Ein Priester steht am Altar und spricht das Gabengebet über Wein und Brot.
Konkrete Handlungsoptionen fehlen bislang

Mit Theologie gegen Kasten-Denken: Der Grundtext des Priester-Forums

Der Synodale Weg begibt sich langsam aber sicher auf die Zielgerade. Das erkennt man auch daran, dass die verschiedenen Foren konkrete Dokumente zur Beratung vorlegen. Das Priester-Forum hat einen Grundtext veröffentlicht, der theologisch gehaltvoll ist – aber kaum konkrete Reformen enthält.

Von Roland Müller |  Bonn - 23.09.2021

"Dies ist der Boden, auf dem wir gemeinsam stehen, ganz gleich, ob wir zu denen gehören, die rascher vorangehen wollen, oder zu denen, die eher behutsam ihre Schritte setzen." Dieser Satz aus der Vorlage für den Grundtext des zweiten Synodalforums fasst Inhalt und Anliegen des Papiers treffend zusammen. Der Text, mit dem sich die Mitglieder der Synodalversammlung bei ihrem anstehenden Treffen in Frankfurt am Main in erster Lesung beschäftigen, stellt ein theologisch durchdachtes Fundament für das Thema "Priesterliche Existenz heute" dar. Gleichzeitig klingen von kirchlichen Reformgruppen geforderte Änderungen, wie die Abschaffung des Pflichtzölibats für Priester oder die Zulassung von Frauen zur Weihe, insgesamt nur sehr leise an. Denn es dürfte selbst den Befürwortern dieser Reformen unter den 34 Mitgliedern der Arbeitsgruppe klar sein, dass Änderungen dieser Art nicht von der Kirche in Deutschland allein entschieden werden können.

Insgesamt bestimmt ein konzilianter Ton das mit Papstzitaten und Konzilsaussagen durchzogene Dokument, dem wohl auch die als konservativ geltenden Forumsmitglieder wie der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt oder Franziska Strecker von der Anbetungs-Initiative "Nightfever" zustimmen konnten. Die Präambel hebt eindrücklich den Grund für den kirchlichen Reformprozess hervor: "Am Anfang des Synodalen Weges stand die Wunde, die Wunde des Missbrauchs, den Diakone, Priester und Bischöfe verübten." Die Autoren lassen durch ihre harsche Kritik an der kaum stattgefundenen Übernahme von Verantwortung für die Taten keinen Zweifel daran, dass sie Missbrauch verurteilen. Das Leiden der Betroffenen sehen sie jedoch nicht als einzige Folge der Vergehen, denn viele Gläubige schämten sich derzeit, katholisch zu sein und Priestern würde statt Ansehen nun ein "Misstrauensvorschuss" entgegengebracht.

Daher müsse man sich fragen, was Priester-Sein heute bedeutet. Dass es sich dabei um eine Aufgabe handelt, die einerseits zwar das Innerste des Glaubens hervorhebt, andererseits aber auch sehr unbequem ist, scheint den Forumsmitgliedern mehr als bewusst zu sein. Letztlich gehe es dabei um den "Abschied vom patriarchal geprägten System mit seinen männerbündischen Strukturen". Wahre Worte, die in ihrer Klarheit wohl nicht jedem gefallen werden. Als Gegenmodell präsentiert das Forum eine Vision des "Priestertums des Dienstes innerhalb des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen".

Bischof Felix Genn

Felix Genn ist Bischof von Münster und leitet mit Stephan Buttgereit das zweite Synodalforum zum Thema "Priesterliche Existenz heute".

Als theologische Grundlegung für die "veränderte Gestalt" des priesterlichen Dienstes und Lebens, das die Autoren beschreiben, dient das ekklesiologische Bild des Volkes Gottes, wie es in der Dogmatischen Konstitution "Lumen gentium" des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) beschrieben wurde. Die Priester gehen aus dem Volk hervor und dienen ihm, weshalb Privilegien für Kleriker, wie sie besonders in der Vergangenheit üblich waren, abgeschafft gehören. Sie sollen keine abgeschottete "Kaste" bilden, sondern sich als Werkzeuge Gottes im Dienst an seinem Volk verstehen. Das Zweite Vatikanum habe bereits sehr viel zu diesem Thema gesagt, um die Schlagseite hin zu großer Macht für Geweihte wegzunehmen, so die Forumsmitglieder. Doch vieles davon müsse noch umgesetzt werden. So sei es etwa heute für verunsicherte Priester immer noch eine starke Versuchung, sich durch ihre Zugehörigkeit zum Klerus von den Laien abzuheben.

