Christoph Kuckelkorn ist Bestatter und Präsident des Festkomitees des Kölner Karnevals
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Bestatter und Karnevalist: Trauer und Lustigsein liegen nebeneinander

Christoph Kuckelkorn ist Bestattungsunternehmer und Präsident des Festkomitees des Kölner Karnevals. Der Wechsel zwischen Beerdigungen und Karnevalssitzungen gehört deshalb zu seinem Alltag. Im Interview erklärt er, wie er beides unter einen Hut bekommt.

Von Katharina Geiger |  Köln - 11.11.2020

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Aufgrund der Corona-Pandemie kann der Sessionsstart am 11. November in diesem Jahr nicht wie gewohnt stattfinden. Im Interview gibt Christoph Kuckelkorn Tipps für den Karneval in Corona-Zeiten und erklärt, welchen positiven Effekt die Pandemie mit sich bringt.

Frage: Was machen Sie denn jetzt am 11.11. statt großer Feier des Sessionsstarts?

Kuckelkorn: Ja, am 11.11. ist alles anders als in den Jahren vorher. Ich weiß noch nicht so richtig, was mich erwartet. Wir werden morgens eine Andacht im Dom haben mit dem Kölner Dreigestirn, so ganz für uns alleine. Um 11:11 Uhr werden wir natürlich die Session eröffnen und werden die letzten Sekunden 'runterzählen. Das wird man auch im Livestream und im WDR und in verschiedenen Medien sehen können. Was dann kommt, weiß ich noch nicht so richtig.

Ich habe an dem Tag eine Beerdigung, da muss ich nochmal auf den Friedhof. Und ansonsten denke ich, dass wir einige soziale Einrichtungen besuchen, zum Beispiel Krankenhäuser, wo wir Weggemänner verteilen. Wir sind also ein bisschen sozial-karitativ unterwegs und müssen viel improvisieren, weil sich vieles auch erst auf den letzten Metern ergibt. Abends werde ich wahrscheinlich auf der Couch sitzen und anders als in allen Jahren vorher mal schauen, was der WDR an alten Konserven bringt.

Frage: Karneval ist auch ein Fest der katholischen Kirche. Was hat das für Sie mit dem Glauben zu tun?

Kuckelkorn: Ganz, ganz viel! Der Karneval fußt auf dem Kirchenjahr. Der Karneval ist ja die Zeit vor der Fastenzeit, in dem man es nochmal so ein bisschen krachen lässt. Was man sich auch ins Gedächtnis rufen muss: Der 11.11. ist exakt sechs Wochen vor Weihnachten, auf den Tag genau. Interessanterweise war er auch in der Vergangenheit immer schon mal ein Tag, an dem man es sich nochmal gut gehen lassen hat, nämlich unter Umständen die Martinsgans verzehrt hat, weil danach die weihnachtliche Fastenzeit begonnen hat. Übrigens kann man sich eine weihnachtliche Fastenzeit heute gar nicht mehr vorstellen. Das ist ja die Zeit der Fülle schlechthin. Aber das gab es wirklich. Es gab auch eine Vorbereitung auf Weihnachten.

Wir beginnen die Session auch immer mit einem ökumenischen Gottesdienst im Dom, bei dem der Kardinal auch dabei ist. Das ist der Start in die Session für uns, vor der Proklamation. Wir beenden die Session mit dem Aschenkreuz. Auch da haben wir also das Alpha und Omega von der Kirche und dazwischen gibt es ganz viele Momente, wo sich Karneval und Kirche auch begegnen. Nicht nur, wenn man mit dem Kardinal beim Kaffee zusammensitzt.

Frage: Jetzt wird durch die Pandemie auf jeden Fall nicht nur der Karnevalsstart, sondern auch die Session anders. Sie sind vernünftig und deshalb mit Oberbürgermeisterin Henriette Reker zusammen der "Spielverderber" gewesen, mussten verkünden, dass der 11.11. dieses Jahr nicht gefeiert wird.

