Papst Franziskus trägt einen Mund-Nasen-Schutz
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Vatikanjournalist von Kempis: Der Papst leidet an der Pandemie-Lage

Menschliche Kontakte sind für Papst Franziskus fast überlebenswichtig – in der Corona-Pandemie jedoch nur schwer möglich. Wie der Papst damit umgeht, erklärt Stefan von Kempis, Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Vatican News, im Interview.

Von Renardo Schlegelmilch |  Vatikanstadt - 12.05.2021

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Die Corona-Pandemie macht dem Papst ganz schön zu schaffen, sagt Stefan von Kempis, Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Vatican News im Interview. Er spricht auch darüber, warum Papst Franziskus sich oft – aber nicht immer – an die Corona-Regeln hält.

Frage: Man sagt ja, dass der Papst auch besonders unter der Pandemie-Lage leidet, weil er ein Mensch ist, der andere um sich haben will. Das ist ja auch ein Grund, warum er im Gästehaus wohnt. Hat man gemerkt, dass Papst Franziskus unter der Lage gelitten hat im letzten Jahr?

von Kempis: Und wie! Es reicht nur mal, sich seine Generalaudienzen anzusehen, die aus der Privatbibliothek des Apostolischen Palastes heraus gestreamt werden. Die einzigen Anwesenden außer dem Papst sind Mitarbeiter der verschiedenen Sprachabteilungen des vatikanischen Staatssekretariats: Würdige Herren im langen Rock, die sich umeinander bewegen wie Mandarine einst am chinesischen Hof. Alles ist sehr herunter gedimmt stimmungsmäßig – und der Papst oft mit einer bitteren Miene. Es liegt ihm nicht. Ich verrate da kein Vatikangeheimnis, wenn ich sage, man sieht es ihm an. Das ist nicht sein Ding.

Der Vatikan vollzieht in der Regel das nach, was gerade an Einschränkungen oder Lockerungen in Italien, im umliegenden Rom, beschlossen wird. Immer wenn es in Italien Lockerungen gab, hat der Papst es dann auch ausgenutzt, die Generalaudienz zumindest in einem kleinen Innenhof des Apostolischen Palastes mit echten Menschen, die ohne Eintrittskarten rein konnten, stattfinden zu lassen. Da hat man dann gesehen: Zunächst war er auf großem Abstand. Dann hat er doch mal ein Baby geküsst. Da konnte man sehen, wie gut das tut: echte Menschen um den Papst herum. Er ist eben ein Lateinamerikaner. Das geht nicht ohne Anfassen, Händeschütteln, Schulterklopfen.

Auch hält er jetzt nicht mehr die Frühmessen in der Casa Santa Marta im gewohnten Stil, also mit Teilnehmern von außen. Diese Frühmessen waren zu Beginn der Pandemie vor einem Jahr unser Joker, nämlich eine der wenigen Messen im Livestream, die es überhaupt so schnell online gab. Wir hörten von diesen Frühmessen immer, dass es ein großer Trost war für die Menschen, dass sie im Lockdown zumindest den Papst sehen konnten. Das ist jetzt komplett weg. Diese Frühmessen gibt es nicht mehr. Wir haben noch nicht einmal mehr Zusammenfassungen der Predigten, die uns daraus erreichen. Es ist alles viel dünner gesät, was an Papstaktivitäten nach draußen dringt, alles viel amtlicher auch. Die gesetzten Sachen, die Kommuniqués – die kommen schon noch.

Man merkt dem Papst auf Schritt und Tritt an, wie gerne er wieder die alte Normalität hätte, obwohl er weiß – und das sagt er vor allen Dingen in seiner Enzyklika "Fratelli tutti" vom letzten Herbst –, dass die alte Normalität gar nicht mehr dieselbe sein wird, sondern eine ganz andere, eine neue. Er kämpft darum, dass wir aus dieser Krise besser herauskommen, als wir hineingegangen sind und nicht nur genau so ungefähr, wie wir hineingegangen sind. Aber der Papst ist ein Lateinamerikaner, da kann man machen, was man will. Er braucht die Menschen um sich herum.

