Standpunkt

Zur Krippe kommen können alle – ob geimpft, ungeimpft oder Querdenker

Aktualisiert am 22.12.2021  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Dieses Jahr haben Krippen noch mehr Anteil an der Weihnachtsverkündigung als sonst, hält Dominik Blum fest. Oftmals haben nur diejenigen Zugang, die geimpft oder getestet sind und sich in Listen eintragen. Die Krippe aber stehe für etwas anderes.

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Die Krippe hat er nicht erfunden, der heilige Franz von Assisi (1181/82-1226). Einfache Darstellungen des Weihnachtsgeschehens gab es schon vor seiner Zeit. Aber der Heilige der Armen und der kleinen Leute hat 1223 mit dem ersten Krippenspiel in Greccio die wunderbare pastorale Kraft der Krippe entdeckt. Sie ist in diesem Corona-Winter von besonderem Wert.

Das unbedeutende Dorf in den Sabiner Bergen war im 13. Jahrhundert kein pastoraler Brennpunkt. Franziskus hielt sich im abgelegenen Rieti-Tal auf, um mit Gefährten über Strukturfragen zu diskutieren. Es ging um eine Version seiner Ordensregel, die endlich auch in Rom Zustimmung finden konnte. Als dann das Weihnachtsfest vor der Tür steht, lässt der Poverello mit Hilfe der Brüder und der einfachen Leute von Greccio die Krippenszene des Weihnachtsevangeliums nachstellen, samt lebendigem Ochs und Esel. Und allen, die an der Krippenfeier teilnehmen, geht das Geheimnis der Weihnacht auf wie nie zuvor. Schließlich scheint das himmlisch-irdische Kind zwischen Vision und Wirklichkeit sogar leibhaftig in der Krippe zu liegen, wie Thomas von Celano, der erste Franziskus-Biograf, beschreibt.

Wenn jetzt, kurz vor dem zweiten Corona-Weihnachten, wieder die fleißigen Krippenbauteams in den Kirchen die Szene in Betlehem liebevoll nachstellen, haben sie alle noch mehr Anteil an der Weihnachtsverkündigung als sonst. Denn die Festgottesdienste bleiben auch in diesem Jahr notgedrungen denen vorbehalten, die geimpft oder getestet sind, sich früh genug in Listen eingetragen oder die Telefonnummer des Pfarrbüros termingerecht gewählt haben.

Zur Krippe aber können alle kommen, jederzeit und unangemeldet, selbst Ungeimpfte und Querdenker aller Art, Ausgetretene und Fernstehende, Frierende und Zweifler. Sie können sich zu den Hirten und Schafen stellen, zu den Magiern und Wissenschaftlern und ihrem Gefolge, um mit der ganzen virusgeplagten, missbrauchten Schöpfung einfach nur zu staunen über das Kind. Sie benötigen dazu weder Testzertifikat noch Taufschein, keinen neuen Mantel, keine Überzeugung, ja nicht einmal ein Geschenk.

Papst Franziskus hat seine Gedanken zur Bedeutung der Weihnachtskrippe seinerzeit in Greccio veröffentlicht. Die Krippe, so der Papst ganz im Geist seines Namenspatrons, eröffne die Chance, "uns in die Heilsgeschichte einbezogen zu fühlen und dieses Ereignis mitzuerleben, das in den verschiedensten historischen und kulturellen Kontexten lebendig und aktuell ist".

Vielleicht ist die Krippe mit dem göttlichen Kind also der einzige integrative, ja inklusive Ort, den unsere Gesellschaft und die Kirchen noch zu bieten haben in diesen Tagen. Sie wäre dann nicht nur ein religiöses, sondern auch ein starkes politisches Symbol.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum ist Dozent für Theologie an der Katholischen Akademie in Stapelfeld.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.