Kuckelkorn: Ja, ganz genau. Das war uns auch total wichtig, weil wir uns nicht vorstellen konnten, dass man in diesen Zeiten das Bild von feiernden Menschen aus der Stadt transportieren kann. Und deswegen war schon sehr früh klar, dass wir – egal wie sich die Situation mit dem Infektionsszenario hier darstellt – auf jeden Fall keinen Straßenkarneval zeigen wollen. Es darf keiner stattfinden und da mussten wir sehr rigoros vorgehen. Wir kennen ja die Kölner. Wir wissen, wie sehr das im Herzen der Menschen ist und wie schwer das fällt, sich hier zurückzuhalten. Deswegen mussten wirklich drastische Maßnahmen her. Gott sei Dank ist die Stadtverwaltung uns und vor allen Dingen der Landesregierung da gefolgt und hat genau diese Sachen umgesetzt. Sodass wir jetzt Alkoholverbot und Alkoholverkaufsverbot in der Stadt haben, dass man Alkohol auf der Straße auch nicht konsumieren darf und dass wir auch Verbote in bestimmten Bereichen haben, wo sich sonst gerne auch vor allen Dingen junges Klientel aufhält. Das ist in diesem Jahr der Punkt.

Vielleicht guckt man im Fernsehen, hört ein bisschen Musik zu Hause und überwintert quasi so. Die erste Zeit nach der Adventszeit wird der Karneval wahrscheinlich auch mit Einschränkungen verbunden sein. In der Form, wie wir ihn kennen, werden wir ihn da auch nicht erleben. Und insofern müssen wir einfach schaffen, dass wir es jetzt ein Jahr retten und uns darauf freuen, dass wir im nächsten Jahr wieder viel Zuversicht haben. Das fällt uns ein bisschen schwer, weil der soziale Faktor Karneval, der ist ja total wichtig. Also, Karneval ist ja nicht nur Feiern und Party. Karneval ist auch ganz viel soziales Miteinander und beispielsweise mehr als 60 Prozent der Auftritte des Dreigestirns finden in sozialen Einrichtungen statt, in Palliativeinrichtungen, in Hospizen, in Krankenhäusern, in der Kinderonkologie als Beispiel. Und da bringt der Karneval so viel Zuversicht – das muss dieses Jahr aber auf jeden Fall bleiben. Denn das sind so ganz wichtige Faktoren, die den Menschen wirklich helfen, die lebensnotwendig sind und die müssen wir auch irgendwie umsetzen. Da sind wir gerade dabei, mit allen Einrichtungen zu überlegen, was wie möglich sein kann. Um am Ende des Tages den Menschen, denen es nicht so gut geht, ein bisschen etwas Schönes zu bringen: Frohsinn, Zuversicht, Hoffnung.

Verachtung und Verbindung: Die Kirche und der Karneval

Karneval ist ein zutiefst christliches Fest. Trotzdem hatte die Kirche immer wieder Probleme mit dem bunten Treiben. Sie plante einst sogar, den Karneval zu unterbinden. Heute versucht sie es vielfach mit einer Annäherung.

Frage: Feiern und Tod sind so nah beieinander, besonders jetzt im Monat November. Wird das durch die Corona-Pandemie nochmal mehr?

Kuckelkorn: Ja, kann man sagen. Das Bewusstsein für den Tod ist plötzlich in der Gesellschaft ein ganz anderes geworden. Durch die Konfrontation mit Sterbezahlen, die jetzt ja gar nicht so wirklich astronomisch hoch sind – bezogen auf Köln. Wir haben 160 Sterbefälle mit Corona, sage ich jetzt mal. Das sind ja durchaus auch viele ältere Menschen, die da verstorben sind. Und wenn man das aber mal in Relation setzt, dass hier im Jahr 10.000 Menschen sowieso sterben, dann ist das eher eine verschwindend geringe Zahl, die auch nicht so groß auffällt. Aber das öffentliche Bewusstsein hat sich gewandelt. Das ist uns ganz klar. Plötzlich ist der Tod bei den Menschen auch wieder im Leben verhaftet, was an sich ganz gut ist. Denn das macht einfach den Tag wertvoller, wenn man weiß, wie endlich das Leben ist. Dann ist das dieses tägliche "Carpe Diem". Wenn man die Zeitung aufschlägt und sieht, wie viele Sterbefälle bei diesen Corona-Zahlen dazugekommen sind, ist das etwas, was einen ein bisschen demütig macht, was aber vielleicht auch den Sinn für das Wesentliche schärft. Und das ist ja auch etwas Gutes, was man aus der Situation nehmen kann.

