Standpunkt

Muslimisch-christlicher Dialog: Eine Verfeindungsspirale wäre fatal

Aktualisiert am 09.11.2020  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Nach den jüngsten Anschlägen müssen Christen weiter den Dialog mit friedfertigen Muslimen suchen, fordert Stefan Orth. Das ergebe sich hierzulande schon aus dem Blick auf einen schmerzlichen Tag in der eigenen Geschichte.

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Ob Paris, Nizza oder Wien: Allein schon die Nachrichtenbilder von den islamistischen Terrorakten der vergangenen Wochen sind einfach nur schrecklich. Und während in Österreich Antisemitismus leitend war, sollten an der Côte d’Azur offenkundig ausdrücklich Christen getötet werden. Die Versuchung, nach dieser weiteren Folge an Attentaten hinter die Dialogbemühungen im muslimisch-christlichen Gespräch abermals ein Fragezeichen zu setzen und mehr Konfrontation gegenüber "dem" Islam einzufordern, ist da durchaus verständlich.

Die Häufung der Vorfälle belegt wieder einmal, dass es sich tatsächlich nicht um Einzelfälle handelt, sondern die Gemeinschaft der Muslime mit dem politischen Islam weltweit ein strukturelles Problem hat. Den fanatisierten Islam muss man deshalb entschieden mit allen gebotenen Mitteln einzuhegen versuchen. Verschärfend kommt hinzu, dass auch Staatschefs, zuletzt etwa der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, eine Auseinandersetzung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen ganz bewusst anheizen. Letzteres ist freilich auch ein Hinweis darauf, wie sehr auch nicht-religiöse Interessen hinter den Konflikten stehen.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, hat nach den Anschlägen in Nizza eingeräumt, dass es den Muslimen offensichtlich weder gelingt, Attentäter von ihren Morden abzuhalten, noch zu verhindern, dass sie sich bei ihren Gewalttaten auf den Islam, den Koran oder den Propheten Mohammed berufen können. Dafür sind allein bestimmte salafistische Strömungen weltweit viel zu mächtig.

Mazyek hat allerdings gleichermaßen mit Recht darauf aufmerksam gemacht, dass die Taten gleichermaßen auch Anschläge auf alle friedliebenden Muslime sind, die an solchen Vergehen oft genug selbst verzweifeln.

Für Christen bedeutet dies, dass sie sich ihrerseits nicht dazu verleiten lassen dürfen, in eine Verfeindungsspirale der Religionen untereinander einzutreten. Christsein entscheidet sich nach den Vorgaben des Evangeliums nicht zuletzt daran. Standhaft bleiben heißt in diesem Fall: In der Friedfertigkeit nicht nachlassen. Nicht zuletzt der heutige Gedenktag der Reichspogromnacht, als Menschen in einer christlich geprägten Gesellschaft Angehörige einer anderen Religion mit furchtbarem Terror überzogen haben, mahnt mit aller Schärfe dazu.

Von Stefan Orth

Der Autor

Dr. Stefan Orth ist stellvertretender Chefredakteur der Herder Korrespondenz.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.