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Standpunkt

Bevor die Kirche zur Sekte wird, braucht es eine Revolution

Ob die Aufdeckung des Missbrauchsskandals 2010, die Affäre um Bischof Tebartz-van Elst oder die MHG-Studie: Die Austrittszahlen waren hoch, die Reaktion der Kirche zu gering. Es braucht eine Revolution, kommentiert Björn Odendahl.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 31.03.2021

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2010 erschüttert der Missbrauchsskandal die katholische Kirche in Deutschland zum ersten Mal. Die Leitlinien zum Umgang mit Missbrauch werden – etwa mit Blick auf die Anzeigepflicht – aktualisiert. Eine Revolution ist das nicht. So viele Menschen wie nie zuvor treten aus der Kirche aus: 181.193.

2013 werden die Leitlinien und die Rahmenordnung zur Missbrauchsprävention erneut überarbeitet, enger gefasst, präzisiert. Nötig, aber eine Revolution ist das nicht. 178.805 Katholiken treten aus. 2014 erlangt Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst mit seinem über 30 Millionen Euro teuren Bischofshaus weltweite Bekanntheit. Es folgen Auszeit, Versetzung in den Vatikan und eine Transparenzoffensive der Bistümer mit Blick auf die Finanzen. Eine Revolution ist das nicht. 217.716 Austritte – neuer Höchstwert.

2018 folgt die MHG-Studie. Der Synodale Weg wird angekündigt. Eine Revolution? Vielleicht. Dennoch: 216.078 Menschen verlassen die Kirche. 2019: Erst schreibt Papst Franziskus, dann die Bischofskongregation, um dem Synodalen Weg sichere Leitplanken Richtung Rom zu setzen. Revolution vertagt. 272.771 Menschen treten aus. Erneut Höchstwert. 2020 folgten die Corona-Krise mit zu wenig Antworten der Kirche und ein Streit um das Kölner Missbrauchsgutachten. Die Austrittszahlen dürften wieder hoch sein. Von einer Revolution keine Spur.

Auch in diesem Jahr sieht es wegen des Segnungsverbots für homosexuelle Paare aus dem Vatikan bisher nicht gut aus. Der Kirche in Deutschland droht die Versektung – nicht wegen einer vermeintlichen Abspaltung von Rom, sondern weil ihr neben den Fernstehenden auch immer mehr engagierte Katholiken an der Basis wegbrechen, die Entscheidungen aus Rom nicht mehr akzeptieren. Die Konsequenz für Deutschland wird ein ungesundes Schrumpfen der katholischen Kirche zu einer kleinen Glaubensgemeinschaft sein, die den Dialog mit der komplexen Welt von heute entweder komplett verweigert oder ihr mantraartig Glaubenssätze entgegenwirft. Was hat eine solche Kirche, die die Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit nicht ernst nimmt, ihnen noch zu sagen und zu geben?

Doch irgendetwas ist ein wenig anders kurz vor Ostern 2021. Mehr als 2.600 Seelsorger in Deutschland kündigen Widerstand gegen das Segnungsverbot an. Sie wollen die Menschen erst nehmen. Ihre Bischöfe müssten sie sanktionieren. Aber sie tun das nicht – und sagen es öffentlich. Der Synodale Weg nimmt das Nein aus Rom "zur Kenntnis", will aber weitermachen.

Ostern ist das Fest der Auferstehung Jesu, der Sieg des Lebens über den Tod. Es ist die größte Revolution von allen. Vielleicht ist es in diesem Jahr auch ein Weckruf für die katholische Kirche in Deutschland.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Redaktionsleiter bei katholisch.de.

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Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.