Paderborn und Vorsitzender des Bundesverbandes katholischer Religionslehrer.

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