In dieser Kirche ist Platz für Trauer mit all ihren Facetten
Serie: Kirchen mit besonderem Profil – Teil 1

In dieser Kirche ist Platz für Trauer mit all ihren Facetten

In einer neuen Serie wirft katholisch.de einen Blick auf Kirchen, die anders funktionieren als altbekannte Gemeindekirchen – und einen thematischen Schwerpunkt haben. Den Anfang macht die St.-Michael-Kirche in Frankfurt, in der das Leben mit und die Verarbeitung von Trauer im Mittelpunkt stehen.

Von Anne-Katrin Hochstrat |  Frankfurt - 10.11.2021

Im Frankfurter Nordend herrscht das blühende Leben. Der Stadtteil ist eine beliebte Wohngegend, mit zum Teil erhaltenen oder wiederaufgebauten Altbauten, Kindergärten, großen Hauptverkehrsachsen. Im Kontrast zu alledem befindet sich aber auch der Hauptfriedhof dort. Er ist eine stille Oase mitten in der Großstadt. Nur einen Katzensprung von diesem zentralen und auch historischen Ort der Trauer entfernt ist das Zentrum für Trauerseelsorge des Bistums Limburg, in den Räumen rund um die Kirche St. Michael.

Angefangen hat alles mit einer Visitation des damaligen Bischofs Franz Kamphaus 2007, der den Grundstein für gleich drei Profikirchen in Frankfurt legte. Sie widmen sich den Bereichen Mediation, Jugend und Trauer, um diesen Kirchen im säkularen Frankfurt eine feste Aufgabe und ein Stück auch Daseinsberechtigung zuzuschreiben. Die Tür des Trauerzentrums öffnet sich nun, dahinter wartet Verena Maria Kitz. Die blonde Pastoralreferentin trägt einen marineblauen Blazer und ein farblich dazu passendes gemustertes Halstuch, die 60-Jährige leitet seit Anfang 2020 die Einrichtung.

Eine Kirche mit viel Platz

Die Trauer und der heilige Michael haben eine lange gemeinsame Tradition. Davon zeugt auch ein Bild in Kitz' Büro: Sankt Michael wiegt vor dem jüngsten Gericht die Seelen ab, rechnet gute und schlechte Taten gegeneinander auf. Eine Vorstellung, die es im Christentum seit Jahrhunderten gibt. Als Bezwinger des Teufels und Hüter des Paradiestores kommt dem Erzengel Michael beim Umgang mit den Seelen der Verstorbenen eine besondere Rolle zu.

Eine ihm geweihte Kapelle gab es in Frankfurt schon lange, ursprünglich schloss sie sich direkt an den Dom an. Nach dem Krieg wurde die Kapelle zur Kirche und an anderer Stelle neu aufgebaut. 1954 entstand so das heutige Backsteingebäude.

Die blaue Decke erinnert an den Himmel, sonst ist die Kirche vor allem betongrau, Glasbausteine unmittelbar unter der Decke bringen viel Licht in den Kirchenraum.

Die Kirche ist innen leer und schmucklos – eine bewusste Entscheidung des Architekten Rudolf Schwarz, der auch in anderen Bauten die Leere zelebrierte. Die blaue Decke erinnert an den Himmel, sonst ist die Kirche vor allem betongrau, Glasbausteine unmittelbar unter der Decke bringen viel Licht in den Kirchenraum.

Ein Taufbecken und der Altar sind fest installiert. Direkt vor dem Altar gibt es außerdem die Möglichkeit einen Sarg aufzubahren, für eine Trauerkirche ideal, erzählt Kitz beim Schlendern durch das Gotteshaus. Doch diese Möglichkeit wurde seit der Einweihung nie genutzt, es habe sich einfach nicht durchgesetzt in der Gemeinde. Unmittelbar hinter dem Altar sind Karten aufgestellt, sie stammen noch vom Gedenken an die Coronatoten im Frühjahr. Jede der rund 400 Karten steht für einen Menschen, der an den Folgen von Corona oder unmittelbar durch die Krankheit gestorben ist, ein Vorname erinnert daran. Die Karten sind aus den anderen Kirchen zusammengetragen worden und haben hier (vorerst) einen festen Ort. Sonst ist die Kirche vor allem ein großer Raum. Die Kirchenbänke sind für Umbauarbeiten zur Seite geräumt. Verena Maria Kitz findet es so aber auch besser: "Unter Corona haben wir so mehr Gestaltungsmöglichkeiten", bei Bedarf werden einfach Stühle aufgebaut.

Geplant ist, dass die Kirche Hessens erste Urnenbegräbniskirche wird. Nach den fälligen Renovierungsarbeiten soll die Kirche dafür umgebaut werden. Urnen werden immer beliebter, darauf müsse man reagieren. Die Idee ist, einen Ort außerhalb des Friedhofs für die Aufbewahrung zu haben. "Ein Ort für die Lebenden und die Toten", so die Trauerbegleiterin. Die Urnenkirche soll aber nicht nur dem Totengedenken dienen, sondern auch ein Ort werden zum bewusst machen, was Sterblichkeit heißt, philosophische Fragen wie "Wie will ich (weiter-)leben?", beschreibt Kitz ihre Gedanken zum Konzept. Doch das ist bislang nur ein Plan, die Umsetzung steht noch aus. Bislang spielt die Kirche für das Zentrum eher eine Nebenrolle. Hier finden Gedenkgottesdienste und Andachten statt, zuletzt auch ein coronakonformes Trauercafé. Das Hauptaugenmerk des Zentrums liegt auf den direkt angrenzenden Gemeinderäumen. Hier hat Verena Maria Kitz ihr Büro, in den Besprechungsräumen mit großen Korbstühlen oder im Garten trifft sie sich mit denen, die ein Gespräch im Trauerzentrum suchen.

