Umfrage unter NRW-Bistümern zeigt abnehmende Kirchenbindung

Ein Drittel der katholischen Verstorbenen ohne kirchliches Begräbnis

Aktualisiert am 19.01.2022  –  Lesedauer: 
Ein Drittel der katholischen Verstorbenen ohne kirchliches Begräbnis
Bild: © KNA

Münster ‐ Auch im Tod spielt die Kirche eine zunehmend geringere Rolle: Immer weniger verstorbene Katholiken werden kirchlich beerdigt, zeigt eine Erhebung der Zahlen aus den nordrhein-westfälischen Bistümern. Nicht alle Diözesen können das Ausmaß feststellen.

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In Nordrhein-Westfalen geht die Zahl kirchlicher Begräbnisse verstorbener Katholiken zurück. Eine Umfrage des Online-Portals "Kirche+Leben" unter den fünf katholischen Bistümern des Landes ergab, dass etwa ein Drittel der verstorbenen Kirchenmitglieder nicht katholisch beerdigt werden. Für das Jahr 2020 lag der Anteil im Erzbistum Köln bei 32 Prozent (2018: 27 Prozent), im Bistum Essen bei 35 Prozent (2018: 30 Prozent), im nordrhein-westfälischen Teil des Bistums Münster bei 22,8 Prozent (2011: 14,4 Prozent)., im niedersächsischen Teil bei 20 Prozent. Zahlen zu den Bistümern Aachen und Paderborn fehlen, da dort nach Auskunft der Pressestellen gegenüber "Kirche+Leben" lediglich die Zahl der Beisetzungen, nicht aber die Zahl der katholischen Verstorbenen erhoben wird.

Für den Bonner Liturgiewissenschaftler Andreas Odenthal stellen die Zahlen keine Überraschung dar. Gegenüber "Kirche+Leben" erklärte er den Rückgang mit dem Wegbrechen eines gemeindlichen Milieus, in das bis vor wenigen Jahrzehnten Beerdigungen eingebunden waren. "Dazu kommen zunehmend problematische Erfahrungen, die ihre Gründe wiederum in der kirchlichen Situation haben", so Odenthal. Dazu gehöre eine "maßlose Überforderung des Seelsorgepersonals" und daraus folgende nachlässige Vorbereitungen und Ausführungen von Bestattungen.

Nach wie vor suchten Menschen aber authentische Rituale, die die Trauernden allerdings individueller mitgestalten wollen. "Sie wollen, dass sie selber darin vorkommen, auch indem sie sie nach ihrem Geschmack mitgestalten", betont der Liturgiewissenschaftler. Da habe die Kirche in ihren derzeitigen Krisen und mit ihren rituellen Vorgaben aber einen schlechten Stand. Die Kirchenkrise beeinträchtige die Authentizität der Kirche, die liturgischen Vorgaben würden als zu streng wahrgenommen. "Es gibt ein Bedürfnis nach Ritual-Design im besten Sinn: Ich will für den Verstorbenen noch etwas tun. Da muss Kirche beweglicher sein – und sie kann es sein, ohne ihr Ureigentliches aufzugeben", ergänzt Odenthal. Die Aufgabe der Kirche sei, über ein individuelles Ritual-Design, das auch säkulare Anbieter von Trauerfeiern professionell anbieten können, einen typisch christlichen Beitrag zu leisten: "Die Bilder von Auferstehung, Erlösung, Vollendung bergen – so stark sie sind – eine Zumutung in sich. Weil sie gerade nicht den Wünschen nach Authentizität entsprechen, weil sie meinen Wunsch nach persönlicher Gestaltung etwas gänzlich anderes, womöglich auch Fremdes gegenüberstellen." Die Chance der Liturgie sei, aus dem eigenen Gedankenkreis herauszutreten und sich einem größeren Horizont von Glaubenserfahrungen anzuvertrauen, so Odenthal. (fxn)