Zwischen Glaubensweitergabe und weiblichem "Empowerment"

Was macht die Spiritualität von Frauen aus?

Aktualisiert am 07.04.2022  –  Lesedauer: 
Bild: © KNA

Bonn ‐ Christliche Liturgie und Frömmigkeit wurden in den vergangenen nahezu 2.000 Jahren überwiegend von Männern geprägt. Viele Frauen suchen heute deshalb neue Wege zu einem eigenen geistlichen Leben. Doch was sind die Kennzeichen einer Spiritualität von Frauen?

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Die Kirche in Deutschland befindet sich in einer Zeit des Umbruchs. Diese Krise zeigt sich nicht nur in der Aufarbeitung des kirchlichen Missbrauchsskandals, in den steigenden Austrittszahlen und in den Reformbemühungen des Synodalen Wegs. In den vergangenen drei Jahren sind auch die Frauen in der Kirche sichtbarer geworden – und lauter. Denn der Unmut über die ausschließlich von Männern geführte katholische Amtskirche ist bei vielen Katholikinnen gewachsen. Vor knapp drei Jahren, im Mai 2019, riefen Frauen aus Münster zu einem bundesweiten Kirchenstreik der weiblichen Gläubigen auf. Es war die Geburtsstunde von "Maria 2.0".

Für Annette Esser sind die Aktionen der weiblichen Protestbewegung ein Paradebeispiel für einen konstruktiven Umgang mit Missständen in Kirche und Gesellschaft. "Die Frauen nehmen wahr, was in der Kirche schlecht läuft und verwandeln ihren Zorn in einen konstruktiven Akt", so die promovierte Theologin. Die Aktivistinnen würden mit den von ihnen gestalteten Bildern, Initiativen und auch Liturgien ihrer Motivation hinter den Aktionen Ausdruck verleihen: eine genuine Spiritualität von Frauen.

"Wir machen das einfach, ohne die Männer zu fragen"

Kennzeichnend für eine Spiritualität von Frauen sei, dass sie versuche, die historisch überlieferte Frömmigkeit der katholischen Kirche, die bis heute stark männlich geprägt sei, zu dekonstruieren, erklärt Esser. "Es geht darum, sich klarzumachen, dass vieles von dem, was wir in diesem Feld als 'normal' ansehen, aus der klerikal geprägten Liturgie stammt." Viele Frauen würden während der Entwicklung ihrer eigenen Spiritualität daher diese Einseitigkeit aufbrechen und sich neue Räume von Gebet und Meditation erschließen, die manchmal auch außerhalb der Kirche liegen könnten. "Wir machen das einfach, ohne die Männer zu fragen", sagt die Theologin.

Esser weist zudem darauf hin, dass die Begriffe "weibliche" oder "Frauen-Spiritualität" problematisch sind: "Sie wirken etwas naiv, sind verallgemeinernd und wurden vor allem in den 1970er Jahren benutzt." Besser sei es, von einer "Spiritualität von Frauen" oder besser noch von "feministischer Spiritualität" zu sprechen. Auf diese Weise werde klar, dass sich eine Spiritualität von Frauen in der Tradition der feministischen Theologie begreifen könne, die sich kritisch mit der Kirche und ihren Problemen aus Sicht der Frauen auseinandersetzt.

Maria 2.0
Bild: ©picture alliance/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt

Die Theologin Annette Esser sieht in der Reformbewegung "Maria 2.0" einen Ausdruck feministischer Spiritualität.

"Gleichzeitigt sucht eine feministische Spiritualität Wege und Formen, um neue weibliche Traditionen in der Kirche aufzubauen oder an historisch überlieferte anzuknüpfen", weiß Esser, die Vorsitzende des Scivias-Instituts in Bad Kreuznach ist. Die von der Theologin gegründete Einrichtung setzt sich besonders mit dem Werk der heiligen Hildegard von Bingen auseinander, die, wie etwa auch Teresa von Ávila, eine bekannte Bezugsfigur der Kirchengeschichte für eine feministische Spiritualität ist. Diese Verbindung würden auch die beiden großen Frauenverbände der Kirche, der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) und die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) bei ihren spirituellen Angeboten betonen.

Beatrix Bottermann bezeichnet die kfd als "ihren Platz in der katholischen Kirche". Der Verband sei für sie "mehr Heimat als so manche Pfarrgemeinde", gibt die Rentnerin und promovierte Tierärztin zu. Bottermann engagiert sich seit 2009 als Vorstandsmitglied im kfd-Diözesanverband Münster und machte vor mehr als 15 Jahren die Ausbildung zur ehrenamtlichen geistlichen Leitung. "Es gibt immer weniger Priester, die diese Aufgabe als Präses übernehmen wollen." Außerdem könne eine Frau dieses geistliche Amt genauso gut ausüben, wie ein Kleriker. Bottermann betont, dass ehrenamtliche geistliche Leiterinnen in der kfd heute selbstverständlich und fest in der Philosophie des Verbands verankert seien.

