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Polenz: Bei der Kirche ist das Internet noch nicht komplett angekommen

Aktualisiert am 16.06.2021  –  Lesedauer: 
Polenz: Bei der Kirche ist das Internet noch nicht komplett angekommen
Bild: © Privat

Köln ‐ Der CDU-Politiker Ruprecht Polenz hat im Ruhestand eine neue Leidenschaft entdeckt: Twitter und Facebook. Was machen soziale Medien mit der Gesellschaft? Und warum ist die Kirche dort nicht so präsent, wie sie es sein sollte?

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Der ehemalige CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz hat im Ruhestand die Sozialen Medien für sich entdeckt. 2020 wurde er deshalb sogar mit dem "Goldenen Blogger"-Award in der Kategorie Newcomer ausgezeichnet. Als Außenstehender blickt er auf das Digital-Engagement der Kirchen und findet: Bei der Kirche ist das Internet noch nicht ganz angekommen.

Frage: 2020 wurden Sie für Ihr Engagement in den sozialen Medien ausgezeichnet mit dem "Goldenen Blogger"-Award in der Kategorie Newcomer. Sie nehmen aktiv an Diskussionen auf Facebook Twitter und co. Teil. – Wenn Sie auf das digitale Engagement der Kirchen blicken, was begegnet Ihnen da?

Polenz: Ich nehme schon wahr, dass es Accounts gibt aus dem kirchlichen Bereich, die ich auch verfolge. Das hängt natürlich auch mit dem Algorithmus zusammen, was ich da vorgesetzt bekomme. Es mag Dinge geben, die sehr gut sind, die ich leider noch nicht gesehen habe.

Es gibt auch einzelne Personen, die häufiger auf bewusst kirchliche, biblische Inhalte und Botschaften rekurrieren. Also beispielsweise, wenn es um kirchliche Feiertage geht, wird einem dann mit einem Bibelspruch begegnet oder "Frohe Pfingsten" gewünscht. Das nehme ich schon auch wahr. Das finde ich auch schön. Ich bin mir aber bewusst, dass viele, die das lesen, dazu erst einmal keinen Bezug haben. Wir kennen ja alle die Statistiken über Kirchenbindungen in Deutschland. Aber ich finde es richtig, auch solche Positionen zu beziehen.

Frage: Aber Sie sehen keinen katholischen Karl Lauterbach, der sich ja gerade in der Pandemie über Twitter und Facebook intensiv an Debatten beteiligt hat?

Polenz: Nein, das sehe ich nicht. Wir haben nun leider das Problem, dass die moralische Autorität der Kirche angeknackst ist und dass damit eine Möglichkeit, sich zu ethisch-moralischen Fragen unserer Gesellschaft zu äußern, natürlich besteht, man aber die Sorge haben muss, ob die Menschen das auch annehmen. Man redet von Moral beim Impfen beispielsweise, dass man die Hoch-Risikogruppen priorisieren muss und dann kommen eben die ganzen Fragen wieder hoch, an denen die Kirche jetzt so schwer zu tragen hat.

Das hemmt natürlich gerade, denke ich, auch in den sozialen Medien die Möglichkeit, sich als Kirche zu den ethisch-moralischen Fragen oder zu den ethisch-moralischen Dimensionen der politischen Fragen in unserer Zeit glaubwürdig zu äußern. Das ist leider so.

Bild: ©stock.adobe.com/prima91 (Symbolbild)

Durch die Krise in der Kirche bestehe die Gefahr, dass Menschen Äußerungen nicht annehmen, hält Ruprecht Polenz fest. Das gelte auch für soziale Medien.

Frage: Die Kirche hat zu sehr Glaubwürdigkeit verloren, um sich in den sozialen Medien authentisch und glaubwürdig darzustellen?

Polenz: Nein, so hart würde ich es nicht formulieren, sondern ihre Einflussmöglichkeiten werden dadurch beeinträchtigt. Das heißt jetzt nicht, dass sie das nicht machen sollte. Die Kirche sollte sich Gedanken machen, wie man diese Glaubwürdigkeit oder dieses Gewicht wiedergewonnen kann.

Das geht natürlich auch darüber, dass man zu den politischen Fragen der Zeit aus christlicher Sicht Argumente beiträgt. Natürlich kann und sollte die Kirche in geeigneter Weise die Verbindung von Bewahrung der Schöpfung zum Klimaschutz versuchen darzustellen. Aber vielleicht nicht, indem sie sich zu einzelnen Instrumenten äußert, sondern indem sie für den Grundsatz wirbt, der ja nach wie vor von einem nicht ganz kleinen Teil der Gesellschaft noch ignoriert wird.