Ein Ort für Gespräche

"Ich höre vor allen Dingen zu", beschreibt Kitz ihre Aufgabe. Zu ihr kommen Menschen, die trauern. Nicht immer geht es dabei direkt um den Tod, manchmal sind auch schwere lebensverändernde Krankheiten das Thema. Schwerpunkt der meisten Gespräche ist aber der Tod in all seinen Facetten. Und die sind unterschiedlich, egal ob Kindergartenkind, dass seine Mutter verloren hat, Mutter, deren Kind gestorben ist oder Erwachsene, die Partner oder Eltern verlieren. Manche kommen auch, wenn der Tod noch bevorsteht, um Rat zu suchen. Im Trauerzentrum bekommen alle ein offenes Ohr, aber die Trauerseelsorge hier ist keine Therapie und auch nicht die richtige Anlaufstelle für akute Notlagen. Dafür gibt es die Notfallseelsorge und die Telefonseelsorge.

Das Trauerzentrum versteht sich mehr als Anlaufpunkt für alle Trauernden. "Sie sind nicht allein", das steht schon auf dem Internetauftritt. Egal ob religiös oder nicht, die Profilkirche ist ein gastfreundlicher Ort für alle. Das ist im multikulturellen und säkularen Frankfurt wichtig, "hier wird nicht nach dem Passierschein gefragt", macht die Pastoralreferentin deutlich. Viele Menschen kommen, auch wenn sie nur noch wenig mit der Kirche zu tun hätten. Wenn es um den Tod geht, gilt die Kirche auch ihnen noch als zentraler Anlaufpunkt. Das ist auch erklärte Ziel des Zentrums: "Diejenigen, die sich an uns wenden, sollen einen Raum finden, in dem sie mit dem, was der Verlust für sie ausmacht, einfach sein können".

1954 entstand das heutige Backsteingebäude.

Manche erklärten ihr im Gespräch, dass sie mit Gott abgeschlossen hätten, offenbart die Pastoralreferentin. Manche tröste es dann, von ihrem Glauben und ihrer Zuversicht zu hören. Sie leihe Menschen ihre Hoffnung und Sprache, in dem sie je nach Wunsch betet oder einen Segen spricht. "Selbst, wenn jemand sagt: 'Ich kann damit nichts anfangen, aber es ist schön zu sehen, dass Sie daran glauben'", erläutert Kitz. Doch das ist kein Muss. Die Seelsorgerin spricht mit den Trauernden über die Themen, die sie mitbringen. Anders als eine Therapeutin kann und will sie aber keine Lösungen anbieten. Nur sehr aktiv Zuhören und mit Ritualen helfen. Ihrer Meinung nach helfen historisch gewachsene Trauerrituale, wenn sie ohne Zwang, ohne Druck von außen erfolgen. In Trauerhäusern wurden zum Beispiel früher die Spiegel verhängt, die Uhren angehalten. "Der Tod ist ein Riss" – den dürfe man auch ausleben, bekräftigt Kitz.

Eine der wichtigsten Lektionen für ihre Arbeit: Trauer ist sehr individuell, jede und jeder trauert anders und im eigenen Tempo. Wenn das nicht umfänglich passiert, beschäftigt das die Menschen noch sehr lange. Einer der Ratsuchenden, den Kitz im Gespräch hatte, hatte seine Mutter vor 18 Jahren verloren und das nie ganz aufgearbeitet. Er und andere suchen Gespräche mit den Trauerbegleitern. Auch einen Pfarrer gibt es bei Bedarf, der kommt jedoch hauptsächlich für Gottesdienste.

Eine lange Liste der Trauerarbeit

Die Trauerbegleiterin weiß, wie wichtig für Trauernde Gruppengespräche sein können. Die gibt es in Pandemiezeiten auch per Videokonferenz. Außerdem hat das Trauerzentrum Mitte September eine Trauerparade im New-Orleans-Stil quer durch Frankfurt organisiert, mit Jazz-Band und wehenden selbstgestalteten Fähnchen der Teilnehmenden.

Doch die Ideenliste des Trauerzentrums ist noch sehr lang. Die Trauerbegleiter wollen zum Beispiel mehr Social Media nutzen, um auch Jüngere zu erreichen, denn "Trauer hat kein Alter". Geplant sind außerdem auch Gruppen speziell für Kinder, also etwa für Geschwisterkinder von Sternenkindern, deren Schwester oder Bruder tot geboren wurde. Weiterhin sollen im Zentrum ehrenamtliche Trauerbegleiter ausgebildet werden.

Die Idee des Zentrums für Trauerseelsorge lässt sich trotz dieser Vielfalt recht einfach zusammenfassen: Ein Ort, der alles zum Thema Trauer zusammenbringt. Für Verena Maria Kitz geht es dabei auch um eine Kernaufgabe und Daseinsberechtigung der Kirche. Denn die Trauerbegleitung stellt die Frage "Was wird aus der Kirche?" im Gespräch offen, ohne vorgefertigte Antworten. Diese Haltung tue nicht nur der Kirche gut, sondern biete auch neue Möglichkeiten für die Stadtgesellschaft.

Von Anne-Katrin Hochstrat