Vatikanischer Ökumene-Minister "würde in Moskau nicht überhört"

Ex-Abt von Einsiedeln: Kardinal Koch soll in die Ukraine reisen

Aktualisiert am 28.03.2022  –  Lesedauer: 

Zürich ‐ Viele wünschen sich angesichts des Kriegs eine Ukraine-Reise des Papstes. Das könnte aber Wladimir Putin und Patriarch Kyrill provozieren, meint Martin Werlen, Ex-Abt des Klosters Einsiedeln. Er bringt den vatikanischen Ökumene-Minister ins Spiel.

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Der frühere Abt des Schweizer Benediktinerklosters Einsiedeln, Pater Martin Werlen, wünscht sich eine Ukraine-Reise des vatikanischen "Ökumene-Ministers", Kardinal Kurt Koch. Der Präsident des päpstlichen Einheitsrats könnte dort zusammen mit den religiösen Führern des Landes die Stimme gegen den Krieg erheben, sagte Werlen im Interview mit dem Internetportal "kath.ch" (Montag). "Diese Stimme würde in Moskau nicht überhört". Zudem sei Koch befreundet mit Metropolit Hilarion, der Nummer zwei der russisch-orthodoxen Kirche. Zuletzt hatte Papst Franziskus die Kardinäle Michael Czerny und Konrad Krajewski in das ukrainische Grenzgebiet geschickt, damit sich diese ein Bild von der Lage machen und die Möglichkeiten konkreter Hilfe durch den Vatikan ausloten.

Ein Papst-Besuch wäre in der aktuellen Situation das stärkste Zeichen, so Werlen weiter. Er könne jedoch nicht beurteilen, wie sich das auf den Kriegsverlauf auswirken würde. Denn es bestehe die Gefahr, dass Präsident Wladimir Putin und Patriarch Kyrill den Besuch als westliche Übernahme auffassen und sich dadurch provoziert fühlen. "Diktatoren, die ihre Felle davonschwimmen sehen, sind unberechenbar." Auch habe Diplomatie in manchen Momenten ihre Grenzen. So distanziere sich Metropolit Hilarion nicht von Patriarch Kyrill. Dieser versuche, den Krieg mit antiwestlichen Parolen theologisch zu legimitieren. "Damit verlieren beide jede Glaubwürdigkeit." Das sei keine Grundlage, um seriös zusammenzuarbeiten. Wenn Kyrill den Krieg verurteilen würde, wäre Putin bald entwaffnet. "Doch Kyrill hat sich von Putin kaufen lassen", kritisiert der Benediktiner.

Froh, Franziskus als Papst zu haben

Im Hinblick auf die Zukunft der Kirche zeigt sich Werlen überzeugt, dass bald eine synodale Kirche komme. "Wir dürfen den synodalen Prozess nicht an der Geschwindigkeit messen – das wäre zum Verzweifeln." Er sei dankbar, so Werlen, dass die Kirche mit Franziskus einen Papst habe, " der diesen zutiefst kirchlichen Weg wagt". Früher habe es aus Rom "Denk-Verbote und Diskussions-Verbote" gegeben. "Jetzt können wir eigentlich in allem miteinander Gottes Willen suchen." Der weltweite synodale Prozess sei auf einem guten Weg.

Martin Werlen OSB, der an diesem Montag seinen 60. Geburtstag feiert, war von 2001 bis 2013 der 58. Abt des Klosters Einsiedeln und Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz. Seit Anfang 2020 ist er Propst von St. Gerold in Vorarlberg (Österreich). (mal)