Der Heilige Stuhl auf Rädern: Eine kleine Geschichte des Papamobils
Vom umgebauten Truck bis zum Wasserstoffauto

Der Heilige Stuhl auf Rädern: Eine kleine Geschichte des Papamobils

Die Bilder vom Kirchenoberhaupt, das auf einem weiß lackierten Fahrzeug durch die Menschenmenge rollt, sind fester Bestandteil päpstlicher Auslandsreisen: Das Papamobil gehört längst zu den modernen Insignien des Papsttums. Katholisch.de wirft einen Blick in die Geschichte dieses besonderen Vehikels.

Von Matthias Altmann |  Bonn - 22.11.2020

Wenn sich ein Papst zum ersten Mal den Gläubigen in Deutschland zeigt, braucht er einen standesgemäßen fahrbaren Untersatz. Das dachte sich der Vatikan wohl im Vorfeld des fünftägigen Besuchs Johannes Pauls II. in der Bundesrepublik im Spätherbst 1980 – und wandte sich an Mercedes-Benz. Der Stuttgarter Autobauer ließ daraufhin eines seiner G-Modelle umbauen: Das Getriebe wurde auf Schrittgeschwindigkeit abgestellt, das Fahrwerk auf Geländetauglichkeit. Im Fond des Wagens befand sich eine Sitzbank, die auf einem um 40 Zentimeter erhöhten, durchgehenden Boden aufgebaut war. Ein abnehmbarer Plexiglasaufbau schützte den Papst vor Wind und Regen, in Boden und Dach des Aufbaus waren zudem Scheinwerfer eingebaut, mit denen der Pontifex bei Dunkelheit beleuchtet werden konnte.

Der Mann in Weiß als Werbeträger

Inzwischen sind die Bilder vom Kirchenoberhaupt, das auf einem weiß lackierten Fahrzeug winkend und Segensgesten verteilend durch die ihm zujubelnden Menschenmassen rollt, fester Bestandteil jeder päpstlichen Auslandsreise und der mittwochs stattfindenden Generalaudienzen auf dem Petersplatz – zumindest in coronafreien Zeiten. Das "Papamobil", wie einer der berühmtesten Dienstwägen der Welt liebevoll genannt wird, gehört längst zu den modernen Insignien des Papsttums. Für Autohersteller kommt es einem Ritterschlag gleich, wenn sie vom Vatikan mit dem Bau eines solchen Gefährts beauftragt werden. Zugleich wird der Mann in Weiß dadurch zu einem ihrer wichtigsten Werbeträger.

"Auto-mobil" sind die Päpste bereits seit den 1930er Jahren. Im Laufe der Dekaden haben sich im vatikanischen Fuhrpark viele Luxus-Limousinen verschiedener Fabrikate angesammelt. Bei den älteren von ihnen handelt es sich vorwiegend um Staatskarossen, die den Pontifex möglichst komfortabel zu Terminen außerhalb der vatikanischen Mauern bringen sollten. Der Radius solcher "Reisen" war bis in die 1960er Jahre hinein allerdings eher gering. Erst Paul VI. (1963-1978) verließ als erster Papst nach 150 Jahren wieder italienischen Boden und besuchte auch das außereuropäische Ausland.

Papst Johannes Paul II. begrüßt die Menschen aus einem weißen Papamobil
Bild: © KNA/KNA-Bild

Bei seinem ersten Deutschlandbesuch war Papst Johannes Paul II. in einem G-Modell von Mercedes-Benz unterwegs. In der bayerischen Landeshauptstadt begleitete ihn der damalige Münchner Erzbischof, Kardinal Joseph Ratzinger, im Papamobil.

Eine regelrechte "Reiselust" zeichnete das Pontifikat Johannes Pauls II. (1978-2005) aus. In seinen knapp 27 Amtsjahren bereiste er nahezu jeden Winkel der Welt. Der Pontifex aus Polen wollte damit der globalen Bedeutung des Papsttums Rechnung tragen – und auch dessen mediale Präsenz auf ein neues Level heben. Besonders wichtig war ihm dabei, mit den Gläubigen auf Tuchfüllung zu gehen. Also musste für die zahlreichen öffentlichen Auftritte ein repräsentatives, aber auch zweckmäßiges Fortbewegungsmittel her, das den Menschen einen freien Blick auf den Pontifex gestattete.

Eine Art Vorläufer des Papamobils war bereits 1979 gebaut worden, als Johannes Paul II. ein Jahr nach seiner Wahl seine polnische Heimat besuchte. Auf seiner neuntägigen Reise griff er auf ein besonders eigenwilliges Gefährt zurück. Der polnische Autobauer Star hatte einen seiner dreiachsigen Gelände-Trucks eigens für diesen Anlass grundlegend umgebaut. Ausgestattet war er mit einem offenen Gerüst, der Heilige Vater stand unter einem Baldachin.