Franziskus bemüht sich, deutlich Abstand zu halten, Mundschutz zu tragen, wo das nötig ist und eine Vorbildfunktion innezuhaben, aber manchmal überkommt es ihn einfach. Da denkt er nicht mehr dran. Und das ist ja auch menschlich.

Zitat: Stefan von Kempis

Frage: Aber müsste Franziskus nicht mehr auf seine Vorbildwirkung achten? Ich erinnere an die Ernennung der neuen Kardinäle, als er mit den Würdenträgern den emeritierten Papst Benedikt besucht hat, obwohl keiner von denen geimpft gewesen ist. Wie stehen Sie dazu? Was man so hört, ist das Problem ihm und auch den Leuten um ihn herum nicht so ganz bewusst gewesen. Wenn irgendjemand die Regeln einhalten müsste, müsste das doch der Papst sein.

von Kempis: Da haben Sie im Prinzip recht, aber da kann ich jetzt in einzelnen Details widersprechen. Zum Beispiel beim Konsistorium der neuen Kardinäle im vergangenen November mit ihrem Besuch beim emeritierten Papst Benedikt XVI. auf dem Hügel in den Vatikanischen Gärten: Die Herren waren alle vorher durchgetestet – und auch die beiden "Päpste" – der amtierende und der emeritierte. Franziskus bemüht sich, deutlich Abstand zu halten, Mundschutz zu tragen, wo das nötig ist und eine Vorbildfunktion innezuhaben, aber manchmal überkommt es ihn einfach. Da denkt er nicht mehr dran. Und das ist ja auch menschlich.

Wir sollten jetzt nicht ständig auf unserem Richterstuhl sitzen und über diesen Papst den Stab brechen, wenn ihm mal wieder eine flapsige Formulierung herausrutscht oder wenn er mal wieder die Abstandsregeln vergisst. Ein bisschen Spontanität muss ja auch erlaubt sein. Jetzt sind übrigens Franziskus wie auch der emeritierte Papst schon lange geimpft und darum war auch so etwas wie die Irak-Reise problemlos möglich.

Stefan von Kempis
Bild: © Privat

Das Programm der Irak-Reise des Papstes war aus seiner Sicht etwa zu intensiv, sagt Stefan von Kempis, Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Vatican News. Aber er "sehe ihn jetzt nicht vom Alter gezeichnet oder leidender."

Frage: Die Leute, die nah dran sind, sagen, dass ihn die Anstrengung dieser Reise dann doch irgendwie gezeichnet hat, als er zurückgekommen ist. Ich habe sogar Kommentare gehört, die dann schon erste Vergleiche zu Johannes Paul II. gezogen haben, bei dem sich die Altersschwäche vor allem auch nach diesen Reisen gezeigt hat.

von Kempis: Böse gesagt oder flapsig ausgedrückt: Johannes Paul II. wäre auch ohne Reisen irgendwann mal gestorben. Aber jetzt mal im Ernst: Das war der Papst selber, der den mitreisenden Journalisten auf dem Rückflug gesagt hat: Diesmal spüre ich meine Knochen richtig. Das war wirklich anstrengend.

Das sei ihm auch unbenommen. Ich muss sagen, man hat das Irak-Programm, wo es jetzt nun mal zustande kam, auch sehr vollgestopft. Die Ortskirche wollte, dass er noch in Mossul vorbeifliegt, dass er in Karakosch noch in die Basilika kommt, dass er noch in Erbil dies und das macht. Das Programm war ein bisschen zu intensiv für einen Papst um die 80, aber ich sehe ihn jetzt nicht vom Alter gezeichnet oder leidender.

Ich erlebe ihn bei Angelus-Gebeten, die mittlerweile wieder am Fenster des Arbeitszimmers zum Petersplatz hin stattfinden, eher voller Energie und Lust, rauszukommen. Das wird man dann schon sehen, dass auf einmal wieder die Ankündigungen von Reisen kommen und dass der totgesagte Francesco dann auf einmal wieder seine Reserven mobilisiert. Also ich sehe ihn noch überhaupt nicht auf dem absteigenden Ast. Das war ganz anders, wenn ich mich erinnere, in den letzten, quälenden Jahren von Johannes Paul II. Diese Atmosphäre haben wir hier im Vatikan jetzt nicht.

Von Renardo Schlegelmilch