Warum auch Krippenfiguren Maske tragen dürfen
Krippen als Zeichen eines Weihnachten im Heute

Warum auch Krippenfiguren Maske tragen dürfen

Dieses Jahr haben nicht wenige Krippen Corona: Figuren tragen Maske, das Geschehen um Christi Geburt wird vom Virus geprägt. Ist das in Ordnung? Ja, findet Christoph Paul Hartmann – und wirft dazu einen Blick auf die Geschichte und die Funktion von Krippen.

Von Christoph Paul Hartmann |  Renningen - 20.12.2020

Vor Corona ist in diesem Jahr wirklich nichts sicher: Jetzt kursieren sogar schon Bilder von Krippendarstellungen, in deren Mitte ein riesiges Virus steht – so geschehen in Renningen bei Stuttgart. "Fürchtet euch nicht", steht dort auf dem Erreger. Noch naheliegender sind Miniatur-Masken, mit denen nicht wenige Krippenfiguren ausgestattet werden.

Ein Blick durch Kommentare, Likes und andere Wortmeldungen zu solchen Kreationen offenbart eine zentrale Frage: Darf man das? Darf man das Thema des Jahres 2020 einfach so in die Wiedergabe der Geburt des Erlösers hineinmontieren? Ist das eine zeitgemäße Aktualisierung oder verdeckt das den Kern des Weihnachtsfestes? Ich finde: Das Coronavirus in der Krippe zu thematisieren ist mehr als legitim.

Treten wir dazu einen Schritt zurück. Dass Krippen in Kirchen und Wohnhäusern stehen, ist kein Selbstzweck oder bloße Dekoration, sondern kommt aus einer besonderen liturgischen Tradition: In der Frühen Neuzeit war es üblich, den Stoff der Bibel in irgendeiner Form plastisch zu machen und so den Menschen näher zu bringen. So führte man zentrale Stellen etwa als Theaterstücke in der Kirche auf, Passions- und Krippenspiele sind daraus entstanden. Auch an Christi Himmelfahrt eine Jesusfigur an einem Seil in das Kirchengewölbe hinaufzuziehen, gehört zu dieser Traditionslinie, die damals als überaus zeitgemäß und über Bildungs- und Standesgrenzen hinweg als sinnvoll für die Vergegenwärtigung des Evangeliums angesehen wurde. Der schwarz auf weiß geschriebene Text sollte also fühlbar, konkret werden.

Krippe mit Kontext

Dementsprechend gehen die Krippendarstellungen seit jeher auf ihren Kontext ein: Die Region, in der sie aufgebaut werden, die Zeit, in der sie angefertigt, die Menschen, für die sie da sind. Das ist Teil des Erfolgsrezepts: Die Menschen können etwas mit diesen Welten anfangen. In manch barocker Krippe aus dem Alpenraum tragen die Figuren klassisch europäische Königsgewänder, während die berühmten neapolitanischen Krippen einen mediterranen Einschlag haben und ihre Figuren an die Typen des traditionellen italienischen Theaters Commedia dell’arte erinnern. Jede Region gibt die Geburtsszene mit ihrer Zeichensprache wieder – und diese Zeichensprache hat sich mit der Zeit verändert. Heute gibt es deshalb eine riesige Bandbreite an Krippen, die von künstlerischen Traditionen verschiedener Kulturkreise beeinflusst sind. Bestes Beispiel ist in diesem Jahr die Krippe auf dem Petersplatz in Rom, die aus einer Keramikwerkstatt in den Abruzzen stammt. Damit kann nicht jeder etwas anfangen, trotz ihrer erst kürzlich erfolgten Enthüllung musste die Vatikan-Krippe schon einige Häme verkraften. Es sind unterschiedliche Zeichensysteme, die hier aufeinandertreffen. Da ist es für manche Betrachter auch einfach mal angesagt, das eigene Zeichensystem (und damit den Horizont) zu erweitern.

Kölner Domkrippe: Flüchtlinge werden von einem Polizisten aufgehalten.

Aktuelle Themen kommen immer wieder in Krippen vor, wie hier Geflüchtete in der Krippe des Kölner Doms zu sehen sind.

Diese Inkulturation der Krippe findet auch heute noch überall statt. In manchen Dörfern haben es der allseits beliebte Pfarrer in Rente oder der Gärtner im Pfarrgarten als Krippenfiguren in die weihnachtliche Szenerie geschafft. In der Kölner Kirche St. Maria in Lyskirchen gibt es sogar eine "Milieukrippe", in der ganz bewusst Originale des Viertels das Geschehen um Christi Geburt prägen. Die Botschaft ist klar: Die Geburt Jesu ist kein Ereignis aus grauer Vorzeit, das lediglich wiedergegeben wird – sie ist etwas sehr Heutiges. Es geht nicht darum, eine vergangene Welt als Kulisse zu erschaffen, sondern etwas zu bauen, das für Menschen im Jahr 2020 relevant ist.

Die kalte Nacht hat ihren Schrecken verloren

Wenn es etwas gibt, das für Menschen in aller Welt das Jahr 2020 bestimmt, dann ist das der Umgang mit einer weltweiten Pandemie voller Ungewissheit, Angst und Verlust. Diese Gefühle mit zur Geburt Christi zu bringen, ist nicht nur okay, sondern äußerst begrüßenswert! Die kalte, dunkle Nacht der Menschen vor 2000 Jahren hat für uns, in wohlbeheizten, vollilluminierten Wohnungen lebenden Mitteleuropäer ihren Schrecken verloren. Uns sagt dieses Zeichen nichts mehr. Corona aber ist ein Faktor unserer Zeit, die Maske ein mittlerweile weltweit verstandenes Zeichen. Sie in die Krippe zu bringen heißt, die Botschaft von Weihnachten in der heutigen Zeit zu vergegenwärtigen.

Wenn in Renningen mitten in der Krippe auf einem Coronavirus "Fürchtet euch nicht" steht, dann ist das Ausdruck einer zutiefst christlichen Hoffnung auf Weihnachten im Jahr 2020. Es ist Aufgabe der Gegenwart, für diese Hoffnung immer neue, relevante Zeichen zu finden.

Von Christoph Paul Hartmann