Standpunkt

Wer Spaltungen überwinden will, muss die eigene Blase verlassen

Aktualisiert am 19.01.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Im Rückblick auf das vergangene Jahr nennt Stefan Kiechle vier Spaltungen in Kirche und Gesellschaft, die ihn besonders bedrücken. Und er fragt, ob die Kirche nicht eigentlich der richtige Ort für Zuhören und Dialog sein müsste.

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Im Rückblick auf 2021 bedrücken mich Spaltungen:

  • Die Spaltung zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern, auch jene zwischen Impfpflichtfreunden und -feinden. Manches in der Diskussion ist ideologisch aufgeladen, oft mit irrationalen Zügen und aggressiv, oft bis in Familien hinein, bis hin zur Sprachlosigkeit. Beide Seiten werden von Angst geleitet: die eine von der Angst vor der Medizin und vor dem Staat, die andere von der Angst vor dem Virus.
  • Die Spaltung zwischen der politischen Rechten und allen anderen. Um Migrationspolitik, um Demokratie und um den Umgang mit Minderheiten wird gestritten. Auch hier gibt es viel Verdachtslogik, Ideologie, Wut – in der Politik redet man mit den Rechtspopulisten kaum mehr. In den USA reicht diese Spaltung noch viel tiefer als bei uns, sie geht mitten durch Gesellschaft und Kirche hindurch.
  • In der Kirche die Spaltung zwischen Reformern und Bewahrern. Die einen verbeißen sich in "Forderungen" nach strukturellen Reformen, aber ungeduldig, ohne Weitblick, ohne echten Dialog. Die anderen versteifen sich in die angeblich unveränderbare "Lehre der Kirche", mit arrogantem Ignorieren von allem, was sich in der Lebenskultur und in den Humanwissenschaften verändert hat.
  • Die Spaltung zwischen Christen und Kirchentreuen auf der einen Seite, Christentums- und Kirchengegnern auf der anderen. Die einen schätzen das Gute, dass sie im Glauben und in der Kirche finden, und sie leiden unter den gewaltigen Mängeln. Die anderen kennen nur, vor allem aus der Zeitung, die immer neuen Skandale, die ihre Bitterkeit und – ja, auch das immer mehr – ihren Hass verstärken; sie verachten die Kirche. Auch dies spaltet Familien – Jesus hat es vorausgesagt.

Wäre nicht genau die Kirche der Ort für Zuhören und Dialog, für Toleranz, für Einheit und Frieden? Heraustreten aus der eigenen Blase und sich anderen stellen, auch wenn das unbequem ist. Die Rechthaberei und den Stolz aufgeben. Verlustängste überwinden und vertrauen. Nicht durchsetzen, sondern hören und Kompromisse suchen. Den Heiligen Geist nicht nur bei sich selbst wähnen. Demütig die Grenzen der eigenen Position anerkennen. Länger abwägen. Die Einheit höher werten als die – immer nur bruchstückhaft erkannte – Wahrheit. Den anderen höher schätzen als sich selbst (Phil 2,3). Frieden nicht machen wollen, sondern sich schenken lassen.

Von Stefan Kiechle SJ

Der Autor

Pater Stefan Kiechle SJ ist seit 2018 Chefredakteur der Zeitschrift "Stimmen der Zeit". Zuvor leitete er sieben Jahre die Deutsche Provinz des Jesuitenordens.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.