Frage: Was hat die Situation seit dem Frühjahr mit Ihnen persönlich und beruflich gemacht?

Kuckelkorn: Uns hat die Situation sehr herausgefordert. Wir hatten richtig viel zu tun, aber nicht durch viele Sterbefälle, sondern durch viele Newsletter und immer wieder neue Vorschriften. Da hat sich am Anfang sehr viel gewandelt. Gott sei Dank hat sich die Situation um den Tod auch wieder einigermaßen normalisiert. In den Trauerhallen, auf den Friedhöfen können wieder Menschen zusammenkommen. Zwar weniger als bisher, aber es ist zumindest so, dass wieder Gäste eingeladen werden können. Vor den Trauerhallen gibt es sogar gar keine Begrenzung. Das heißt also, wir haben in dem Bereich keine Einschränkungen mehr. Das ist für viele Familien total wichtig. Denn am Anfang war für viele Familien, mit zehn Menschen eine Bestattung zu machen, ganz, ganz schwer zu ertragen. Gerade in der Trauer, im Tod braucht man Beistand und das ging dann nicht.

Im Augenblick haben wir aber immer noch Situationen, die uns vor riesen Herausforderungen stellen. Als Beispiel organisieren wir gerade eine Überführung nach Italien und es ist für die Familie nicht möglich, mitzureisen. Jetzt stellt die Familie in Frage, ob Italien überhaupt der Beisetzungsort sein kann. Was aber traditionell total wichtig gewesen wäre. Insofern haben wir hier mit noch wirklich großen Einschränkungen zu kämpfen und wir hoffen, dass es sich irgendwann wieder normalisiert.

Frage: Wie können Sie denn an einem für Sie gewöhnlichen Tag so schnell zwischen Tod und Humor springen – eine Beerdigung vormittags und abends die Karnevalssitzung?

Kuckelkorn: Ja, den Wechsel habe ich unter Umständen sogar auch mehrfach am Tag. Ich glaube, ich kann ganz gut zwischen verschiedenen Rollen hin- und hergehen. Das ist mir so ein bisschen in die Wiege gelegt. Damit kann ich ganz gut umgehen. Ich kann auch das, was ich erlebe, an dem Ort oder an dieser Stelle lassen und dann unbeschwert in eine andere Situation gehen. Das ist in dem Beruf ein großes Geschenk und das hilft mir natürlich sehr. Generell ist es ja so, dass Tod und Leben, Trauer und lustig Sein immer nebeneinander sind. Man muss nur den Sinn dafür schärfen und mal rechts und links gucken. Dann merkt man das, wenn man in der Fußgängerzone spazieren geht und in der Kirche an der Fußgängerzone eine Trauerfeier stattfindet. Da gucken wir nur nicht so genau hin, für all das sind wir gar nicht so aufnahmefähig. Wenn wir das aber tun, dann merken wir, dass das eh untrennbar miteinander verbunden ist.

Für die Karnevalisten ist es "unglaublich schwierig, die Situation auszuhalten, weil der Karneval ja besonders bunt ist und es jedes Jahr aufs Neue schafft, am 11.11. die triste November-graue Stadt bunt zu machen", sagt Christoph Kuckelkorn. "Und zwar mit Menschen, mit Kostümen."

Frage: Bedeutet diese Zeit für Sie auch eine gute Arbeitssituation?