Frage: Welche Rolle spielt dabei der Begriff Authentizität? Man sieht ja gerade bei den Influencern, dass sie als Einzelpersonen wahrgenommen werden mit ihrer Meinung und nicht unbedingt über die Verkündigung eines Organs.

Polenz: Es darf nicht nur verlautbart werden. Wenn Stellungnahmen ins Netz gestellt werden, ist das schön und gut. Aber das ist nicht das, was einen wirklich weiterbringen wird. Da wäre es schon gut, wenn das mit Gesichtern verbunden wäre. Das könnten Bischöfe sein, das können aber auch andere sein. Sie müssten nur, damit es der Kirche zugerechnet wird, als mit der Kirche verbunden erkennbar sein.

Frage: Wie sieht das in der Praxis aus? Was fehlt ihnen bei der kirchlichen Digitalpräsenz?

Polenz: Geistliche predigen am Sonntag. Wenn sie davon überzeugt sind, dass das eine gute Sache ist, die vielleicht noch mehr als die - nicht nur zu Corona-Zeiten - schwach gefüllte Kirche hören sollte, könnte man ja auf die Idee kommen, dass einfach grundsätzlich ins Netz zu stellen. Aber vielleicht ist man nicht so überzeugt oder hat die Technik nicht. Es passiert jedenfalls nicht.

„Ich bin hier in einer sonst sehr fortschrittlichen, ökumenisch orientierten Pfarrgemeinde, aber es gibt immer noch keinen Newsletter. Also wir haben immer noch dieses Verkündigungsblättchen, was hinten in der Kirche ausliegt und wer nicht in die Kirche kommt, der weiß halt nicht, was in der nächsten Woche stattfindet.“

Frage: Und es braucht wieder die Authentizität?

Polenz: Ja, aber ich meine sowieso, dass bei der Kirche das Internet noch nicht komplett angekommen ist in weiten Teilen. Der Gedanke treibt mich schon länger um. Ich bin hier in einer sonst sehr fortschrittlichen, ökumenisch orientierten Pfarrgemeinde, aber es gibt immer noch keinen Newsletter. Also wir haben immer noch dieses Verkündigungsblättchen, was hinten in der Kirche ausliegt und wer nicht in die Kirche kommt, der weiß halt nicht, was in der nächsten Woche stattfindet.

Es gibt zwar eine Homepage und es gibt Broschüren, aber es gibt keinen Newsletter, weil die Kirche sich einfach nicht auf den Weg macht, ihre Mitglieder nach der E-Mail-Adresse zu fragen. Das ist eigentlich kleinstes Einmaleins.

Frage: Aber woran hapert es? Hapert es an der fehlenden Kenntnis, am fehlenden Willen, an der Fachkompetenz, die fehlt?

Polenz: Es kann gut sein, dass ähnlich, wie teilweise auch in Lehrerkollegien, diejenigen, die dort jetzt die Verantwortung tragen und das Sagen haben, selber einer Generation angehören, die nicht mit dem Netz groß geworden ist. Aber in jedem Pfarrgemeinderat gibt es natürlich auch andere. Deshalb kann eigentlich letztlich das kein Hindernis sein. Und ich meine, bis hin zu den Dingen, die wir jetzt über Zoom und andere Tools alle gelernt haben, würden sich ja tatsächlich noch einmal ganz andere Möglichkeiten auch etwa der Altenbetreuung ergeben – auch für die ganz örtliche Kirchengemeinde, die nicht genutzt werden.

Wir haben doch jetzt in ganz vielen Fällen es so erlebt, dass die Kinder ihren Eltern solche Tools eingerichtet haben, um sich während der Corona-Zeit auch im Bild zu sehen. Deshalb gibt es jetzt wahrscheinlich mehr Geräte, auch in den Haushalten älterer Menschen, auch von denen, die jetzt vielleicht nicht mehr so gut zu Fuß sind und die aber eben über so ein Tool gut erreichbar wären. Man kann es jedenfalls ausprobieren. Man könnte es auch mit einem analogen Nachbarschaftsdienst kombinieren und sagen: Das könnten wir anbieten. Soll jemand von uns vorbeikommen und euch das so einrichten, dass ihr dann – zum Beispiel – am Wochenende quasi virtuell bei der Messe dabei sein könnt? Also da sind, glaube ich, noch ziemlich große Potenziale – und ich rede jetzt nur von der örtlichen Kirchengemeinde –, die noch nicht wirklich genutzt sind.

Von Renardo Schlegelmilch