Schachfigur
Standpunkt

Der biblische Gott hat einen Migrationshintergrund

Die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten ist seit einigen Jahren ein beliebtes Thema für Weihnachtspredigten. Doch für Dominik Blum gibt es noch weitere Anzeichen, dass der Gott der Bibel einen Migrationshintergrund hat.

Von Dominik Blum |  Bonn - 18.12.2020

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Der kirchliche "Welttag des Migranten und Flüchtlings" hatte in diesem Jahr schon im September ein weihnachtliches Leitwort: "Wie Jesus Christus, zur Flucht gezwungen". Seit dem Jahr 2000, heute zum 20. Mal, begehen immer am 18. Dezember auch die Vereinten Nationen den Internationalen Tag der Migration. Im Mittelpunkt steht, was der World Migration Report 2020 in allen Facetten dokumentiert: Mehr als 272 Millionen Menschen weltweit leben fern ihrer Heimat, fast 3,5% der Weltbevölkerung. Die meisten von ihnen unfreiwillig, als Flüchtlinge, Arbeitsmigrantinnen, wirtschaftlich oder politisch auf der Suche nach Zukunft, Auskommen und Überleben.

Dass auch die Heilige Familie vor dem Aggressor Herodes fliehen musste und die Weisen aus dem Osten ihrer Sehnsucht und dem Stern nach Westen bis ans Mittelmeer folgten, macht Migration zu einem beliebten Thema in vielen Weihnachtspredigten. "Auf der Flucht nach Ägypten erlebt das Jesuskind zusammen mit seinen Eltern die dramatische Situation der Vertriebenen und Flüchtlinge", daran erinnerte Franziskus schon im Herbst. Migration ist ein Menschheitsproblem aller Zeiten, das jetzt durch den UN-Migrationspakt endlich sicher, geordnet und regulär behandelt werden soll.

Doch was die Christen an Weihnachten feiern, geht noch viel weiter. Menschwerdung bedeutet nämlich: Gott hat selbst einen Migrationshintergrund. Er wandert aus – aus den Himmeln, aus der Unberührbarkeit des unbewegten Bewegers, aus der Überlegenheit des Schöpfers gegenüber dem Geschöpf. Er migriert nicht dorthin, wo alles besser, sicherer, friedlicher und heller ist. Sondern er geht wie verrückt und ohne Berührungsängste den umgekehrten Weg, aus Sehnsucht nach dem Menschen. Er wandert ein in das Dunkel, das Elend, eine virenverseuchte Welt. Der Lebendige migriert in die Todeszone. Und doch bleibt er dort fremd: "Er war in der Welt (…), aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf." (Joh 1,10f.)

In Deutschland haben über 21 Millionen Menschen einen Migrationshintergrund, das sind 26% der Bevölkerung. Mehr als die Hälfte von ihnen besitzen einen deutschen Pass. Sie alle feiern mit den Christen Weihnachten. Der Gott der Christen ist den Flüchtigen und Fremden vielleicht näher als den Einheimischen. Nur wenn wir Christinnen und Christen uns den Migranten vorbehaltlos zuwenden, sind wir in seiner Weihnachtsspur.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum ist Dozent für Theologie an der Katholischen Akademie in Stapelfeld.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.