Kuckelkorn: Ja, ich finde es jetzt in der Zeit unheimlich bereichernd, dass die Menschen mehr über Tod und über die Endlichkeit nachdenken. Das ist total wichtig. Viele beschäftigen sich so oder so damit, dass sie dann auch zu uns kommen und schon mal für ihre eigene Bestattung vorsorgen. Das machen immer schon viele Menschen, aber jetzt nochmal mit einem ganz anderen Fokus. Plötzlich ist alles irgendwie näher und man macht sich auch selber mehr Gedanken darum. Insofern ist das etwas, was der Gesellschaft gut tut und was generell auch dem Miteinander der Menschen gut tut. Denn wenn ich begreife, wie endlich das Leben ist, dann sind viele Probleme, die man so im Alltag als Probleme bezeichnet, vielleicht keine richtigen Probleme. Da gibt es vielleicht andere große Probleme, die dann auch wirklich eher verfolgt werden müssten.

Frage: Wie blicken Sie jetzt auf die dunkle Jahreszeit, in der das Leben sowieso schon ziemlich trist ist – in diesem Jahr vielleicht besonders zu spüren. Die Natur zeigt uns auch, dass es zu Ende geht. Jetzt fehlt auch noch der Karneval ... Welchen Tipp können Sie uns aus Ihrer Erfahrung geben?

Kuckelkorn: Ja, zuerst einmal ist es für uns als Karnevalisten unglaublich schwierig, die Situation auszuhalten, weil der Karneval ja besonders bunt ist und es jedes Jahr aufs Neue schafft, am 11.11. die triste November-graue Stadt bunt zu machen. Und zwar mit Menschen, mit Kostümen. Das ist natürlich ein total schönes Bild: Die Stadt ist an einem Tag noch grau wie immer. Die Leute stehen wie immer an der Haltestelle. Am nächsten Tag stehen alle im Kostüm da und plötzlich ist alles bunt, fröhlich und es hängt Musik in der Luft. Das ist ja unglaublich schön. Dieses Geschenk können wir jetzt der Stadt nicht machen und wir können auch nicht als Gastgeber fungieren. Was wir Kölner auch so gerne tun. Im Gegenteil, wir müssen den Leuten sogar sagen: Bleibt lieber zu Hause! Also alles wider unsere Natur.

Wenn wir jetzt aber im Kleinen – zu Hause, im Homeoffice und vielleicht auch im Büro – versuchen, den Karneval ein bisschen nachzuvollziehen, am 11.11. ein bisschen Fernsehen zu gucken, im Internet zu schauen und sich so ein bisschen von dem Karnevalsgefühl 'rüberzuretten ins Herz, dann ist das etwas, was vielleicht mitgetragen wird. Wir können die Fenster bunt schmücken und irgendwas machen, was den Karneval doch noch ein bisschen über die Tage in die Stadt trägt.

Frage: Und was gibt Ihnen selbst jetzt gerade Hoffnung?

Kuckelkorn: Mir gibt Hoffnung, dass ich Christ bin. Ich finde, dann ist man ein Stück weit gesegnet, wenn man einen Optimismus in sich trägt. Wenn man weiß, irgendwo geht es weiter und man auf das hofft, was alles noch kommt. Das ist gerade in den Tagen jetzt besonders toll und gibt mir unheimlich viel Halt. Menschen in den schwierigen Zeiten zu helfen, ist auch etwas, was mich unglaublich aufbaut und was meinen Optimismus nährt. Diese Zuversicht und vor allen Dingen die Sicht auf die Zeit danach.

Wir vergleichen oftmals den Karneval und die Zeit jetzt ein bisschen mit der Nachkriegszeit, in der die Menschen auch vieles neu aufbauen mussten. In den Trümmern wurde aber schon wieder der erste Karneval gefeiert. Ich glaube, genau da müssen wir anknüpfen. Wir müssen uns unseren Frohsinn, unseren Humor bewahren, wir müssen unseren Optimismus bewahren. Und dann schaffen wir es auch durch diese dunkle Zeit. Dann werden wir es schaffen, dass der Karneval wieder neu blüht und auch unser Leben wieder zu einer neuen Blüte kommt.

Von Katharina Geiger