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Neuevangelisierung ohne kirchliche Reformen funktioniert nicht

Sich auf die Frohe Botschaft Jesu konzentrieren, statt Reformen durchzuführen: So soll die katholische Kirche nach Ansicht gewisser Kreise zukunftsfähig werden. Doch ein Entweder-oder kann hier nicht funktionieren, kommentiert Tobias Glenz.

Von Tobias Glenz |  Bonn - 09.04.2021

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Damit die Kirche eine Zukunft hat, braucht es keine Erneuerung von Strukturen und Lehre; es braucht einzig eine Erneuerung in Jesus Christus und seiner Frohen Botschaft: So argumentieren Verfechter der Tradition immer wieder gegen kirchliche Reformbestrebungen, in Deutschland namentlich gegen den Synodalen Weg. Neuevangelisierung und Missionierung sollen das Allheilmittel sein. In einem aktuellen Interview formuliert eine Vertreterin von "Maria 1.0" ihre Wünsche an die Kirche so: dass sie "zum Kern der Frohen Botschaft zurückfindet", eine "leidenschaftliche Verkündigung des Evangeliums" betreibt, eine Katechese anbietet, "die diesen Namen verdient".

Sicher keine falschen Wünsche, nur: Wie soll das alles konkret aussehen? Und vor allem: Wie soll (Neu-)Evangelisierung funktionieren, wenn keiner mehr zuhört? Hierzu fehlen Antworten. Das große Problem der Kirche ist ihr selbstverschuldeter Glaubwürdigkeitsverlust. Da kann die Botschaft noch so stark sein: Niemand hört auf eine Institution, die sich in den vergangenen Jahren vor allem durch Skandale ausgezeichnet hat; die Liebenden pauschal den Segen verweigert; die eine wirkliche Gleichberechtigung der Geschlechter verhindert; die ökumenischen Bestrebungen hin zu einer sichtbaren Einheit der Christen eine Absage erteilt.

All das versperrt den Blick auf die Frohe Botschaft des Evangeliums. Bevor Kirche die Menschen wieder für diese Botschaft begeistern kann, muss sie ihre Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise überwinden. Sie muss mit den Menschen auf Augenhöhe diskutieren, ihre Wünsche hören, sich den Lebenswirklichkeiten von heute stellen und daraus Konsequenzen für ihre künftige Gestalt ziehen. Nichts anderes versucht der Synodale Weg in Deutschland – und ähnliche Reformprozesse in anderen Ländern – zu leisten.

"Wir geben das Bild eines zerstrittenen Haufens ab", beklagt die "Maria 1.0"-Vertreterin im Interview mit Blick auf den Synodalen Weg. Doch ein ehrliches Streiten ist jetzt vonnöten. Um die Zukunft der Kirche muss heute und musste zu allen Zeiten gerungen werden. Weder ein Sich-Verschließen vor Dialog und Reformen noch ein Kirchenaustritt aus Frustration sind die Lösung. Vielmehr ist das Mitwirken aller Seiten – Liberaler wie Konservativer – erforderlich. Und am Ende eines solchen Reformprozesses steht womöglich eine erneuerte, glaubwürdige Kirche, der dann auch eine echte Neuevangelisierung gelingen kann.

Von Tobias Glenz

Der Autor

Tobias Glenz ist Redakteur bei katholisch.de.

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