Wie man mit Kindern über den Glauben sprechen kann

Nicht nur an Feiertagen: Religiöse Erziehung im Familienalltag

Aktualisiert am 19.03.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Nicht nur in der Fastenzeit, zu Ostern oder Weihnachten setzen sich Kinder mit religiösen und weltanschaulichen Fragen auseinander. Zur ganzheitlichen Entwicklung gehört deshalb auch religiöse Erziehung. Von der Auseinandersetzung mit Gott und der Welt profitieren Kinder und Erwachsene.

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Die Fragen nach dem Woher, dem Wohin und dem Warum des Lebens sind existenziell – nicht nur für Erwachsene. Auch Kinder bringen von selbst eine große religiöse Offenheit und Neugier mit. Aus dem, was sie erleben, was sie erfahren und was andere ihnen mitteilen, entwickeln sie selbstständig eigene religiöse Vorstellungen. Das ist auch wichtig für die Entwicklung der Kinder – und ein Ansatzpunkt für religiöse Erziehung. Diese könne Menschen zu einer ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung verhelfen, sagt Heike Helmchen-Menke, Referentin für Elementarpädagogik am Institut für Religionspädagogik der Erzdiözese Freiburg. "Und zur ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung gehört eben auch der religiöse Zugang zur Welterfassung dazu", so die Theologin. Auch Entwicklungspsychologen und Pädagogen würden diesen Aspekt immer wieder betonen.

Aber nicht immer sehen sich Eltern dazu in der Lage, sind manchmal unsicher oder fühlen sich dafür nicht gut genug ausgebildet. Das muss aber kein Hindernis sein. "Der Religionsgründer des Christentums hatte auch nicht studiert", beruhigt Helmchen-Menke. "Und religiöse Erziehung ist keine Frage akademischer Bildung." Zwar sei es legitim, die religiöse Erziehung Fachkräften etwa in der Kita, im Kindergarten, der Schule oder der Kirchengemeinde zu überlassen. Dann fehle allerdings ein wichtiger Teil, nämlich der persönliche Zugang.

Problem bei Trennung von Alltag und Religion

Das hat auch Christine Schniedermann erlebt: Mit ihren Eltern ging sie in der Kindheit jeden Sonntag in die Kirche, nahm am Religionsunterricht und der Erstkommunionvorbereitung teil. Gespräche über Glauben, Jesus oder Bibelgeschichten haben allerdings nicht stattgefunden. Aufgrund dieser Trennung habe sie den Glauben zunächst nicht ins Erwachsenenleben mitgenommen, weil sie nicht genau wusste, was sie in ihrem Alltag damit anfangen konnte, erzählt die Journalistin und Autorin heute. Über den Glaubensalltag mit der Familie hat die zweifache Mutter ein Buch geschrieben.

Die Autorin Christine Schniedermann und die Theologin Heike Helmchen-Menke
Bild: ©Sabine Gassner / Institut für Religionspädagogik Freiburg / Montag:katholisch.de

Sind sich einig, dass Glaube und Religion schon früh in der Erziehung eine Rolle spielen sollten: Autorin Christine Schniedermann und die Theologin Heike Helmchen-Menke

"Ich glaube, dass es wert ist, Kindern die christlichen Werte mitzugeben, und ich hatte das von Anfang an geplant", sagt Schniedermann. Ihr Mann ist nicht getauft, fand die Wertevermittlung aber trotzdem großartig. "Da waren wir uns schnell einig", sagt die Autorin. "Auch wenn ich keine Ahnung habe, was meine Kinder später machen, möchte ich Ihnen die Chance bieten, über die Bibel Bescheid zu wissen und sie vielleicht mal als Anker wahrzunehmen." Wegwerfen könnten die Kinder dieses Rüstzeug später immer noch, ist Schniedermann überzeugt.

Wie man diese Inhalte im Familienalltag transportieren kann? Viele Aspekte und Erzählungen in der Bibel findet die Autorin sehr lebensnah und auch schon für junge Kinder geeignet – beispielsweise als Ratgeber in alltäglichen Situationen. So kann etwa die Geschichte vom Zöllner Zachäus viel darüber aussagen, wie Kinder mit Ausgrenzung auf dem Schulhof umgehen sollten. Phasenweise fanden ihre Kinder die biblischen Erzählungen sogar so gut, dass sie sie statt einer Gute-Nacht-Geschichte abends vorgelesen bekommen wollten, erzählt Schniedermann.

Mitfeier von Festen wichtig – aber nicht nur

Auch in den alltäglichen Beobachtungen von Kindern spielen religiöse Überlegungen eine Rolle. So kam eine Tochter von Schniedermann selbst zu der Erkenntnis, dass die Familie im Sommerurlaub kaum ferngesehen hatte und auch das Smartphone oft ausgeschaltet war und verglich das mit der Fastenzeit. Daraus entwickelte sich ein Gespräch über Verzicht und die Bedeutung von Fasten. Solche Gelegenheiten, über religiöse Themen zu sprechen, stoßen die Kinder oft selbst an, wenn sie beispielsweise nach dem verstorbenen Opa fragen, danach, ob man gewollt oder ein Zufallsprodukt ist oder was Kriege oder die Corona-Pandemie eigentlich mit Gott zu tun haben.