Über viele Jahre hinweg galt die Mercedes-Anfertigung, mit der Johannes Paul II. bei seinem ersten Deutschlandbesuch unterwegs war, als das Papamobil schlechthin. Allerdings nutzte er daneben auch andere Fabrikate. So ließ er sich am 13. Mai 1981 in einem offenen Fiat-Geländewagen durch die Menge der Gläubigen auf dem Petersplatz fahren, ehe der Attentäter Ali Agca auf ihn schoss. Dieser Vorfall führte zu verstärkten Sicherheitsvorkehrungen bei Generalaudienzen. Dazu gehörte auch, dass das G-Modell von Mercedes umgebaut werden musste und einen schusssicheren Aufsatz aus Panzerglas erhielt. Die Ausstattung wurde in den Folgejahren immer an die jeweils aktuellen Sicherheitsvorgaben des Vatikan angepasst.

Wenn das Papamobil nicht durch die Stadioneinfahrt passt...

Bei seinen über 100 Auslandsreisen war Johannes Paul II. auch in manch kuriosem Vehikel unterwegs. Das vermutlich kleineste Papamobil war ein Seat Panda 1982 in Spanien. Das G-Modell von Mercedes war zu breit und zu hoch für die Einfahrt in das Fußballstadion Camp Nou in Barcelona, in dem ein Gottesdienst geplant war. Deshalb musste Seat aus der Not heraus mit einem seiner Fahrzeuge aushelfen und passte es quasi über Nacht den päpstlichen Erfordernissen an. 1982 fuhr der polnische Papst bei seinem Englandbesuch in einem umgebauten Range Rover. Und 1999 hatte Cadillac für eine Mexiko-Reise einen Wagen auf der Basis eines DeVille hergestellt, in dessen Fond sich ein Hochsitz befand, der nur über einen ausfahrbaren Tritt zu erreichen war.

Benedikt XVI. (2005-2013) übernahm einige Papamobile von Johannes Paul II., darunter auch eine M-Klasse von Mercedes-Benz, die der Wojtyla-Papst erstmals beim Weltjugendtag 2002 im kanadischen Toronto nutzte. Für die öffentlichen Mittwochsaudienzen verwendete er von Ende 2007 einen G 500 des Stuttgarter Autobauers mit abnehmbarer Wetterschutzkuppel. 2012 übergab ihm der damalige Daimler-Konzernchef Dieter Zetsche höchstpersönlich eine neue Papamobil-Version auf Basis der M-Klasse: mit besserer Beleuchtung und erweiterter Bewegungsfreiheit für das Kirchenoberhaupt. Doch gegen eine Ende seiner Amtszeit schlug Benedikt in Sachen Mobilität auch neue Wege ein: Für kleinere Ausfahrten im Vatikan stand ihm ein Renault Kangoo mit Elektroantrieb zur Verfügung – mit Schiebedach, um sich bei Bedarf den Gläubigen zu zeigen.

Papst Franziskus vor dem neuen Papamobil des rumänischen Herstellers Dacia.
Bild: © Renault

2019 erhielt Papst Franziskus einen umgebauten "Duster" vom rumänischen Hersteller Dacia.

Papst Franziskus setzt dagegen auf einfache Wägen. Bei seiner Reise nach Brasilien 2013 fuhr er in einem Fiat Idea in Grundausstattung zur Begrüßungszeremonie bei der Staatspräsidentin, während unterwegs tausende Gläubige die Straßen säumten. Seit 2015 verstärkt ein Hyundai Santa Fe die motorisierte Flotte, 2019 überreichte der rumänische Autobauer Dacia Franziskus einen umgebauten "Duster". Zuletzt sorgte ein weiteres Papamobil für Schlagzeilen: Die japanischen Bischöfe schenkten Franziskus einen wasserstoffbetriebenen Toyota Mirai. Für den "Öko-Papst" eigentlich ein perfektes Präsent – hätte es nicht einen entscheidenden Haken: Die gewöhnliche Reichweite des Mirai liegt bei rund 650 Kilometer, die einzige Wasserstoff-Tankstelle in Italien liegt im südtirolerischen Bozen – etwa 650 Kilometer von Rom entfernt.

Während er bei den Modellen auf mehr Bescheidenheit setzt, pflegt Papst Franziskus in Sachen Sicherheit einen eher sogloseren Umgang. Bei seinen Rundfahrten auf dem Petersplatz lässt er ab und zu das Papamobil anhalten und Passagiere einsteigen. Gelegentlich lässt er sich ohne Glasdach chauffieren – ein Horror für die vatikanischen Sicherheitsleute. Dabei kann auch das Glas selbst zum Gefahrenherd werden: Als Franziskus bei einem öffentlichen Auftritt bei seiner Kolumbienreise 2017 ein kleines Kind grüßen wollte, bremste das Papamobil abrupt ab. Der Papst verlor das Gleichgewicht und stieß sich an der Scheibe an. Das Resultat war ein kleiner Schnitt über der linken Augenbraue, eine Beule unterhalb des Auges und Blutflecken auf der Mozzetta. Während ein Begleiter die blutende Augenbraue abtupfte, lächelte der Papst weiter in die Menschenmenge, winkte und verteilte Segensgesten.

Von Matthias Altmann