Caritas-Präsidentin über den Umgang mit Geflüchteten aus der Ukraine

Welskop-Deffaa: Die Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge ist beeindruckend

Aktualisiert am 26.03.2022  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ Hunderttausende Ukrainer sind seit Beginn des Kriegs in ihrem Land nach Deutschland geflohen. Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa ist beeindruckt von der Willkommenskultur. Im Interview stellt sie aber auch Forderungen an die Politik.

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Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa zeigt sich beeindruckt von der Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen aus der Ukraine. Die Bereitschaft zur privaten Aufnahme sei deutlich höher als 2015, so Welskop-Deffaa im Interview. Zugleich mahnt sie den Staat zu einer raschen Einigung bei der Kostenübernahme und begrüßt das von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) angekündigte Spitzentreffen zur Integration in den Arbeitsmarkt.

Frage: Frau Welskop-Deffaa, der Krieg in der Ukraine geht in die fünfte Woche. Millionen Menschen sind auf der Flucht. Wie hat die Caritas darauf reagiert?

Welskop-Deffaa: Die Herausforderung ist immens. Umso mehr beeindruckt mich, wie das Räderwerk der Caritas bei den Hilfen ineinandergreift – von der Leistung von Caritas in der Ukraine leisten über die Arbeit in Polen oder Moldawien bis in die deutschen Hilfestrukturen.

Frage: Können Sie ein Beispiel nennen?

Welskop-Deffaa: Wir haben soeben dank Initiative unseres Fachverbandes CBP mehr als 100 Menschen einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung aus der Ukraine nach Ostwestfalen gebracht, wo sie in drei Caritas-Einrichtungen unterkommen konnten.

Frage: Wie sieht die Arbeit in der Ukraine aus?

Welskop-Deffaa: Hier leisten noch gut tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 34 Zentren auch in den Konfliktregionen Hilfe, oft unter Lebensgefahr. Sie unterstützen die Menschen auf der Flucht, und versorgen jene, die nicht fliehen können: Alte, Kranke, die sich keine Lebensmittel mehr besorgen können oder Obdachlose, deren Wohnung zerbombt wurde. Wir haben inzwischen mehrere Hundert Tonnen an Hilfsgütern verteilt.

Frage: Wie geht die Caritas mit der Ausnahmesituation um?

Welskop-Deffaa: Der Einsatz in einer Kriegsregion ist für die Caritas – leider – keine Ausnahme. Als Katastrophenhilfswerk der katholischen Kirche können wir auf viel Erfahrungen zurückgreifen. Wir sind im syrischen Aleppo oder im Jemen tätig, wo brutalste Gewalt herrscht und Verstöße gegen das Völkerrecht zum Alltag gehören.

„Mir sagt die Bahnhofsmission, dass noch mehr Ehrenamtliche heute im Einsatz sind als im Sommer 2015.“

—  Zitat: Eva Maria Welskop-Deffaa

Frage: Mit wem kooperieren Sie?

Welskop-Deffaa: Wir kooperieren sehr eng mit anderen europäischen Caritas-Organisationen – in der Ukraine selbst, in Polen, der Slowakei ... Sehr froh bin ich über das Zusammenwirken mit den Maltesern. Der diplomatische Status des Malteser-Ordens gewährt zusätzliche Möglichkeiten bei Logistik und Transport etwa von Medikamenten. An anderer Stelle nutzen wir die Kontakte des Salesianer-Ordens.

Frage: Es gibt immer wieder Kritik am Bund über mangelnde Koordinierung.

Welskop-Deffaa: Vor aller Kritik möchte ich zunächst die große Solidarität hervorheben. Den Menschen auf der Flucht wurde unmittelbar nach Kriegsbeginn vielfältig geholfen. Unsere Bahnhofsmission etwa hat rund um die Uhr Ankommende unterstützt, in enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn, die rasch muttersprachliche Informationen bereitgestellt hat.

Frage: Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen?

Welskop-Deffaa: Mir sagt die Bahnhofsmission, dass noch mehr Ehrenamtliche heute im Einsatz sind als im Sommer 2015. Allein am Hauptbahnhof München haben wir in den beiden vergangenen Wochen täglich bis zu 2.000 Menschen pro Tag durch 25 Haupt- und 140 Ehrenamtliche betreut. Beruflich und freiwillig Engagierte packen miteinander und koordiniert an.

Frage: Es gab immer wieder Warnungen, dass Kinder, Jugendliche oder Frauen Opfer von Straftätern werden. Nun wurde die Polizeipräsenz auf den Bahnhöfen erhöht.

Welskop-Deffaa: Wir hatten früh Hinweise, dass Flüchtende Opfer von Menschenhändlern, Gewalt- oder Missbrauchstätern werden können. Um keine zusätzlichen Ängste zu schüren, haben wir das zunächst diskret beim Präsidenten des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge angesprochen, der seinerseits mit Zoll und Bundespolizei im Gespräch ist. Inzwischen gibt es Schutzräume. Das verringert akute Gefährdungen.

Frage: Wo sehen Sie die größte Herausforderung bei Aufnahme und Integration?

Welskop-Deffaa: In der Sprache. Viele Ankommende können kaum Deutsch oder Englisch. Die Ukrainerinnen und Ukraine, die schon länger hier leben und übersetzen können, sind regional sehr ungleich verteilt. Im Alltag bauen Übersetzungsprogramme auf dem Handy eine Brücke.

Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorstand für Sozial- und Fachpolitik im Deutschen Caritasverband, am 26. August 2021 in Berlin.
Bild: ©Jannis Chavakis/KNA

Eva Maria Welskop-Deffaa, Vorstand für Sozial- und Fachpolitik im Deutschen Caritasverband, am 26. August 2021 in Berlin.

Frage: Ein weiteres Thema ist der Umgang mit traumatischen Erfahrungen.

Welskop-Deffaa: Kinder und Erwachsene mussten erleben, wie Verwandte starben oder ihr Haus in Trümmer fiel. Sie brauchen unsere Hilfe. Aber nicht jede belastende Erfahrung ist eine Traumatisierung im klinischen Sinne. Es ist wichtig, genau zu unterscheiden. Etwa zwischen Kindern, für die ein Platz in einer Kita so bald wie möglich gefunden werden sollte und denen, die Schonräume brauchen.

Frage: Zahlreiche Kinder und Mütter leben in brennender Ungewissheit über das Schicksal ihrer Männer und Väter.

Welskop-Deffaa: Ja, zur harten Realität gehört: Wer heute eine Mutter mit zwei Kindern aufnimmt, könnte morgen eine Witwe mit zwei Waisen beherbergen. Die Sorge der Frauen ist mit Händen zu greifen. Darauf müssen wir uns mit Beratungsangeboten noch stärker einstellen.

Frage: Wie bewerten Sie die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung?

Welskop-Deffaa: Sie ist beeindruckend, die Spendenbereitschaft ist groß und die vielen Angebote bei der privaten Unterbringung machen einen spürbaren Unterschied zu 2015. Das ist großartig. Allerdings warnen wir vor falschem Enthusiasmus. Es gibt Risiken enttäuschter Erwartungen auf beiden Seiten. Es ist wichtig, realistisch zu bleiben und Ansprechpersonen zu haben, die in Konflikten helfen. Die Caritas hat dazu einen Leitfaden vorgelegt, wir setzen uns für kommunale Ombudsstellen ein und werden weitere Angebote entwickeln.

Frage: Kommen wir nochmals auf die politischen Rahmenbedingungen in Deutschland zurück. Die Verteilung bleibt ein Streitpunkt, und einige Akteure fordern einen Flüchtlingsgipfel mit allen Beteiligten wie 2015.

Welskop-Deffaa: Sicherlich gibt es in den Abläufen noch vieles zu verbessern. Aber wir können schon jetzt von den Erfahrungen von 2015 profitieren. Vieles muss lediglich reaktiviert werden. Wer sich damals fand, tut sich jetzt auf lokaler Ebenen wieder schnell zusammen. Wir sind besser vorbereitet und können auf bewährte Muster zurückgreifen. Dazu gehört auch die Überzeugung: Flüchtlingsgipfel sind toll.

Frage: Das klingt nicht ganz überzeugt.

Welskop-Deffaa: Ich bin tatsächlich nicht hundert Prozent überzeugt, ob ein solcher Gipfel im Kanzleramt das Mittel der Wahl ist. Wesentlich scheint mir, dass sich die Leistungsträger in Bund, Ländern und Kommunen so schnell wie möglich über die Finanzierung einigen. Da ist mir der angekündigte 7. April schon fast zu spät.

„Die Ukraine ist ein europäisches Land mit einer bewundernswerten Demokratiebewegung.“

—  Zitat: Eva Maria Welskop-Deffaa

Frage: Wieso die Eile?

Welskop-Deffaa: Wir kommen immer mehr von der Erstversorgung am Bahnhof zur Regelversorgung in Einrichtungen und Beratungsangeboten. Wo wir ukrainische Kinder in einer Behinderten- oder Jugendhilfeeinrichtung aufnehmen, muss schnell klar sein, wer ihre Betreuung und Versorgung refinanziert.

Frage: Es besteht also kein weiterer Abstimmungsbedarf?

Welskop-Deffaa: Durchaus! Große Sympathien habe ich für das von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil geplante Spitzentreffen. Die Integration in Arbeit kann nachhaltig nur gelingen, wenn bei der Umsetzung der Massenzustromrichtlinie Arbeitsmarktpolitik und Aufenthaltsrecht praxistauglich aufeinander abgestimmt werden.

Frage: Worum geht es dabei?

Welskop-Deffaa: Etwa um Fragen, wie wir nach sechs Monaten oder einem Jahr die Bleibeperspektive regeln. Wer übernimmt zu welchem Zeitpunkt welche Aufgaben? Sollten sich Wohlfahrverbände um basalen Spracherwerb kümmern, damit die Integrationskurse darauf aufbauen können? Wie lassen sich Kinderbetreuung und Sprachangebote verzahnen?

Frage: Braucht es einen eigenen Integrationskurs trotz kultureller Nähe?

Welskop-Deffaa: Integrationskurse sind zentrale Angebote einer Willkommenskultur. Kulturelle Nähe und Ferne zeigt sich oft erst bei näherem Hinschauen. Die Ukraine ist ein europäisches Land mit einer bewundernswerten Demokratiebewegung. Zugleich hat der Europäische Menschenrechtsgerichtshof in den vergangenen Jahren wiederholt Anlass gehabt, auch gegen die Ukraine Verfahren einzuleiten. Und vergessen wir nicht: Aus der Ukraine flüchten in diesen Wochen auch Menschen aus aller Welt. Auch ihnen müssen Hilfsangebote umfassend offenstehen.

Von Christoph Scholz (KNA)