Kardinal wagt öffentliche Begegnung mit Betroffenen

Marx: Sexueller Missbrauch stellt das Gesamtsystem Kirche in Frage

Aktualisiert am 22.03.2022  –  Lesedauer: 

München ‐ Der Münchner Kardinal Reinhard Marx stellt die Systemfrage. Darunter geht es für ihn nicht mehr im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche. Doch die direkte Begegnung mit Betroffenen fällt ihm nicht leicht.

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"Maria breit den Mantel aus, mach' Schirm und Schild für uns daraus", heißt es in einem bekannten Kirchenlied. Doch wo war die Gottesmutter, als Kinder und Jugendliche von Vertretern der Kirche missbraucht wurden? Warum ließ sie sie "mutterseelenallein, vaterseelenallein, ja kirchenseelenallein"? Der Arzt Stefan R. M. Fennrich fasst den Schmerz stellvertretend in Worte für all jene, die sexuellen Missbrauch in der Kirche erlebt haben. Begleitet wird er von seiner Frau am Flügel. Es ist am Montagabend der künstlerische Einstieg in eine Veranstaltung, wie es sie so im Erzbistum München und Freising noch nicht gegeben hat.

Er solle die Opfer sexuellen Missbrauchs endlich "empathisch" wahrnehmen, hatte der Sprecher des Betroffenenbeirats, Richard Kick, noch vor wenigen Tagen an den Münchner Kardinal Reinhard Marx appelliert, und das nicht zum ersten Mal: "Treten Sie in persönlichen Kontakt mit den für ihr Leben geschädigten und traumatisierten Betroffenen." Nun ist der Kirchenmann da und stellt sich der Begegnung erstmals öffentlich.

Das Motto lautet schlicht "Betroffene hören". Zu Wort kommen sollen Menschen, die sich bisher nicht getraut haben, von ihrem Schicksal zu erzählen. Das Künstlerhaus ist ein neutraler Ort dafür. Noch bevor es losgeht, gibt es den Hinweis, dass weitere kleine Räume zur Verfügung stehen, um mit geschulten Personen Vier-Augen-Gespräche führen zu können.

Betroffene brauchen Geduld

Doch die Betroffenen brauchen auch an diesem Abend Geduld. Über zwei Stunden ziehen sich künstlerisches Programm und Podiumsdiskussion. Manch einer geht schon in der Pause und tut dies auf Twitter kund. Der Kardinal nutzt die Zeit, in der die Bühne umgebaut wird, um vorsichtig mit ihm unbekannten Menschen, die auch noch Corona-bedingt Masken tragen, direkt ins Gespräch zu kommen.

Wer bleibt, erlebt zumindest den ehrenwerten und nicht einfachen Versuch, miteinander eine ehrliche, ruhige Diskussion zu führen. "Missbrauch bricht Vertrauen", sagt Barbara Haslbeck. Wer so etwas in der Kirche erlebt habe, dessen Bild von Gott verdunkle sich, erläutert die katholische Theologin aus Regensburg, die im Trägerteam der Initiative "Gottsuche" mitarbeitet, wo Betroffene unterstützt werden. Auch hier sei Begleitung nötig.

Münchner Missbrauchsgutachten
Bild: ©picture alliance/dpa-Pool/Sven Hoppe

Das Gutachten zu Fällen von sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising wurde im Januar vorgestellt.

Die Erzdiözese reagiert darauf. Ab 1. Juni wird es mit Kilian-Thomas Semel (54) erstmals einen Priester als Seelsorger für Missbrauchte geben. Auch an ihm verging sich ein Priester, als er Ministrant war. Marx gibt zu, dass es nicht leicht ist, die Geschichten von Betroffenen zu hören. Die Beschreibung der Taten zeige die Brutalität auf, die ihn ein ums andere Mal wieder sprachlos mache.

Sexueller Missbrauch im Raum der Kirche stellt seinen Worten nach das "Gesamtsystem in Frage". Das sei ihm in den vergangenen Jahren noch deutlicher geworden. Er wolle sich als Bischof nicht aus der Verantwortung ziehen, dennoch müsse sich "die Kirche als ganze dem Thema stellen" und nach den systemischen Ursachen fragen.

Am Tag nach der Veranstaltung bilanziert der Sprecher des Betroffenenbeirats. Euphorisch klingt er nicht, aber doch zufrieden. Es sei ein erster Versuch gewesen, sagt Kick. Irgendwann müsse man ja einmal anfangen. Jedenfalls seien sich die Vertreter der Erzdiözese und der Betroffenenbeirat einig gewesen, mit solchen Formaten und anderen auf alle Fälle weiter zu machen.

Schwachstellen der Aufarbeitung

Die Diskussion im Anschluss zeigte noch einmal Schwachstellen auf innerhalb der Aufarbeitung. Seit der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens hätten sich bei ihm als Sprecher bereits über 30 Betroffene aus dem sogenannten Dunkelfeld gemeldet, so Kick. Bei den offiziellen Stellen sind es nur um die 20.

Aber auch das Gespräch der Betroffenen untereinander ist schwierig, wie sich zeigt. Emotionen brechen auf, ungeduldige Erwartungen werden formuliert, was eine ruhige und sachliche Diskussion nicht unbedingt erleichtert. Klar wird aber auch: Nicht alles läuft wirklich rund. Wo bleibt das Geld für die weiteren Therapiestunden? Warum geht das nicht schneller? Nachjustieren ist angesagt, gibt auch der Sprecher des Betroffenenbeirats zu.

Wie hat sich Marx geschlagen? Der Kardinal hat einen weiteren Lernschritt gesetzt. Dem stimmt auch Kick zu. Dennoch wird er ihn weiter hart angehen – wenn es sein muss, auch in aller Öffentlichkeit.

Von Barbara Just (KNA)