Betroffener: Missbrauchsopfer brauchen Anlaufstellen fern der Kirche
Neuer Verein will Betroffeneninitiativen unterstützen

Betroffener: Missbrauchsopfer brauchen Anlaufstellen fern der Kirche

Wer keine Kirchensteuer zahlen will, soll das Geld an Missbrauchsbetroffene spenden: Mit diesem Ansatz ist der Verein "umsteuern!" an den Start gegangen. In Interview mit katholisch.de erklärt Mitgründer Karl Haucke, warum er Anlaufstellen fernab der Kirche für wichtig hält.

Von Christoph Paul Hartmann |  Köln - 22.06.2021

Am Montag haben Engagierte den Verein "umsteuern! RobinSisterhood" gegründet. Wer aus der Kirche austritt, soll das eingesparte Geld dem Verein spenden, der damit Projekte für Missbrauchsbetroffene unterstützen will. Die Idee geht auf die Initiative "Maria 2.0" zurück. Neben der Comedienne und Schauspielerin Carolin Kebekus ist auch der ehemalige Co-Sprecher des Betroffenenbeirats im Erzbistum Köln, Karl Haucke, Mitinitiator des Projekts. Im Interview spricht er über dessen besonderen Ansatz.

Frage: Herr Haucke, was hat Sie bewogen, sich dem Verein "umsteuern!" anzuschließen?

Haucke: Mir hat die Idee gefallen, Betroffeneninitiativen bei Möglichkeiten der Vernetzung und bei der Einrichtung von Anlaufstellen zu unterstützen. Als Vertreter unterschiedlicher Betroffeneninitiativen hatten wir im März zwei größere Aktionen auf der Domplatte in Köln zum Umgang des dortigen Erzbistums mit der Missbrauchsaufarbeitung und den Gutachten. Wir waren insgesamt mit etwa zehn Leuten sechs Tage als Ansprechpartner dort – und ich habe jeden Tag mindestens einen Menschen erlebt, der auf mich zugekommen ist und gesagt hat, dass er vor 30, 40 oder 50 Jahren von einem Priester missbraucht wurde. Ich war der erste, mit dem diese Person darüber gesprochen hat. Wenn man das hochrechnet: Zehn Aktivisten, sechs Tage; das macht 60 Menschen, die in dieser kurzen Zeit einen Zugang zu anderen gesucht haben, um über den eigenen Missbrauch zu sprechen. Das sind mehr als genug für uns, um zu sagen: Wir brauchen Anlaufstellen – und wenn es erst einmal nur ein Zimmer neben einer Eisdiele mit einer Kaffeemaschine ist. Dafür brauchen wir Unterstützung. Das können die Betroffeneninitiativen als eingetragene Vereine nicht selbst stemmen. Deshalb war ich über die Idee von "umsteuern!" sehr froh und habe an genau solche Initiativen gedacht. Deshalb war ich bei der Vereinsbildung dabei.

Frage: "Umsteuern!" ruft Ausgetretene dazu auf, das durch den Kirchenaustritt gesparte Steuergeld einzubringen. Das könnte man als Aufruf zum Kirchenaustritt wahrnehmen.

Haucke: Wirklich? Wieso?

Frage: Ist das Ihr Ziel?

Haucke: Nein, die Intention ist es, die Leute aufzufangen, die gerade aus dem Amtsgericht kommen. Die sollen nach dem Austritt in unsere Arme laufen.

Wir brauchen Anlaufstellen – und wenn es erst einmal nur ein Zimmer neben einer Eisdiele mit einer Kaffeemaschine ist. Dafür brauchen wir Unterstützung.

Zitat: Karl Haucke

Frage: Was ist das Besondere an dem Verein?

Haucke: Der Verein "umsteuern!" ist nicht kirchlich. Er setzt sich von der Kirche ab. Dieser Verein will die Gelder, die Menschen nicht an die Kirche fließen lassen wollen, benutzen, um Opfern von kirchlichem Personal zu helfen. "umsteuern!" ist nicht als Verein gedacht, der Betroffenen direkt hilft, er macht solche Projekte nicht selbst. Vielmehr unterstützt er die Ideen von anderen, er verteilt Geld. Wer etwa ein Café für Missbrauchsbetroffene in der Kölner Südstadt aufmachen möchte, kann einen Finanzierungsplan aufstellen und den dann beim Verein einreichen. Die Mitgliederversammlung entscheidet dann, ob das nach den Kriterien und Richtlinien des Vereins ein förderungswürdiges Projekt ist.

Ich selbst könnte auch einen solchen Antrag auf Förderung stellen. Um dann zu verhindern, dass jemand in die eigene Tasche wirtschaftet, dürfte ich über diesen Antrag aber nicht mit abstimmen. Dieser Passus der Satzung ist wichtig, damit ich auch selbst dort Projekte einreichen kann, ohne dass man mir oder anderen einen Vorwurf machen kann.

Frage: Diese Stellen, die gefördert werden sollen, halten ganz bewusst einen Abstand zur Kirche. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Haucke: Eine Studie hat vor zwei Jahren ergeben, dass es beim kirchlichen Kindesmissbrauch ein Dunkelfeld von bis zu 114.000 Fällen gibt. Davon wollen Hunderte, wenn nicht Tausende überhaupt keinen mehr Kontakt zur Kirche, sie haben vielleicht sogar Angst davor. Vielleicht haben sie es in der Vergangenheit schon einmal probiert und wurden entsprechend abgewiesen. Da gibt es unendlich viele Berichte. Ich bin auch Mitglied des Vereins "Eckiger Tisch", dort machen wir Beratung für Missbrauchsopfer, etwa zu Fragen der sogenannten Anerkennung des Leids. Bei uns melden sich Menschen, die ganz schmerzhaft schildern, was sie schon vor Jahren alles versucht haben, um bei Vertretern der Kirche zu berichten, was ihnen angetan wurde. Auch etwa, um wieder in den Schoß der Kirche zurückzukommen. Da höre ich, wie abweisend und von oben herab sich da die Bistumsmitarbeiter teilweise verhalten haben. Ich kann froh sein, dass ich in einer Betroffeneninitiative und in der Bewältigung nicht auf mich allein gestellt bin, aber es gibt ganz viele vereinzelte Opfer sexueller Gewalt in Pfarrgemeinden, die derartig gemein behandelt werden – das ist unsäglich.

Frage: Was ist Ihr mittelfristiges Ziel für "Umsteuern"?

Haucke: Dass die Menschen, die aus der Kirche austreten, nicht ratlos sind, was sie mit dem eingesparten Geld machen wollen. Wenn sie was Gutes tun wollen, sollen sie wissen, dass es den Opfern kirchlicher Gewalt zugutekommt.

Von Christoph Paul Hartmann