Anna Grebe
Medienwissenschaftlerin und weitere Frauen haben Kandidatur öffentlich gemacht

ZdK-Kandidatin Grebe: "Kirche muss rundherum ehrlich sein"

Normalerweise findet die Wahl von Einzelpersönlichkeiten in das Zentralkomitee der deutschen Katholiken ohne großes Aufheben statt. In diesem Jahr haben jedoch fünf Frauen ihre Kandidatur für das Laiengremium öffentlich gemacht. Im Interview erklärt Anna Grebe, warum sie ins ZdK möchte.

Von Roland Müller |  Berlin - 18.04.2021

Anna Grebe möchte Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) werden. Das Laiengremium könnte sie am kommenden Wochenende bei seiner Vollversammlung als Einzelpersönlichkeit hinzuwählen. Was die promovierte Medienwissenschaftlerin antreibt, welche Visionen sie für die Kirche hat und was sie im ZdK verändern möchte, verrät sie im Interview.

Frage: Frau Grebe, Sie kandidieren für die Zuwahl als Einzelpersönlichkeit ins ZdK. Warum möchten Sie diesem Gremium angehören?

Grebe: Die Kirche ist meine Heimat: Ich bin in der Katholischen Jungen Gemeinde (KjG) sozialisiert worden und mit positiven Erfahrungen in einer Kirchengemeinde in der ländlichen Diaspora aufgewachsen. Als Mitglied der Filmkommission der Deutschen Bischofskonferenz und Verbandskatholikin bin ich es gewohnt, die Kirche mitgestalten zu dürfen. Das möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt auch im ZdK versuchen.

Frage: In diesem Jahr kandidieren besonders viele Personen für die Zuwahl ins ZdK. Sie und einige weitere Frauen haben ihre Kandidatur zudem öffentlich gemacht. Warum dieser Schritt?

Grebe: Wir, also Gudrun Lux, Anja Pfeffermann, Johanna Beck, Judith Klaiber und ich, haben uns zum Gang in die Öffentlichkeit entschieden, weil wir dadurch ein Zeichen setzen wollten. Unsere Botschaft ist: Wir bekennen uns zu unserer Kirche, wir engagieren uns in der Kirche und geben sie nicht auf, trotz des desaströsen Zustands, in dem sie sich befindet. Viele treten gerade aus der Kirche aus und verzweifeln an der gegenwärtigen Situation. Wir sehen das und möchten sichtbar machen, dass es engagierte KatholikInnen gibt, die das jetzige System nicht weiter hinnehmen wollen. Daraus entsteht eine Strahlkraft, die wir am großen Feedback festmachen, das wir von Personen bekommen, die nichts mit der Kirche zu tun haben. Etwa aus der queeren Community in meinem Umfeld gibt es Rückmeldungen: "Krass, ich wusste gar nicht, dass Du katholisch bist. Ich finde es aber gut, dass Du für dieses Gremium kandidierst, weil Du für mich authentisch bist. Ich weiß, dass Du für Gerechtigkeit bist und kämpfen wirst." So geht es meinen Mitstreiterinnen und mir: Wir wollen Gerechtigkeit in dieser Kirche – und zeigen das in aller Öffentlichkeit.

Frage: Aber meinen Sie, dass eine Mitgliedschaft im ZdK überhaupt dazu beitragen kann, etwas in Bezug auf diese Themen in der Kirche zu bewegen?

Grebe: Meine Gegenfrage: Warum sollte ich mich denn nicht dort engagieren? Ich bin im Erzbistum Berlin beheimatet und Mitglied im Diözesanrat. Die meisten Mitglieder setzen sich wirklich sehr für die Kirche ein. Aber ich repräsentiere zudem eine Gruppe von katholisch sozialisierten Menschen vom Land, die für ihre Ausbildung und ihre Karriere in die Großstädte gegangen sind: Ich habe in Berlin keine Heimatgemeinde, ich habe keine Kinder, ich bin 37 Jahre alt, und stehe für Menschen, die trotz ihrer Kirchenzugehörigkeit absolut säkular leben. Meine Generation fragt sich, warum wir überall in der Gesellschaft wählen und mitbestimmen dürfen, aber in der Kirche nicht. Mir ist aber völlig klar, welche Art von Beteiligungsanspruch ich an das ZdK und das ZdK wiederum an die Gestaltung von Weltkirche stellen kann. Da bin ich realistisch! Aber ich sehe mich in der Nachfolge Jesu und muss es wenigstens versuchen, mich für die Kirche einzusetzen.

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Frage: Wenn es mit der Wahl ins ZdK klappt, welche Pläne haben Sie für Ihre Mitarbeit dort?

Grebe: Mit der Bekanntgabe unserer Kandidatur ist eine Diskussion darüber entstanden, wer das ZdK überhaupt wählt. Es wählt sich ja sozusagen in gewisser Weise selbst. Das sage ich auch als Expertin für das Thema Beteiligung – in diesem Bereich arbeite ich in der Politik. Viele Menschen verstehen das komplizierte System des ZdK nicht und haben uns gefragt, warum sie uns nicht direkt wählen können. Es ist zwar eine große Ehre, als Einzelpersönlichkeit für dieses Gremium vorgeschlagen zu werden. Doch das ZdK sollte darüber nachdenken, wie zeitgemäß die Art der Zusammensetzung aus den drei Säulen der Diözesanräte, der Verbände und der Einzelpersönlichkeiten noch ist. An diesem Prozess würde ich gerne mitarbeiten.

