Interview über Entwürfe zur Innengestaltung der Pariser Kathedrale

Ex-Dombaumeisterin Schock-Werner: Notre-Dame wird kein Disneyland

Aktualisiert am 09.12.2021  –  Lesedauer: 

Paris/Köln ‐ Heute stellt das Erzbistum Paris die Pläne für die Innengestaltung der Kathedrale Notre-Dame bei der Nationalen Denkmal- und Architekturkommission vor. Die ehemalige Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner findet die Entwürfe gut – nur ein Detail stört sie, sagt sie im katholisch.de-Interview.

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Als eine "katechetische und ästhetische Reise" beschreibt der Projektleiter Gilles Drouin die neue Innengestaltung der Pariser Kathedrale Notre-Dame. Geplant ist unter anderem, dass Besucher die Kirche künftig durch die Mitteltür statt durch den Seiteneingang betreten, sowie eine große Taufkapelle nach antiker oder mittelalterlicher Tradition direkt neben dem Eingang. Die Seitenkapellen sollen neugestaltet werden und einen "Katechese-Kurs" anbieten. Außerdem sollen Videoprojektionen oder eingeblendete Bibelzitate dazu beitragen, die spirituelle Entdeckung des Kirchenbaus zu vertiefen. Die Kölner Architektin und ehemalige Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner koordiniert die deutsche Wiederaufbauhilfe für die Pariser Kathedrale. Im Interview kommentiert sie die Pläne und spricht auch darüber, worauf man achten sollte, um liturgische und touristische Interessen zu verbinden.

Frage: Frau Schock-Werner, heute hat das Erzbistum Paris die Entwürfe für die Innengestaltung der Kathedrale Notre-Dame bei der französischen Denkmal- und Architekturkommission vorgestellt. Wie bewerten Sie die Entwürfe?

Schock-Werner: Notre-Dame ist noch mehr als der Kölner Dom eine Tourismus-Kirche und natürlich muss man sich überlegen, wie man auch in Zukunft den touristischen Besuch mit der liturgischen Nutzung in besseren Einklang bringen kann. Jetzt ist die Chance groß, darüber wirklich ernsthaft nachzudenken. Aufmerksame Besucher von Notre-Dame haben in den vergangenen Jahren schon feststellen können, dass die Seitenkapellen doch sehr vernachlässigt wurden und sie nicht mehr zur Würde oder kirchlichen Aura beigetragen haben. Deshalb finde ich es auch richtig darüber nachzudenken, wie man diese Seitenkapellen nutzen kann. Und dass man nicht mehr genutzte Beichtstühle herausnimmt, finde ich auch ein richtiges Anliegen. Der Plan, nach antiker oder mittelalterlich Tradition eine große Taufkapelle seitlich vom Eingang einzurichten, kann einem ja auch nicht wirklich als abschreckendes Element erscheinen.

Zu den offenbar geplanten Licht- und Videoeinblendungen in der Kathedrale muss man wissen, dass die Franzosen dazu ein anderes Empfinden haben als wir. Ich fand diese Light-Shows immer schrecklich. Ob das wirklich zur Frömmigkeit der Besucher beiträgt, weiß ich nicht. Aber ich vertraue meinem französischen Kollegen, dem Architekten Philippe Villeneuve, dass er in Zusammenarbeit mit allen Parteien eine sehr gute Lösung finden wird.

Frage: Grundsätzlich sind Sie aber schon ganz zufrieden mit den Entwürfen?

Schock-Werner: Im Detail kennen wir die Zeichnungen und Pläne natürlich noch nicht, sondern lediglich die groben Züge und Beschreibungen. Aber die Ideen, die in diesem Konzept stecken, würde ich nicht von vornherein abtun.

Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht

"Jetzt ist die große Chance zu überlegen, was man besser machen kann", sagt die ehemalige Kölner Dombaumeisterin und Koordinatorin für die deutsche Wiederaufbauhilfe für Notre-Dame, Barbara Schock-Werner. "Und die Kapellen waren vorher keine Glanzstücke innerhalb der Kirche."

Frage: Die geplanten Maßnahmen, – etwa auch, dass Besucher beispielsweise einen anderen Eingang nehmen sollen – klingen ja schon nach ziemlich viel Veränderung. Warum baut man nicht alles wieder so auf, wie es vor dem Brand war?

