Eine Reihe schwarzer Aktenordner.
"Echte Aufarbeitung" und "ungeschönte Bilanz" stünden in Kirche noch aus

Betroffene fordern deutsche Missbrauchsstudie nach Vorbild Frankreichs

Die französische Missbrauchsstudie sorgt dieser Tage für Entsetzen. Im Vergleich zur deutschen MHG-Studie liegen die Opferzahlen dort um ein Vielfaches höher. Betroffene forden daher nun eine neue Studie für die katholische Kirche in Deutschland.

Freiburg - 07.10.2021

Nach der Vorstellung einer Studie zu sexualisierter Gewalt und Missbrauch durch Priester, Ordensleute und Kirchenmitarbeiter in Frankreich fordert die "Betroffeneninitiative Süddeutschland" eine ähnliche Studie auch für Deutschland. Hier stünden eine "echte Aufarbeitung" und "ungeschönte Bilanz" noch immer aus, kritisierte die Selbsthilfeorganisation am Donnerstag in Freiburg.

Nach Meinung der Initiative hat die französische Studie deutlich gemacht, dass Kinder und Jugendliche bis heute im kirchlichen Raum von Übergriffen bedroht seien. Die Gruppe mit Initiatoren aus bayerischen und baden-württembergischen Bistümern forderte, der Staat müsse von den Kirchen "Rechenschaft verlangen" und das Gewähren von "Privilegien" überdenken.

Laut der am Dienstag in Paris veröffentlichten Studie gab es in der katholischen Kirche in Frankreich seit 1950 geschätzt 216.000 minderjährige Opfer sexueller Übergriffe durch Priester und Ordensleute. Man habe zwischen 2.900 und 3.200 potenzielle Täter ermittelt. Nimmt man Laien und Kirchenmitarbeiter in kirchlichen Einrichtungen, Schulen, Pfarreien und Katechese hinzu, kommt die Kommission auf geschätzt 330.000 Opfer. Die französischen Bischöfe hatten die Untersuchung im November 2018 in Auftrag gegeben. Papst Franziskus zeigte sich über die Studie erschüttert und beschämt. Den Opfern drücke er seine Trauer und seinen Schmerz wegen der erlittenen Traumata aus, sagte das Kirchenoberhaupt am Mittwoch bei der wöchentlichen Generalaudienz im Vatikan. "Und meine Scham", fügte er hinzu, "unsere Scham, über die viel zu lang andauernde Unfähigkeit der Kirche", die Betroffenen ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu stellen.

Unterschied zur MHG-Studie

Der Kommissionsvorsitzende, der frühere Richter und Vizepräsident des Französischen Staatsrates Jean-Marc Sauve, erklärte, bei der Schätzung der Opferzahlen in Frankreich handele es sich nicht um durch Quellen verbürgte Vorgänge, sondern lediglich um Hochrechnungen auf "sexualwissenschaftlicher Basis". In Deutschland handelte es sich dagegen bei der bislang größten Untersuchung, der MHG-Studie, von 2018 um eine sogenannte Hellfeldstudie, bei der nur tatsächlich belegte Verdachtsfälle registriert und nicht die mutmaßliche Dunkelziffer zugrunde gelegt wurde wie nun in Frankreich. Dabei fanden sich in der MHG-Studie in kirchlichen Personalakten zwischen 1946 und 2014 mindestens 1.670 Beschuldigte, darunter mehrheitlich Priester, sowie 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe.

Der Ulmer Kinderpsychiater Jörg Fegert 2019 hatte die Zahlen der MHG-Studie mit Umfrageergebnissen zum Dunkelfeld ergänzt und auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet; damit kam er ebenfalls auf eine womöglich sechsstellige Zahl von kirchlichen Missbrauchsopfern. Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) erklärte damals, es sei eine "schwierige Datenbasis", wenn aufgrund sehr geringer Fallzahlen Hochrechnungen angestellt würden. (tmg/KNA)