"Der Ernst der Lage ist allen Bischöfen sehr deutlich"

Bischof Bätzing und Irme Stetter-Karp: Synodalen Weg weitergehen

Aktualisiert am 26.01.2022  –  Lesedauer: 

Bonn/Berlin ‐ Anfang Februar tagt die dritte Vollversammlung des Synodalen Wegs. Im Interview sprechen ZdK-Präsidentin Stetter-Karp und der DBK-Vorsitzende Bischof Bätzing darüber, inwieweit das jüngst veröffentlichte Münchner Missbrauchsgutachten Thema sein wird – und warum es weiter den Reformprozess brauche.

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Vor dem Hintergrund des jüngsten Münchner Missbrauchsgutachtens beginnt nächste Woche Donnerstag in Frankfurt die dritte Vollversammlung des kirchlichen Reformprojekts Synodaler Weg. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) sprach darüber mit dem Vorsitzendende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, und der Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp.

Frage: Frau Stetter-Karp, Herr Bischof Bätzing, inwieweit werden die Ergebnisse des neuen Münchner Missbrauchsgutachtens die kommende Synodalversammlung beeinflussen?

Stetter-Karp: Ich bin sicher, das wird ein Thema sein. Und ich kann mir gut vorstellen, dass manche auch zum Ausdruck bringen, dass es eine bittere Erkenntnis ist, dass wir in der Aufarbeitung nur schleppend vorankommen.

Bätzing: Die vergangene Synodalversammlung im Herbst war sehr stark atmosphärisch bestimmt vom Zurückhalten eines der beiden Kölner Gutachten und die dadurch entstandene Vertrauenskrise, die bis heute andauert. Das haben wir beim Münchner Gutachten nicht. Gleichwohl sind die Ergebnisse des Gutachtens desaströs. Aber es ist gut, dass es schonungslos und unabhängig veröffentlich wurde. Die Wahrheiten der bereits veröffentlichten Missbrauchsgutachten sind alles andere als schön, aber es führt nichts an dieser Schonungslosigkeit vorbei.

Frage: Ist der Synodale Weg angesichts all dessen, was da zutage gekommen ist, wirklich noch das richtige Mittel, um auf die Krise zu antworten?

Bätzing: Ja, davon bin ich überzeugt. Dort diskutieren wir die Fragestellungen zu den systemischen Ursachen und suchen zusammen nach Antworten. Alle Aufarbeitungsgutachten, so auch das Münchener, zeigen uns, dass im System die Gründe liegen.

Stetter-Karp: Ich verstehe die dramatische Lage so, dass es umso mehr notwendig ist, gemeinsam einen Weg zu suchen. Ich bin überzeugt, dass wir diesen Weg gehen können. Selbstverständlich brauchen wir dazu auch die notwendigen formalen Beschlüsse. Ich glaube schon, dass wir das können. Aber mir stellt sich auch neu die Frage, ob wir bei der ganzen Aufarbeitung nicht doch die Unterstützung Dritter brauchen. Ich denke etwa an den Bundestag.

Linktipp: Das Münchner Gutachten dokumentiert das Multi-Systemversagen der Kirche

Auf fast 1.900 Seiten beschreibt das Münchner Missbrauchsgutachten einen Abgrund an Klerikalismus, Institutionenschutz und Führungsversagen. Was von jedem Kommunionkind in der ersten Beichte erwartet wird, wollen die Gutachter auch von den Verantwortlichen in der Kirche: Gewissenserforschung, Reue und Umkehr. Eine Analyse.

Frage: Eine Erkenntnis des Gutachtens ist, dass die Bischöfe über Jahrzehnte ihre Aufgabe als Aufseher, Richter und Personal-Verantwortliche nicht wirklich wahrgenommen haben. Muss nicht der Synodale Weg auch das Problem der fehlenden Verantwortungsübernahme anpacken?

Bätzing: Das Synodalforum "Macht und Gewaltenteilung" setzt da genau an der richtigen Stelle an und formuliert Handlungsempfehlungen. Zweifelsohne bedarf es Kontrolle, Transparenz und Verantwortung, die sich auch in Strukturen abbilden. Das muss die Zukunft sein. Deshalb haben wir Bischöfe uns bereits einstimmig für eine Verwaltungsgerichtsbarkeit ausgesprochen und eine Disziplinarordnung in Rom vorgelegt. Denn es muss konkret werden.

Frage: Der Synodale Weg produziert viele Papiere. Dabei tut sich ein Dilemma auf: Sind die Dokumente zu theologisch formuliert, heißt es: Versteht kein Mensch. Sind sie allgemeinverständlich, heißt es: Das berücksichtigt nicht alle theologischen Argumente. Was tun?

