Standpunkt

Kardinal Müllers Verschwörungsmythen: Wo bleiben die Konsequenzen?

Aktualisiert am 15.12.2021  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Früher stand Kardinal Müller an der Spitze der Glaubenskongregation, nun propagiert er Verschwörungsmythen. Andreas Püttmann erinnert an weitere fragwürdige Äußerungen des deutschen Purpurträgers und fragt sich, wo die Konsequenzen bleiben.

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Er hat es wieder getan. Schon 2019 trat Kardinal Gerhard Ludwig Müller im Kloster Weltenburg mit maßlosen Tiraden gegen "die westliche Demokratie", ihre Parlamente und Eliten sowie "Multimilliardäre und ihre angeblich wohltätigen Stiftungen" hervor, die eine "totalitäre Gesinnungsdiktatur" und "Enthumanisierung" betrieben. Man konnte damals nur mutmaßen, dass der von Europas Rechtsradikalen antisemitisch verleumdete Milliardär George Soros gemeint war. 2020 unterzeichnete Müller das verschwörungsideologische Vigano-Pamphlet zur Pandemie und redete sich nach Kritik heraus: "Keine einzige Zeile" stamme von ihm. Normalerweise unterschreibe er solche Aufrufe nicht, die "im Detail nicht präzise sein können". Aber er habe Vigano, dem man "böse mitgespielt hat", nicht schroff absagen wollen.

Jetzt kam die ehemalige "Nummer 3" des Vatikan höchstselbst auf die These einer angeblich geplanten "Gleichschaltung" mit "totaler Kontrolle" im "Überwachungsstaat" zurück. In einem vom "St. Boniface Institute" auf Twitter geteilten Videoausschnitt verbreitet er den Verschwörungsmythos, hinter Maßnahmen gegen die Pandemie stecke eine finanzkräftige Elite: "Leute, die auf dem Thron ihres Reichtums sitzen und von all diesen alltäglichen Schwierigkeiten nicht berührt werden", sähen "eine Chance jetzt, um ihre Agenda durchzusetzen". Diese beruhe "auf einer Hochstapelei", nämlich der Meinung: "Wir können jetzt mithilfe der modernen Technik oder des Kommunikationswesens eine neue Schöpfung hervorbringen, einen neuen Menschen erschaffen." Und weiter: "Ich möchte eigentlich nicht geschaffen und erlöst werden nach dem Bild und Gleichnis von Klaus Schwab oder Bill Gates oder Soros, all diesen Leuten, die nach Glasgow mit Privatjets sausen und dann der Masse … die großen Sparmaßnahmen und Einschränkungen auferlegen", das habe "mit einer Demokratie nichts mehr zu tun".

Ist das einfach nur unsäglich wirr und dumm? Oder schon Volksverhetzung? Jedenfalls ergötzten sich Rechtsextreme auf Twitter daran. Und es lässt an der Glaubensdoktrin von der Amtsgnade Geweihter mittels Beistand des Heiligen Geistes (ver-)zweifeln. Der frühere Glaubenspräfekt ist nämlich nicht der einzige klerikale Corona-Schwurbler, und nicht alle, die Glaube und Kirche damit in Verruf bringen oder dem Gespött preisgeben, sind rechte "Dunkelkatholiken". Auch liberal-klerikale medizinische Dilettanten mit empathisch-pastoralem Heiligenschein salbadern erratisch mit. Die Konzilslehre von der "rechten Autonomie der Kultursachbereiche" (GS 36) ist offenkundig nicht überall angekommen.

Die andere Seite des Skandals: Theologen und Gläubige, die jahrzehntelang durch kirchliche Lehrzucht diszipliniert und abgestraft wurden, müssen nun zuschauen, wie prominent irrlichternde Papstgegner im schmucken Kardinalsrot konsequenzlos ihre Narrenfreiheit ausleben. Und der "Reformpapst" schickt sie zur Besänftigung auch noch, wie Kardinal Müller im Juni, als Richter ins höchste Kirchengericht – statt ins Schweigekloster, um Demut zu lernen. Quo vadis, ecclesia?

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.