Schachfigur
Standpunkt

Wir dürfen in der Pandemie nicht die Hungernden vergessen

Die ganze Welt hat ein Thema: Corona. Dabei gerät aber aus dem Blick, dass ohnehin leidende Teile der Weltbevölkerung auch an den Begleiterscheinungen des Virus sterben, kommentiert Gudrun Sailer – und ruft zum Handeln auf.

Von Gudrun Sailer |  Bonn - 18.11.2020

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Die Corona-Pandemie hat gigantische soziale Folgen, überall auf der Welt. Das weiß jeder von uns. Zugleich gerät im reichen Europa immer mehr aus dem Blick, dass eine globale Antwort auf diese Folgen genauso fehlt wie ein breit geteiltes Interesse an jenen, die nicht am Virus sterben, sondern an seinen Begleiterscheinungen: Hunger, Sklaverei, wachsendes Elend. Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte für Millionen Menschen drohen zunichte zu werden.

In Deutschland wird dieser Tage die Krisenkommunikation der Regierung bemängelt, die Sinnhaftigkeit einzelner Maßnahmen oder ganzer Seuchenschutzstrategien diskutiert, der Lockdown in allen Facetten durchleuchtet. Man erhofft sich viel von den beiden bald lieferbaren Impfstoffen, man erfährt, dass Europas Banken ein schwerer Sturm bevorsteht, dass Spaniens Urlaubsinseln gut über die Runden kommen, dass das Veto aus Ungarn und Polen die Corona-Hilfen der EU für die EU blockieren. Alles sachlich gerechtfertigte Informationen. Aber wo bleibt das – mediale wie persönliche – Interesse am Schicksal der geschätzt 130 Millionen Hungernden mehr in diesem Jahr, wo ist der politische Druck auf Regierungen und Staatenbünde, etwas zu tun, damit zumindest die schlimmsten Folgen auf die jetzt schon leidenden Teile der Weltbevölkerung doch noch abgewendet werden?

Die langfristige und zugleich höchst dringende Herausforderung, das, was die Corona-Krise uns ins Gesicht schreit und wir trotzdem ignorieren, liegt darin, die Ungleichheit an der Wurzel anzugehen. Wir müssen unsere Art zu Wirtschaften überdenken. Die Tatsache, dass wir uns über unser eigenes Fortkommen Sorgen machen, enthebt uns nicht der Pflicht zur Nächstenliebe und zur Geschwisterlichkeit. Papst Franziskus fordert in "Fratelli tutti" eine Wirtschaftspolitik, die "die Produktionsvielfalt und die Unternehmerkreativität begünstigt", und die es ermöglicht, Arbeit zu schaffen statt abzubauen. Der freie Markt allein kann die Probleme nicht lösen, die Armut nicht beheben, die Gerechtigkeit nicht herstellen. Schon gar nicht in einer globalen Pandemie.

Nächstes Wochenende treten die Staats- und Regierungschefs der 20 reichsten Staaten der Welt virtuell zu ihrem diesjährigen Gipfel zusammen. Was werden sie beschließen? Die Fortsetzung der Nabelschau, der nationalen Egoismen, nach dem Motto, wenn es uns erst wieder gut geht, wird es auch den anderen wieder besser gehen, sofern sie noch leben? Handeln im Weltmaßstab ist gefragt. Politische Liebe, wie Franziskus es nennt. Aber die Reaktion der Gruppe der Industrie- und Schwellenländer auf die Pandemie hat bisher nichts als enttäuscht.

Von Gudrun Sailer

Die Autorin

Gudrun Sailer ist Redakteurin bei "Vatican News".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.