Prophetische Korrektur durch Kleriker

Wohl aus diesem Grund nimmt der Text stark Bezug auf die Tauftheologie: Alle Gläubigen sind durch die Taufe zum allgemeinen Priestertum berufen und Geweihte sollten sich bewusst sein, dass sie zuerst Getaufte sind. Alle gemeinsam würden den Auferstandenen vergegenwärtigen, wobei die sakramentale Christusrepräsentanz durch den Priester zum "Wesen des Katholischen" gehöre. Es gebe ein Miteinander und Gegenüber zwischen Laien und Geweihten, sodass es für Priester eine prophetische Aufgabe sei, "den Maßstab des Evangeliums durchaus auch korrigierend zur Sprache zu bringen".

Es wird davor gewarnt, "diesen Leitungsdienst in Kategorien der Über- und Unterordnung zu verstehen", ohne auf die große Machtfülle einzugehen, die Kleriker auch im weltlichen Sinne in der Kirche haben. Leitung wird einseitig als "Ermöglichung der Partizipation vieler an den vielfältigen Aufgaben der Kirche" bezeichnet. Und weiter heißt es: "Ein weiter Leitungsbegriff entspannt die kirchenrechtlichen Debatten um Kompetenzen und Aufgaben." Ein überraschend pragmatischer Satz inmitten theologischer Ausführungen. Kleriker müssten zudem den Spagat schaffen, sich außerhalb der Sakramentenspendung nicht in der Rolle Christi zu verstehen. Ein solch überhöhtes Priesterbild habe Missbrauch nachweislich gefördert.

Der Grundtext des zweiten Synodalforums im Wortlaut

Der Grundtext des zweiten Synodalforums "Priesterliche Existenz heute" findet sich auf der Internetseite des Synodalen Wegs im Wortlaut zum Download.

Im Blick auf die evangelischen Räte werden im Text schließlich Handlungsoptionen angedeutet. So könne das Nachdenken über die Armut bei der Beschäftigung mit der Besoldung von Priestern wichtig werden. Oder der Gehorsam könne sich in den Themen Personalentwicklung oder Dienstverträgen niederschlagen. Beim Punkt Ehelosigkeit verbinden die Forumsmitglieder die Warnung vor der Vereinsamung von Priestern im Alter mit der Kritik an zu wenig Verständnis und Unterstützung für zölibatär Lebende in den Kirchengemeinden. Gleichzeitig wird die kritische Frage gestellt, welcher Wert wichtiger sei: die Zeichenhaftigkeit der Ehelosigkeit, die kaum noch verstanden werde, oder die Versorgung der Gläubigen mit der sonntäglichen Eucharistiefeier.

Berufungspastoral und Priesterausbildung schafften es nicht ins Papier

Verglichen mit dem Arbeitspapier, das das Synodalforum im Februar für die corona-bedingte Online-Konferenz des Synodalen Wegs vorgelegt hat, fehlen im aktuellen Dokument die Themen Berufungspastoral und Priesterausbildung. Das Nachdenken über eine Öffnung des Priestertums, etwa für verheiratete Kandidaten oder Frauen, schaffte es ebenfalls nicht in den aktuellen Text. Handlungsoptionen des Synodalforums, wie Priester in der heutigen Gesellschaft leben können, liegen bislang noch nicht vor und stehen damit nicht bei der Synodalversammlung in der kommenden Woche zur Abstimmung.

Eine Fußnote am Schluss des Grundtextes gibt einen Einblick in die sicher nicht immer leichte Arbeit des Synodalforums unter der Leitung des Münsteraner Bischofs Felix Genn und des Geschäftsführers des Sozialdienstes Katholischer Männer (SKM) Stephan Buttgereit. So stimmten im Mai knapp zwei Drittel der Mitglieder dafür, sich mit einem realistischen Blick auf die priesterliche Existenz in der Gegenwart zu befassen und sowohl für die Priester heute als auch für die Weiterentwicklung neuer Formen der priesterlichen Gestalt Optionen vorzuschlagen. Knapp 20 Prozent konnten dem zustimmen, lehnten jedoch die Beschäftigung mit der Weiterentwicklung neuer Formen ab. Sechs Prozent, angesichts der Mitgliederzahl des Forums wohl zwei Personen, stimmten für eine ausschließliche Beschäftigung mit der Weiterentwicklung und den neuen Formen des Priestertums. Der Rest enthielt sich. Nach dem von der theologischen Meta-Ebene geprägten Grundlagentext können die konkreten Handlungsoptionen also mit großer Spannung erwartet werden.

Von Roland Müller