Frage: Schwebt Ihnen da schon ein konkreter Vorschlag vor? Eine Basiswahl vielleicht?

Grebe: Eine Basiswahl halte ich für ein wenig schwierig, schon allein aus organisatorischen Gründen. Generell müssen wir darüber nachdenken, wie das katholische Verbandswesen funktioniert und wie Menschen an ihre Posten in Verbänden und Bistümern und dann wiederum im ZdK kommen. Wen vertreten sie dort eigentlich? Vielleicht müsste es auch andere Möglichkeiten geben, wie sich Menschen an Kirche und Kirchenpolitik beteiligen können?

Frage: Sie haben Ihre Mitstreiterinnen bei der Kandidatur fürs ZdK erwähnt. Bilden Sie bei erfolgreicher Wahl so etwas wie eine Fraktion im ZdK?

Grebe: Wir haben uns dazu entschieden, gemeinsam in die Öffentlichkeit zu treten – vor allem in den sozialen Netzwerken. Uns war wichtig zu zeigen, dass wir für ähnliche Perspektiven stehen. Wir sind keine Fraktion und kein Block. Ich finde es sehr wertschätzend, dass manche den Hashtag #SquadForZDK wegen unserer Bewerbungen posten. Das freut mich wirklich, aber wir wollten mit unserem gemeinsamen Schritt lediglich deutlich machen, dass wir keine einzelnen Stimmen sind, sondern viele. Wir sind realistisch: Es sind über 100 Menschen, die für 45 Plätze kandidieren. Dabei sind wie immer auch MinisterInnen, Bundestagsmitglieder etc. Das ZdK muss sich die Frage stellen, um was es bei diesen hinzugewählten Persönlichkeiten eigentlich geht. Sind es Menschen, die pro forma auf einer Liste stehen und mit denen man sich schmücken möchte, oder sind das echte MitstreiterInnen für diese Kirche?

Zur Person

Anna Grebe ist promovierte Medienwissenschaftlerin und lebt in Berlin. Sie ist Mitglied der Filmkommission der Deutschen Bischofskonferenz und im Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Berlin.

Frage: Schwingt in Ihren Worten Kritik an einer Postenvergabe im ZdK mit?

Grebe: Das ZdK benötigt gute Kontakte in die Bundes- und Landespolitik, denn es ist eine Lobbyorganisation. Aber funktioniert das nur über die Mitgliedschaft einer politisch relevanten Person? Das ZdK sollte in jedem Fall viele andere Kontakte in die Gesellschaft haben. Deshalb bin ich eine Befürworterin des Umzugs nach Berlin. Nichts gegen Bonn, aber in der Hauptstadt kann das ZdK eindeutig besser netzwerken.

Frage: Man hört manchmal die Kritik am ZdK, dass es sich zu viel mit kirchlichen Strukturfragen und zu wenig mit der Verkündigung des Glaubens oder sozialen Anliegen beschäftige. Stimmen Sie dem zu?

Grebe: Die sozialen Anliegen sehe ich beim ZdK sehr gut vertreten. Die vielen Stellungnahmen und auch das Engagement zahlreicher ZdK-Mitglieder in sozial-, familien- oder jugendpolitischen Zusammenhängen spricht Bände. Die angesprochene Kritik kommt aus einer bestimmten Ecke unserer Kirche, die sich vom ZdK nicht vertreten fühlt. Natürlich kann man überlegen, ob sich das ZdK mehr ins Kircheninnere orientieren sollte. In jedem Fall ist es aber wichtig, ehrlich zu sagen, wofür man steht.

Frage: Vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrung in der säkularen Großstadt Berlin: Wie muss Kirche sein, damit sie in der modernen Gesellschaft ihre Botschaft vermitteln kann?

Grebe: Die Kirche muss eine grundsätzliche Offenheit gegenüber unterschiedlichen Lebensmodellen zeigen. Da ziele ich nicht nur auf sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität ab, sondern auf unterschiedliche Lebensmodelle, wie etwa auch keine Kinder zu haben oder in sogenannten Patchwork-Familien mit angenommenen Kindern zu leben. Kirche muss darüber nachdenken, welche Form von Angeboten es für Menschen gegeben kann, die Care-Arbeit und Job unter einen Hut bringen müssen. Ich persönlich bin der Kirche in Deutschland durch die Corona-Pandemie noch verbundener geworden. Ich nehme an Angeboten aus fast allen Bistümern teil, die online stattfinden. Ich finde es wunderbar, dass die digitale Transformation ermöglicht, nicht nur auf die Gemeinde vor Ort bezogen zu sein. Diese große Offenheit, so muss Kirche in meinen Augen sein. Sie sollte nicht einfach warten, bis die Krise vorüber ist und hoffen, dass die Menschen schon wiederkommen werden. Kirche muss proaktiv handeln und auf Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen zugehen. Ein weiterer Punkt ist die Sprache: Wir können in der katholischen Kirche sehr gut um den heißen Brei herumreden. Diese Art der sprachlichen Selbstzensur kommt bei den Menschen schlecht an und führt zum Verlust von Vertrauen – das sehe ich auch in der Politik. Die Kirche muss rundherum ehrlich sein. Wir brauchen klare Ansagen – das kann etwa sein: Herzlich Willkommen. Oder aber Ablehnung, wie das Nein aus dem Vatikan zur Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren. Das ist wenigstens eine klare Ansage, mit der wir arbeiten können, indem wir sie nicht gut finden.

Von Roland Müller