Standpunkt

Kommt kein Neuanfang, mündet die Kirche in die nächste Tragödie

Aktualisiert am 11.08.2021  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Wie viele Katastrophen verträgt die Gesellschaft, fragt Birgit Aschmann – und denkt auch an die Kirche: Missbrauch, Finanzskandale, hohe Austrittszahlen. Ein Neuanfang zeichne sich nicht ab – doch das kündige eine weitere Tragödie an.

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Wie viele Katastrophen verträgt die Gesellschaft? Corona-Pandemie, Überschwemmungen, Hitzewellen, Dürre, Waldbrände: Alle haben mit dem Verhalten des Menschen zu tun und nicht zuletzt seiner Art, seit dem 19. Jahrhundert mit der Natur umzugehen. Wer will z.B. nach dem jüngsten Bericht des Weltklimarates noch ernsthaft daran zweifeln, dass dem menschengemachten Temperaturanstieg ein Großteil der Verantwortung zukommt. Dass es zwingend ist, nach Maßnahmen Ausschau zu halten, wie künftigen Katastrophen vorzubeugen ist, dürfte niemand in Abrede stellen. Die Notwendigkeit zu leugnen, jetzt gegensteuern zu müssen, wäre verantwortungslos. Ein "immer so weiter" führt in eine angekündigte Tragödie.

Wenn aber Gott es offenbar zulässt, dass die gesamte Schöpfung in solche Gefahr gerät, wieso gehen immer noch so viele ranghohe Kleriker davon aus, dass die Kirche selbst als von Gott eingesetzte Institution vor gravierender Unbill sicher sei? Sind nicht katholische Missbrauchs- und vatikanische Finanzskandale, die Dürre in europäischen Priesterseminaren und die erdrutschartigen Austrittszahlen Alarmsignale genug, die zum Umdenken und Gegensteuern zwingen müssten? Ist es nicht eine Frage von Verantwortung, jetzt zu einem rigorosen Kurswechsel bereit zu sein? Keine Zeit mehr verlieren zu wollen?

Aber wo sind die Anzeichen für einen beherzten Neuanfang? Das Hoffen auf Rom hat einer allgemeinen Ratlosigkeit Platz gemacht. In Köln und Hamburg wächst mit jeder Woche die Entfremdung zwischen Bischöfen und Gläubigen, aber eine Entscheidung über die Zukunft der Bistumsleitungen lässt auf sich warten. Dass keineswegs nur radikale Feministinnen von der Notwendigkeit überzeugt sind, das Frauenpriestertum einzuführen, scheint im Vatikan noch gar nicht angekommen zu sein.

Gerade wer die katholische Kirche in unseren Breitengraden erhalten will, muss sie verändern. Ein "immer so weiter" dürfte – katalysiert durch die Corona-Dynamik – nicht in eine Erwärmung, sondern gefährliche Abkühlung im Katholizismus führen; gleichwohl mündet auch diese in eine angekündigte Tragödie.

Von Birgit Aschmann

Die Autorin

Birgit Aschmann ist Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.