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Opfervertreter wollen sich intensiver in Debatten einbringen

DBK-Betroffenenbeirat: Synodaler Weg kein "Missbrauch des Missbrauchs"

Der Missbrauchsskandal nur als vorgeschobener Grund für den Reformdialog auf dem Synodalen Weg? Dieser Ansicht widerspricht der Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz: Gerade die Erfahrungen der Opfer zeigten, dass der Prozess die richtigen Themen bespreche.

Bonn - 05.03.2021

Der Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) weist Kritik an der Verknüpfung des Synodalen Wegs mit den Ergebnissen der ihm zugrundeliegenden MHG-Studie zurück. Man trete der auch von einigen Bischöfen vertretenen These vom "Missbrauch des Missbrauchs" entschieden entgegen, heißt es in einer am Freitag veröffentlichten Stellungnahme des Beirats. Gleichzeitig kündigten die Opfervertreter an, für den weiteren Verlauf des Synodalen Wegs "vertiefende Beiträge leisten" zu wollen, "soweit möglich in jedem Themenfeld der Foren".

Die DBK hatte den Betroffenenbeirat als Konsequenz aus der MHG-Studie eingerichtet, um die Einbindung von Opfern sexualisierter Gewalt zu verstärken. Vergangenen Herbst nahm er seine Arbeit auf. Dem Beirat gehören insgesamt sieben Frauen und fünf Männer aus unterschiedlichen Diözesen und mit verschiedenen beruflichen Hintergründen an. Vertreterinnen und Vertreter des Gremiums kamen bei der Online-Konferenz Anfang Februar erstmals beim Synodalen Weg zu Wort. Künftig hat das Gremium dort Gaststatus und Rederecht. "Anscheinend hat es dieser Menschen mit Namen und Gesicht bedurft, um sichtbar zu machen, dass wir Betroffene von sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche Deutschlands kein Phantom sind, nicht irgendwelche Leute im Irgendwo, sondern dass wir real sind, dass wir viele sind, dass wir zum Teil nach wie vor Mitglieder dieser Kirche sind, dass man uns immer alltäglich begegnen kann", heißt es dazu in der Stellungnahme. "Das Erstaunen, das diese Erkenntnis ausgelöst hat, auch insbesondere unter den Vertreterinnen und Vertretern der Laienverbände, löst Erstaunen unsererseits aus!"

Im Blick auf das Synodalforum "Priesterliche Existenz heute" betont der Betroffenenbeirat, dass er der pauschalen Verdächtigung entgegentreten wolle, zölibatär lebende Menschen seien anfälliger für Missbrauchstaten. "Trotzdem lehren uns die eigene und die Erfahrung vieler anderer Betroffener von sexualisierter Gewalt, dass der Zölibat als Lebensform von Priestern offenbar lange einen hervorragenden 'Deckmantel' für sexualisierte Gewalt geboten hat." In diesem Sinne müsse der Zölibat als ein "Aspekt systemischer Ursachen für sexualisierte Gewalt im Raum der Kirche zur Disposition gestellt werden".

Auch Frauen könnten zu Täterinnen werden, dennoch...

Auch wenn die Ergebnisse der MHG-Studie dieses Thema zunächst nicht nahegelegt hätte, sei der Betroffenenbeirat froh, dass der Synodale Weg die Frage nach "Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche" aufgenommen hat, heißt es weiter. Zu den systemischen Ursachen für sexualisierte Gewalt in katholischen Kontexten gehöre auch der Hang zum "Männerbündischen" und zu speziellen "Klerikermilieus". Zwar könnten auch Frauen zu Täterinnen und Vertuscherinnen werden, dennoch "bieten gemischtgeschlechtliche Leitungsstrukturen immer auch die Chance Milieus aufzubrechen und diverse Blickwinkel einzubeziehen". Hinzu komme die Wahrnehmung Betroffener, dass die meisten der Täter Männer gewesen seien und viele daher die ausschließliche Spendung von Sakramenten durch Männer als Zumutung empfänden. Opfer von sexualisierter Gewalt hätten ein "Recht darauf, dass die Folgen ihrer Traumatisierungen mitbedacht werden, wenn über den Ausschluss von Frauen von geweihten Ämtern beraten wird".

Hinsichtlich der Beratungen im Synodalforum "Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft" weist der Betroffenenbeirat darauf hin, dass eine mit Verschweigen und Verboten flankierte "biologistisch enggeführte Sexualmoral" vielfach zu Tatkontexten und Täterstrategien beigetragen habe. "Dies zu sichten und ins Bewusstsein zu heben, sehen wir als Teilauftrag des vierten Synodalforums." Ausdrücklich widersprechen die Opfervertreter der Ansicht, dass die signifikante Häufung von männlichen Opfern im Forschungsfeld der MHG-Studie einen Zusammenhang zwischen der homosexuellen Präferenz eines Menschen und einer möglichen Täterschaft nahelege. "Wer die Ergebnisse der MHG-Studie hierzu sorgfältig liest, kann nicht zu einem solchen Schluss kommen."

Der Synodale Weg wurde im Anschluss an die MHG-Studie initiiert, deren Ergebnisse im Herbst 2018 vorgestellt wurden. Er soll die Möglichkeit kirchlicher Reformen ausloten. DBK und Zentralkomitee der deutschen Katholiken veranstalten den Reformprozess gemeinsam. Die Themen, die sich in vier verschiebenden Foren niederschlugen, lauten Machtmissbrauch, Sexualmoral, Zölibat und die Rolle der Frau. Einige Kritiker sind der Ansicht, die Verknüpfung der Themen des Synodalen Wegs mit der Missbrauchskrise sei nur vorgeschoben, um die Reformagenda aus progressiven Kreisen der katholischen Kirche voranzubringen. (mal)