Konkrete Situationen bieten sich aber auch auf andere Weise. Ob Erntedank, Sankt Martin, Nikolaus, Weihnachten, Fastenzeit oder Ostern: Im Jahresverlauf gibt es viele kirchliche Traditionen, die auch Kinder spannend finden. Das Mitfeiern, Erschließen und Miterleben dieser Feste des Kirchenjahres sei wichtig, um in einer Religion mitzuwachsen, sagt Helmchen-Menke. Doch die Feste machen die Religion nicht exklusiv aus. "Sonst würde sich ein Kind ja zurecht fragen: Was hat das, was bei diesen Festen gefeiert wird, mit mir zu tun?" Die Verbindung zu Alltag ist daher entscheidend – und es lohnt sich, sich Zeit dafür zu nehmen. "Das muss gar keine zusätzliche Zeit sein, sondern es kann beim Tomatenschneiden für das Abendessen sein, dass man sich als Eltern mit den Kindern Gedanken darüber macht, was heute erfreulich und was traurig gewesen ist und was das bedeutet", erklärt die Theologin.

Buchtipps

Schniedermann, Christine: Ich würde Jesus meinen Hamster zeigen. Aus dem Glaubensalltag mit unseren Kindern. Herder, Freiburg 2021, 176 Seiten, 16 Euro. ISBN: 978-3-451-03289-9

Helmchen-Menke, Heike: Ins Leben begleiten. Religionssensibel durch den Familienalltag. Patmos, Ostfildern 2020, 192 Seiten, 19 Euro. ISBN: 978-3-8436-1159-6

Religiöse Gespräche lassen sich aber auch über gezielte Fragen der Eltern initiieren, beispielsweise: "Wenn du Gott jetzt etwas fragen könntest, was würdest du ihn fragen?" Solche Fragen würden wahnsinnige Dimensionen eröffnen – und oftmals nicht nur die Kinder zum Nachdenken bringen, sagt Helmchen-Menke. Wichtig sei es dabei, den Nachwuchs ernst zu nehmen. "Ich kann den Glauben nicht wie einen Schuhkarton an mein Kind weiterreichen", sagt die Theologin. Kinder entwickelten den allergrößten Teil ihrer religiösen Vorstellungen selbsttätig aus dem, was sie angeboten bekommen, was sie erleben und erfahren.

Eine Form solcher Erfahrung im Familienalltag können auch Rituale sein. Seit ihre Kinder Babys waren, betet Christine Schniedermann jeden Abend für sie oder mit ihnen. "Ohne ihnen 'Gute Nacht' zu sagen, ohne sie noch einmal kurz zu drücken, ohne ein Gebet als endgültigen Tagesabschluss würde mir etwas fehlen", schreibt die Autorin in ihrem Buch. "Es wäre, als würde ich die Kinder und den Tag ins Leere laufen lassen." Schniedermann verwendet dafür ein Gutenachtgebet, das ihr bereits mündlich überliefert wurde. Für andere Familien, bei denen es passt, empfiehlt Helmchen-Menke einen freier formulierten Tagesrückblick in Form eines Gebets, bei dem alle schönen und traurigen Erfahrungen vor Gott gebracht werden können. Gleichzeitig kann dann auch für Menschen gebetet werden kann, die dem Kind am Herzen liegen und die vielleicht eine schwierige Situation durchstehen müssen.

"Religiöse Erziehung ist ein dialogischer Prozess"

Ein anderes solches Ritual kann auch die Segnung des eigenen Kindes sein – gerade dann, wenn die Eltern es nicht begleiten können, beispielsweise auf dem Weg zur Schule, zum Musikunterricht oder zum Fußballturnier. Es sei auch für die Eltern eine schöne Erfahrung, zu wissen: Das Kind ist nicht allein, auch wenn ich es selbst nicht begleiten kann, sagt Helmchen-Menke. Gleichzeitig sehe das Kind die Zusage, dass Mutter und Vater nicht das Einzige im Leben sind.

Natürlich kann das alles manchmal auch zu viel werden und das Kind etwa mit "Mama, heute Abend bitte keine Jesusgeschichten" seinen Unmut äußern. "Da merken wir Eltern, dass jetzt etwas anderes angesagt ist", sagt die Theologin. Wichtig ist es daher, die Kinder bei der religiösen Erziehung erst zu nehmen und mit ihren Wünschen, Hoffnungen und Ängsten einzubinden. "Religiöse Erziehung ist ein dialogischer Prozess zwischen Eltern und Kind", erklärt Helmchen-Menke. So bringt religiöse Erziehung nicht nur den Kindern etwas – auch Eltern können in den Gesprächen selbst religiös wachsen.

Von Christoph Brüwer