Schock-Werner: Jetzt ist die große Chance zu überlegen, was man besser machen kann. Und die Kapellen waren vorher keine Glanzstücke innerhalb der Kirche. Es gab vor dem Brand die für mich immer sehr absurde Situation, dass die Touristen außen einen Rundgang machen konnten, während im Mittelschiff Messe gefeiert wurde. Deshalb gibt es jetzt schon Überlegungen, was man in der Kombination aus Touristen und Gottesdienstbesuchern besser machen kann. Eine Ton-Licht-Show finde ich grauenhaft und dass es überall blitzt und blinkt sollte man auf jeden Fall verhindern. Aber dass man nun das ganze Konzept von vornherein ablehnt und sagt, dass das alles Unsinn ist, würde ich nicht unterstreichen.

Frage: Können Sie denn verstehen, dass es manche gibt, die sagen: "Wir wollen nicht, dass sich überhaupt etwas ändert. Wir wollen, dass Notre-Dame genauso wieder aufgebaut wird, wie es vor dem Brand war"?

Schock-Werner: Ja. Dass das Äußere genauso wieder aufgebaut wird, wie es vorher war, und dass auch das Innere des Gebäudes nicht verändert wird, würde ich genauso unterstreichen. Aber es ist ja ein Unterschied, ob ich am Gebäude etwas ändere oder nur an der Einrichtung. Ich habe immer den Standpunkt vertreten, dass jede Generation von Geistlichen und Gläubigen sich ihren Kirchenraum nach eigenen Vorstellungen einrichten dürfen sollte – solange sie keine Eingriffe in das Gebäude selbst macht. Und solche Eingriffe sind – so wie ich das verstehe – nicht vorgesehen.

Bild: ©picture alliance / abaca

Der Innenraum der Kathedrale Notre-Dame nach dem Brand am 15. April 2019.

Frage: Nach ersten Entwürfen wurden ja auch kritische Stimmen laut, die befürchteten, Notre-Dame verkomme zu einem "politisch korrekten Disneyland". Wie sehen Sie das?

Schock-Werner: Das sehe ich ganz anders! Ich kenne nur die Zielsetzungen und Beschreibungen und da sind Dinge drin, die man durchaus nachvollziehen kann. Wenn man an die Wand projizieren würde: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", dann finde ich das zwar überflüssig, aber das hat mit Disneyland nun gar nichts zu tun! Im Mittelalter und in der Neuzeit hat man auch Sätze an die Kirchwände geschrieben. Dass man heute nicht mehr Farbe und Pinsel nimmt, sondern eine Projektion, entspricht unserer Zeit. Ich finde das, wie gesagt, überflüssig, aber von einem Disneyland kann doch gar keine Rede sein.

Frage: Wie schafft man es denn grundsätzlich, den Spagat zwischen Liturgie und Architektur und gleichzeitig touristischen Interessen hinzubekommen?

Schock-Werner: Das ist ein fortlaufender Prozess. Ganz prinzipiell gilt: Wenn Messe ist, dann gibt es keinen touristischen Besuch. Dass das gleichzeitig stattfindet, so wie das in Notre-Dame der Fall war, geht in meinen Augen nicht. Es gibt aber natürlich viele Menschen, die beispielsweise für den Kölner Dom spenden und die deswegen auch das Recht haben müssen, den Dom zu besuchen, wenn nicht gerade Gottesdienst ist. Um das zu vereinen braucht man wirklich Fingerspitzengefühl. Das ist heute sicher das schwierigste für die Verantwortlichen – bis hin zu der Frage, ob man Eintritt nimmt oder nicht. Das sind Dinge, die man nicht mit einem Hau-Ruck lösen kann. Das ist auch ein dauernder Prozess, wo man sehr vorsichtig mit beiden Seiten umgehen muss.

Frage: Worauf muss man dabei achten?

Schock-Werner: Man sollte darauf achten, dass man immer betont, dass diese Kirchen liturgische Orte sind, also Kirchen und keine Museen. Deshalb sollte man offensichtlich touristische Einrichtungen wie Automaten, in denen man Münzen prägen kann, auch vermeiden, um die Besucher ein bisschen ruhiger zu halten. Die Kölner Lösung, Domschweizer einzusetzen, die notfalls den Gruppen oder einzelnen Personen sagen, dass sie zu laut sind, und die den touristischen Besuch zu bestimmten Zeiten reduzieren, finde ich sehr gut und richtig. Es sollte feste liturgische und feste touristische Zeiten geben. Und vor allem: Man sollte keinen Eintritt nehmen, um zu zeigen, dass dies ein kommerzfreier Raum ist. 

Von Christoph Brüwer