Für Frauen Bibel wichtiger als Kirche

Als einen wichtigen Teil der Spiritualität von Frauen betrachtet sie die Weitergabe des Glaubens an die eigenen Kinder und Enkelkinder. "Ich lese meinen Enkeln natürlich Geschichten aus der Bibel vor und bete mit ihnen vor dem Essen", berichtet Bottermann aus ihrer Familie. Ihre drei Töchter habe sie katholisch erzogen, daher schmerze es sie, dass sie es ihrer Mutter nicht gleichtun und sich ebenfalls in Verband oder Pfarrei engagieren. "Aber die Kirche macht es den jungen Menschen derzeit auch nicht leicht", sagt sie mit Blick auf die kirchliche Vertrauenskrise. Dennoch macht Bottermann einen starken persönlichen Glauben bei ihren Töchtern aus. "Die Bibel und die Person Jesu sind in der weiblichen Spiritualität eben wichtiger als die Institution Kirche."

In der Kirche vermisst sie eine lebensnahe und weniger an der Tradition orientierte Auslegung der Bibel. "Bei so mancher Predigt eines Priesters wird mir klar, dass ich das Evangelium generell lebendiger verstehe", sagt Bottermann. Um Gottesdienste für Frauen attraktiver zu gestalten hat der Münsteraner kfd-Verband im vergangenen Jahr eine Reihe mit von Frauen gestalteten Wortgottesdiensten unter dem Titel "Frauen feiern das Wort" ins Leben gerufen. "Wir wollen bei diesen Gottesdiensten bewusst nicht beim überlieferten Ablauf bleiben, der an eine Messfeier angelehnt ist, sondern den Glauben mit allen Sinnen erfahrbar machen." Dabei wolle man besonders für Fragende und Suchende ansprechbar sein. Zum Angebot gehörten daher ein Poetry-Slam, eine Agape-Feier oder ein Gang durch die Natur.

Eine Familie betet
Bild: ©stock.adobe.com/WavebreakMediaMicro (Symbolbild)

Eine Familie betet vor dem Essen und hält sich dabei an den Händen: Für Beatrix Bottermann ist das Tischgebet mit ihren Töchtern und Enkeln sehr wichtig.

Bottermann gibt aber auch zu, dass nicht alle Frauen in der kfd etwas mit diesem neuen Ansatz oder auch mit dem jährlichen Predigerinnentag des Bundesverbands anfangen können. "Einige unserer älteren Mitglieder gehen bei neuen Ideen nicht mit und wünschen sich eher traditionelle Formen." Das sei zu respektieren und ein Zeichen der gesunden geistlichen Vielfalt innerhalb der Kirche, glaubt Bottermann. Dennoch verteidigt sie die Wortgottesdienste mit neuen Formen als besonderen Einsatz für eine "geschwisterliche Kirche".

Auch Esser räumt ein, dass es in der Kirche weibliche Gläubige gibt, die eine feministisch orientierte Spiritualität ablehnen. "So ist es etwa bei den Unterstützerinnen der konservativen Bewegung 'Maria 1.0', die als Kritik an 'Maria 2.0' gegründet wurde." Diese Frauen würden die Sicherheit der Tradition suchen, glaubt die feministische Theologin. Doch der Mehrheit der Katholikinnen reiche das nicht aus, sie seien auf der Suche nach einer zeitgemäßen Frömmigkeit. "Doch das bedeutet nicht, dass es in einer feministischen Spiritualität kein Korrektiv zu den eigenen Überzeugungen gibt. Was die Bibel oder heilige Frauen verkünden, ist auch eine Anfrage an die eigenen Überzeugungen."

Alte Formen werden wiederentdeckt

Für viele Frauen sei das Finden einer eigenen Spiritualität ein wichtiges "Empowerment". Dazu würden auch die Merkmale eines von Frauen geleiteten Gottesdienstes gehören, so Esser. "Ich denke etwa an eine inklusive Sprache, neue Lieder und Gebete, der Blick auf alle Fähigkeiten der Teilnehmerinnen, wie Tanz und Bewegung, sowie besondere Symbole." Dabei würden bisweilen auch alte Formen der Liturgie, wie Salbungen oder Litaneien wiederentdeckt und feministisch neu gedeutet. "Und natürlich sind auch Männer zu Gottesdiensten von Frauen eingeladen und können dort ihre Ideen einbringen." Denn eine feministische Spiritualität richtet sich nicht gegen Männer, sondern soll vielmehr in erster Linie den Frauen ermöglichen, ihren Glauben gleichberechtigt ausdrücken zu können.

Eine Grenze, die die Kirche aktuell hier steckt, ist jedoch das Frauenpriestertum, sagt Esser. Es sei in der Spiritualität von Frauen von großer Bedeutung, vom Fokus auf den Klerus wegzukommen. "Deshalb gibt es bei feministischen Gottesdiensten durchweg flache Hierarchien." Für Frauen sei es jedoch wichtig, in "etwas Gleichwertiges" zum Priestertum zu gelangen. Dabei denkt Esser an das allgemeine Priestertum aller Getauften, das in der Kirche schon heute gelebt werden kann. "Wir müssen eine klerikalistische Kirche überwinden." Feministische Spiritualität sei nicht darauf aus, jemandem etwas wegzunehmen, sondern das Evangelium Jesu zu leben. "Eines darf dabei nicht vergessen werden: Demut ist die wichtigste Tugend auf dem geistlichen Weg", sagt Esser. Demut heiße im Anschluss an Teresa von Ávila, "in Wahrheit zu wandeln". Die Wahrheit aber liege bei Gott allein: "Gott allein genügt – solo Dios basta". 

Von Roland Müller