Stetter-Karp: Eine hohe theologische Qualität ist für eine Akzeptanz der Texte, etwa im Vatikan, eine entscheidende Voraussetzung. Es braucht diese Fachlichkeit, um ernst genommen zu werden. Aber natürlich haben wir auch ganz andere Zielgruppen, für die wir ebenfalls verständlich sein müssen. Deshalb brauchen wir gleichermaßen Kurzfassungen der Texte wie auch Übersetzungen. Nicht nur in internationale Sprachen, sondern auch in ein Deutsch, das ohne theologische Vorbildung gut zu verstehen ist.

Logo zum "synodalen Weg"
Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht (Symbolbild)

Vom 3. bis 5. Februar findet die dritte Vollversammlung des Synodalen Wegs statt.

Frage: In der kommenden Synodalversammlung wird es gemäß der Satzung erstmals Abstimmungen mit gesonderten Bischofsvoten geben. Was passiert, wenn genügend Bischöfe gegen ein Papier stimmen – und es damit scheitert?

Bätzing: Uns Bischöfen allesamt ist die besondere Verantwortung bewusst, die wir haben. Auch für ein Gelingen dieses Synodalen Wegs. Bei unserer kommenden Frühjahrsvollversammlung werden wir zwei Drittel der Zeit der Befassung mit den vorliegenden Texten widmen. Gleiches ist für den Herbst geplant. Der Ernst der Lage ist allen sehr deutlich.

Frage: Wie viele von den Bischöfen mit Sperrminorität gekippte Abstimmungen hält der Synodale Weg denn aus?

Stetter-Karp: Ich bin keine Freundin davon, beim Gehen schon die Grenzen des Weges zu markieren. Ich habe das Zutrauen, dass wir gemeinsame Beschlüsse finden. Und wenn wir in eine kritische Situation kommen, müssen wir so gelassen sein, das anzunehmen. Das liegt in der Natur eines demokratischen Konstrukts – auch im Bundestag scheitern Beschlüsse.

Frage: Sprechen Sie sich eigentlich so ein bisschen im Sinne "Good Cop/Bad Cop" ab? Frau Stetter-Karp, bei Ihnen kommt Unmut mitunter weniger durch die Blume – braucht es zuweilen auch mal eine deutlichere Ansprache?

Stetter-Karp: Ich bin noch nicht lange im Amt, aber ich versuche, mich als Person nicht zu verstellen. Klarheit und Authentizität, das gehört durchaus zu mir. Wir sind in keiner einfachen Situation, deshalb muss manchmal Klartext geredet werden.

Frage: Das hat aber den Nachteil, dass man damit in Rom nicht unbedingt offene Türen findet. Wie sieht es denn da aus: Gibt es endlich einen Termin, an dem sie beide im Vatikan vorsprechen dürfen – oder zeigt man Ihnen dort weiter die kalte Schulter?

Bätzing: Kalte Schulter trifft nicht zu. Ich habe unlängst mit Papst Franziskus über den Synodalen Weg gesprochen, auch mit wichtigen Leuten im Vatikan. Mein Austausch mit Kardinal Mario Grech, dem Leiter des Weltsynodensekretariats, ist sehr intensiv. Tatsächlich gibt es noch keine Einladung des Präsidiums nach Rom. Aber wir werden eine Schnittstelle finden, die den Synodalen Weg in Deutschland mit dem der Weltkirche verbindet. Ich habe in den vergangenen Monaten wirklich viele Gespräche geführt, nicht nur in Rom. Etwa mit den Vorsitzenden der polnischen, der französischen und der Schweizer Bischofskonferenzen. Überall war der Synodale Weg Hauptthema.

Frage: Was sagen Sie Menschen, die es für völlig verantwortungslos halten, angesichts der aktuellen Pandemielage die Vollversammlung in Präsenz abzuhalten?

Bätzing: Es ist eine Frage der Abwägung und wir haben uns im erweiterten Präsidium dafür entschieden. Selbstverständlich halten wir alle staatlichen Vorgaben ein. Die Rückläufe zeigen: Der allergrößte Teil möchte das – 208 Synodale haben sich für eine physische Teilnahme in Frankfurt angemeldet. Der Wert des Zusammenkommens gerade jetzt, wo wir auch Endabstimmungen haben, ist natürlich nicht zu unterschätzen. Aber auch, wer nicht in Frankfurt zugegen ist, kann natürlich virtuell an den Abstimmungen teilnehmen.

Von Ludwig Ring-Eifel und Karin Wollschläger (KNA)